Ägypten nach Mubarak

25. Januar 2012 19:43; Akt: 25.01.2012 19:43 Print

Lahme Wirtschaft fordert die Muslimbrüder

Ein Jahr nach der ägyptischen Revolution verhandeln Militär und Islamisten hinter den Kulissen über eine Verfassung. Erste Priorität hat jedoch die Bewältigung der Wirtschaftskrise.

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Warten auf Touristen in der Grabanlage von Sakkara: Der Fremdenverkehr ist seit der Revolution um mehr als 30 Prozent eingebrochen. (Bild: Keystone/Khaled Elfiqi)

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Am 25. Januar 2011 begannen in Kairo die Massenproteste gegen Präsident Hosni Mubarak. Weniger als drei Wochen später, am 11. Februar, wurde der Langzeit-Autokrat gestürzt. Der grenzenlose Jubel von damals ist längst verflogen. Zum ersten Jahrestag der Revolution wurde zwar gefeiert und auf dem Tahrir-Platz auch wieder demonstriert. Doch die grosse Mehrheit der Ägypter ist revolutionsmüde – sie sehnt sich nach Normalität.

Das betrifft besonders die wirtschaftliche Lage. Als Folge der Revolution sind die ausländischen Investitionen weitgehend zum Erliegen gekommen. Der Tourismus ist um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Die Arbeitslosenquote beträgt offiziell 12 Prozent, doch unter den Jungen dürfte sie mindestens doppelt so hoch sein, schreibt die «New York Times». Vielen Ägyptern geht es nicht besser, sondern schlechter als vor der Revolution.

Widerstand gegen IWF aufgegeben

Das liegt auch an der Inflation, die sich im zweistelligen Bereich bewegen soll. Als Folge davon gerät das ägyptische Pfund unter Abwertungsdruck. Wirtschaftsexperten halten einen solchen Schritt für unvermeidlich, doch die Folge wären massiv höhere Preise für Lebensmittel und andere Güter – ein sicheres Rezept für soziale Unruhen in einem Land, in dem 40 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen. Gerüchte über Preiserhöhungen führten letzte Woche dazu, dass das Benzin knapp wurde.

Um die Abwertung der Währung zu verhindern, haben der Militärrat und die von ihm eingesetzte Übergangsregierung die ägyptischen Devisenreserven angezapft. Diese sind innerhalb eines Jahres von 36 auf 10 Milliarden Dollar gefallen – ein gefährlich tiefer Wert. Die Militärs haben deshalb ihren Widerstand gegen Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Kredit von 3,2 Milliarden Dollar aufgegeben. Mehr noch: Die Regierung könnte laut «New York Times» einen «noch grösseren Kredit beantragen».

Selbst die Muslimbruderschaft, die bei der Parlamentswahl die Mehrheit der Sitze nur knapp verpasst hat, scheint offen zu sein für eine IWF-Unterstützung. Ihre Führer anerkennen, dass die Bewältigung der Wirtschaftskrise ein Lackmustest für ihre Regierungsfähigkeit sein wird. Pragmatismus ist angesagt, von Alkohol- und Bikiniverboten, die für den Tourismus verheerend wären, ist (vorerst) keine Rede mehr. Die islamischen Parteien hätten eingesehen, «wie wichtig diese Branche für die ägyptische Wirtschaft ist», sagte Tourismusminister Munir Fakhry Abdel Noor in einem Interview mit «Al Ahram».

Nicht islamischer als heute

Für eine pragmatische Haltung sprechen auch die Verhandlungen über die Eckpfeiler einer neuen Verfassung, die gemäss «New York Times» zwischen Muslimbrüdern und Militärs hinter den Kulissen stattfinden. Demnach soll die Übergangsregierung noch bis zu den Präsidentenwahlen im Juni an der Macht bleiben. Danach soll Ägypten ein Präsidialsystem nach französischem Vorbild erhalten. Die Justiz soll weiterhin auf der Scharia beruhen, aber nicht islamischer werden als heute, Religions- und Meinungsfreiheit sollen garantiert sein.

