Aufstand im Maghreb

14. Januar 2011 17:59; Akt: 17.01.2011 17:19 Print

Im Web tobt ein erbitterter KriegIm Web tobt ein erbitterter Krieg

von Thom Nagy - In Tunesien wird im Internet seit langem gegen staatliche Unterdrückung gekämpft. Doch es gibt gute Gründe, warum die Weltöffentlichkeit davon nichts erfuhr.

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Gewalt in Tunesien: Trotz Zensur finden hunderte von Amateuraufnahmen den Weg ins Internet. Im Grossformat auf dem Videoportal Videoportal
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Immer wenn sich eine Bevölkerung gegen staatliche Repression auflehnt, kommt der Informationshoheit eine entscheidende Rolle zu. Das war 2009 im Iran nicht anders als zur Zeit in Tunesien. Während die Welt damals via Social Networks wie Twitter, YouTube und Facebook und später auch über herkömmliche Medien hautnah dabei war, als die Frustration der Wahlverlierer auf den Strassen Teherans explodierte, erhielten die Aufständischen in Tunesien lange Zeit deutlich weniger internationale Aufmerksamkeit. Das dürfte sich spätestens mit dem Tod einer 67-jährigen Schweizerin ändern. Schon vorher gab es einiges zu berichten, insbesondere auch, was die Online-Aspekte der Proteste betrifft. Bis auf die Attacken von Anonymous auf Regierungswebsites blieb es aber seltsam still um den Kampf der Internet-Aktivisten. Warum die Weltöffentlichkeit weitaus gebannter nach Iran blickte, erklärt die ehemalige CNN-Korrespondentin Octavia Nasr in einem Blog-Eintrag von Ende Dezember mit folgenden Gründen:

  • 2009 waren internationale Medienorganisation in grosser Zahl im Iran vertreten, um über die mit Spannung erwarteten Wahlen zu berichten.

  • Die iranische Opposition hatte sich schon ein Jahr vorher organisiert. Und das sowohl vor Ort als auch auf Social Media wie Facebook und Twitter.

  • Die Behinderung der internationalen Berichterstattung durch das Ahmedinejad-Regime gab den Medienorganisationen einen guten Grund, nach alternativen Informationsquellen zu suchen.

  • Die per Handy geschossenen und ins Internet gestellten Bilder und Videos von der massiven Gewalt gegen die Proteste wurden gut organisiert mit der internationalen Gemeinschaft geteilt.

Im Gegensatz dazu war die Online-Community in Tunesien bis zum Tod von Sidi Bouzid sehr schlecht organisiert und wenig einflussreich. Ausserdem seien nur sehr wenige ausländische Journalisten im Land gewesen, die sich um eine ausgewogene Berichterstattung der Ereignisse bemüht hätten. Doch es gibt noch einen weiteren gravierenden Unterschied zum Cyberwar im Iran.

Blogger gegen den staatlichen Zensurapparat

Es ist eine wenig bekannte Tatsache, dass Tunesiens Zensurmaschinerie zu den effizientesten der Welt gehört. So schreibt beispielsweise Harvard-Wissenschaftlerin Jillian C. York in einem Artikel zum Thema Netzfreiheit: «Tunesiens Zensoren gehören zu den fortgeschrittensten und wirkungsvollsten der Welt. Trotz dem Anschein, eine sekuläre Demokratie zu sein, zensiert Tunesien Medien und Internet ganz offen und verhaftet Regimegegner regelmässig, darunter auch Blogger (2009 wurde das Land von der Journalisten-Organisation CPJ als einer der zehn gefährlichsten Orte für Blogger bezeichnet).»

Trotzdem finden sich auf den einschlägigen Plattformen mittlerweile hunderte von Videos von den Protesten. Der Hashtag #sidibouzid, mit dem das entsprechende Thema auf Twitter gekennzeichnet wird, gehörte zeitweise zu den sogenannten «Trending Topics», mit denen global besonders aktive Themen hervorgehoben werden.

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Aktivisten und Zensoren. Während die einen mit Texten, Bildern und Videos sowohl Mitstreite als auch die Welt auf ihre Anliegen aufmerksam machen wollen, gehen die anderen hart gegen die Veröffentlichungen vor. Dabei werden Methoden angewandt, die man ansonsten von Hackern kennt: Wie Techherald.com berichtet, betreibt die tunesische Internet-Behörde ATI Passwort-Phishing in grossem Stil. Dabei werden die Login-Daten von GMail-, Yahoo- oder Facebook-Usern von kleinen Software-Programmen abgefangen, sodass die Zensoren Zugriff auf die dortigen Daten erhalten - um sie dann gegebenenfalls zu löschen. Oder aber auch, um so Informationen über die Organisation hinter den Unruhen zu erhalten und sie so besser eindämmen zu können.

Unterstützung von Anonymous

Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, dass die Proteste von einer Gruppe unterstützt werden, die gerne mit ebensolchen Methoden operiert: Die Hackergruppe Anonymous - zuletzt in den Schlagzeilen wegen ihrer Unterstützung von Wikileaks, der auch die Seite von Postfinance zum Opfer fiel - hat nach eigenen Angaben zeitweise acht Regierungswebsites mittels sogenannten DDOS-Attacken lahmgelegt. Darüber hinaus rief die gesichtslose Organisation in der «Operation Tornisia» dazu auf, mittels sogenannten Tor-Servern eine Umgehung der Netzsperren zu ermöglichen oder veröffentlichte Anleitungen, wie man das Passwort-Phishing verhindern kann.

Revolution der Revolution

All das zeigt auf, wie das Internet im Kampf gegen staatliche Unterdrückung eine zweite Front eröffnet hat. Die Hoheit über den Cyberspace ist heute mindestens so wichtig wie diejenige über die Strasse. Und das ist beiden Seiten nur allzu bewusst.

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