Dies dürfte kaum den Vorstellungen der ultrakonservativen Salafisten entsprechen, die bei der Parlamentswahl rund 25 Prozent der Stimmen erzielten. Liberale Ägypter und Menschenrechtler hingegen reagierten verhalten positiv, obwohl einige von ihnen das Fehlen einer öffentlichen Debatte über eine neue Verfassung beklagen. Der Militärrat habe die Ägypter «dieser historischen Gelegenheit beraubt», klagte Hossam Bahgat, Leiter der Ägyptischen Initiative für persönliche Rechte, gegenüber der «New York Times».

Experten sind optimistisch

Doch dies kümmert die wenigsten seiner Landsleute, sie haben andere Sorgen. «Unsere Priorität sind Wirtschaftsreformen. Wir müssen Stabilität schaffen und die Armut reduzieren», sagte Sobhi Saleh, ein führender Muslimbruder und Abgeordneter aus Alexandria, der «Los Angeles Times». Er verweist auf 60 Milliarden Pfund (rund neun Milliarden Franken) an unbezahlten Steuern von Geschäftsleuten, die mit der ehemaligen Regierung verbandelt waren, und auf mehr als 500 Milliarden aus Grundstücksgeschäften, die vom alten Regime zum «Freundschaftspreis» abgewickelt wurden: «Wir können diese einziehen.»

Auch unabhängige Wirtschaftsexperten zeigen sich optimistisch, dass Ägypten den Kollaps vermeiden kann und die Muslimbrüder die richtigen Schritte einleiten werden. Die Islamisten unterstützten die freie Marktwirtschaft, sagte Ahmed Galal, Direktor des Economic Research Forum in Kairo und ehemaliges Kadermitglied der Weltbank. Sie hätten die Notwendigkeit erkannt, das wuchernde Subventionswesen zu reformieren: «Diese Leute wollen Erfolg. Sie orientieren sich stärker an Ländern wie der Türkei als an Iran oder Afghanistan.»

(pbl)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Ambühl am 25.01.2012 20:11 Report Diesen Beitrag melden

    es kommt nicht besseres nach!!

    Wirklich sehr schade für alle Nordafrikanischen Ländern, welche zuletzt ihr regierung gestürzt haben. Es wird ja nicht besser, weil die neuen auch nur Fanatiker sind ind die Intelligenz weiterhin fehlt, um weltweit anerkannt zu werden und das eigene Land zu stabilisieren. Es lebe die Scharia!!!

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  • Lukas Lehner am 26.01.2012 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    Freuen wir uns doch..

    Ich bin nicht optimistisch, dass die Islamisten (welche per Definition extrem sind) die Richtigen sind um die Wirtschaft aufzubauen. In 10 Jahren wird es immernoch gleich aussehen wie heute. Und zwar weil es die Ägypter so wollen. WerIslamististen wählt, wählt Mittelalter. Die Ägypter wollen offensichtlich keinen Fortschritt. Das sollte uns in Europa freuen. Den Islamisten reicht geistige Nahrung.Würden sie auch ein solches Wirtschaftswachstum wie z.B. die Chinesen anstreben wäre am Schluss weniger (Ressourcen, Macht ) für uns übrig.

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  • Tommy am 26.01.2012 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    Religion = Hindernis

    Demokratie ist ja schön und gut, aber wenn die Bevölkerung der nordafrikanischen Staaten nur islamischte/islamistische Parteien wählt dann müssen sie sich nicht wundern wenn es mit ihren Ländern bach ab geht! Religion (und zwar alle nicht nur der Islam) sind nichts anderes als eine Behinderung des Fortschritts und des Wohlstands!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tommy am 26.01.2012 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    Religion = Hindernis

    Demokratie ist ja schön und gut, aber wenn die Bevölkerung der nordafrikanischen Staaten nur islamischte/islamistische Parteien wählt dann müssen sie sich nicht wundern wenn es mit ihren Ländern bach ab geht! Religion (und zwar alle nicht nur der Islam) sind nichts anderes als eine Behinderung des Fortschritts und des Wohlstands!

    • Urs Schöner am 26.01.2012 10:17 Report Diesen Beitrag melden

      @Tommy

      Die europäische Geschichte hat es bereits bewiesen. Warum bloss wird die religiöse Herrschaft in Nordafrika nicht einfach übersprungen?

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  • Lukas Lehner am 26.01.2012 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    Freuen wir uns doch..

    Ich bin nicht optimistisch, dass die Islamisten (welche per Definition extrem sind) die Richtigen sind um die Wirtschaft aufzubauen. In 10 Jahren wird es immernoch gleich aussehen wie heute. Und zwar weil es die Ägypter so wollen. WerIslamististen wählt, wählt Mittelalter. Die Ägypter wollen offensichtlich keinen Fortschritt. Das sollte uns in Europa freuen. Den Islamisten reicht geistige Nahrung.Würden sie auch ein solches Wirtschaftswachstum wie z.B. die Chinesen anstreben wäre am Schluss weniger (Ressourcen, Macht ) für uns übrig.

    • Urs Schöner am 26.01.2012 10:20 Report Diesen Beitrag melden

      @Lukas

      Und wohin flüchten die Armen und Unzufriedenen? zu uns um hier gleich mal das Mittelalter wieder einzuführen. Darauf könnte ich verzichten.

    • Nachdenklich am 26.01.2012 18:20 Report Diesen Beitrag melden

      Nur ein starker Gegner macht stark

      Ein starker Konkurent zwingt einen ebenfalls stark zu werden. Zweiter zu sein in einer Starken Umgebung ist besser als Erster in einem lahmen Team. Manchmal glaube ich die muslimische welt hat einfach augegeben aus Angst es nicht zu schaffen. Sie haben immer vom Oel gelebt und nie was eigenes aufgebaut. Nun haben sie Angst. Angst weil sie es nie gelernt haben sich in der Wirtschaft zu behaupten. Und dann kommen sie als Asylanten nach Europa.

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  • Peter Ambühl am 25.01.2012 20:11 Report Diesen Beitrag melden

    es kommt nicht besseres nach!!

    Wirklich sehr schade für alle Nordafrikanischen Ländern, welche zuletzt ihr regierung gestürzt haben. Es wird ja nicht besser, weil die neuen auch nur Fanatiker sind ind die Intelligenz weiterhin fehlt, um weltweit anerkannt zu werden und das eigene Land zu stabilisieren. Es lebe die Scharia!!!

    • Dave Ya am 25.01.2012 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Chance

      Sorry, aber das war eine voll deplazierte, anti muslimische Aussage von Ihnen ! Auch die Muslimbrüder haben erkannt, das Sie sich der Marktwirtschaft und dem liberalem muslimischen Weg öffnen müssen ! Das hätten Sie eigentlich aus dis Artikel heraus lesen können !! Gebt Ihnen eine Chance sich zu entwickeln und nicht alles verteufeln, ok !!

    • Fritz Schaffner am 25.01.2012 22:51 Report Diesen Beitrag melden

      Chance

      Sorry, Dave Ya, aber da sind Sie selber sehr deplaziert! Die Muslimbrüder haben nämlich überhaupt nichts erkannt, sie beugen sich höchstens sehr ungern dem wirtschaftlichen Druck.

    • Hans Raetz am 26.01.2012 07:54 Report Diesen Beitrag melden

      Nichts ist besser

      Dave Ya, was wollen sie weiterentwickeln, wenn mit dem religiösen Fantatismuss und Dummheit schon alles Zerstört ist. Tourismus schon -30% bald -50bis 70 % und das alles wegen Fantismus. Die das bestimmen haben doch schon genug, also wo ist der Unterschied zu vorher.

    • Beobachter am 26.01.2012 08:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      An Dave

      Die Muslimbrüder werden nur das absolut minimal notwendige machen um in der Marktwirtschaft so knapp zu überleben. Und auch das nur widerwillig. Der Schlüssel für eine Zukunft im Mittelstand ist eine vernünftige Familienpolitik mit etwa 2 Kindern im Schnitt um die Arbeitslosigkeit langfristig in den Griff zu bekommen und Gleichberechtigung für die Frauen. Beides widerspricht der islamischen Interpretation der Muslimbrüder. Und mit 4-6 Kindern pro Familie ist die Katastrophe vorprogrammiert.

    • Phil am 26.01.2012 09:16 Report Diesen Beitrag melden

      Moment.....

      ... Hr. Ambühls Aussage ist zwar unglücklich formuliert. Aber widerlegt werden kann sie nicht, oder? Natürlich gibt es Kräfte in Ägypten die bis hin zur Scharia wollen. Sollten wir wirklich glauben, ein Parlament von 70%+ Muslimen und lediglich 10% Christen oder anderen Kräften wäre offen, chancengleich und demokratisch - Nö!!

    • Jenny am 26.01.2012 09:58 Report Diesen Beitrag melden

      Kein Vergleich!

      Ägypten kann man auch nicht mit z.B. Tunesien vergleichen! Sorry aber lasst sie es doch erst mal versuchen. Diese Leute haben noch nie mit einer Demokratie gelebt und probieren das nun.

    • Tommy am 26.01.2012 10:29 Report Diesen Beitrag melden

      @Phil

      Das Problem ist nicht das Verhältnis von muslimen und Christen (Wie viele Muslime hats wohl in unserem Parlament?) sondern die Gewichtung der Religion. In Ägypten ist halt Religion immer noch der entscheidende Faktor und das wichtigste für viele Leute. Und so lange man sein Geld für Moscheen statt für Bildung ausgibt, seine Zeit mit beten verschwendet statt etwas zu unternehmen und sich dauernd um die Religion streitet statt um echte Probleme. Dann kommt man halt nicht vorwärts! Und wenn dann später doch noch Bikiniverbote etc. dazukommen dann gehts noch weiter bergab!

    • Emer Ö. am 26.01.2012 10:30 Report Diesen Beitrag melden

      Aermste Laender sind muslimisch

      Interessant ist auch die Tatsache, dass die meisten der ärmsten Länder muslimisch sind. Entweder sie haben sich mit dem falschen Gott verbündet, oder es gibt ihn eben doch nicht. Wer betet und wartet, dass Allah es richtet, der kommt nicht weiter. Obschon es intelligente Menschen mit Bildung gibt, so erlaubt die Gesellschaft nicht, den wissensverhindernden Glauben abzulegen. Zwei Paralleluniversen in einem Kopf: Wissenschaft und Religion, unvereinbar.

    • Tommy am 26.01.2012 11:12 Report Diesen Beitrag melden

      @Emer Ö.

      Es liegt nicht am Islam sondern generell an der Religiösität. Auch in Südamerika hat die Religion einen hohen Stellenwert und Wohlstand und Stabilität sind geringer als bei uns! Und gerade die deutschsprachigen Länder, Skandinavien und Holland gehören zu den sichersten, friedlichsten, stabilsten und reichsten Ländern mit der höchsten Lebenserwartung und hohem Bildungsstandard. Das sind genau die Länder wo die Religion eine äusserst geringe Rolle spielt! Das ist kein Zufall!

    • Sirius am 26.01.2012 12:19 Report Diesen Beitrag melden

      Religiösität

      Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: mittellose Menschen brauchen religiöse Versprechen von guten Zeiten und Gerechtigkeit um nicht in Hoffnungslosigkeit zu versinken. Während diejenigen denen es wirtschaftlich gut geht, keine Religion brauchen um sich glücklich zu fühlen da sie viele ihrer Wünsche in der Realität also in diesem Leben, erfüllen können.

    • Dr. Ing. Richard Skall am 26.01.2012 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wie verstehe ich das ?

      Was wollen wir Schweizer ? In der Schweiz dürfen sie keine Minarette bauen ?! Ok. Einverstanden. Sie wollen eine Moschee (ohne Minarett) bauen ? SVP schreit nach Moscheeverbot ! Wir bauen Kirchen in Istanbul und Sarajevo ? Moslems sagen OK Sie wollen im eigenen Land Führer wählen welche die gleiche Religion haben ? Wir schreien gleich auf ! Konterbeispiel ! Alle Schweizer wählen Schweizer im Ständerat und Nationalrat. Muslime in bsp. Ägypten schreien auf und schreiben in öffentlichen Medien. Warum wählen die Schweizer keine Moslems in den Stände- und Nationalrat ?

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