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Aufruhr in Tunesien
16. Januar 2011 14:05; Akt: 17.01.2011 14:46 Print
Springt der Funke auf die Region über?
von H. Al-Shalchi/B. Murphy, AP - Der Aufstand der Tunesier und die Flucht des Präsidenten schürt bei den autoritären Regierungen der Nachbarsstaaten die Angst, dass die Protestwelle auf ihre Länder überschwappt.

In Kairo gehen die Ägypter aus Sympathie mit den Tunesiern auf die Strasse. (Bild: Keystone/AP)
Nach wochenlangen Protesten in Tunesien und der Flucht des Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali nach Saudi-Arabien wird im Nahen Osten nun über die Konsequenzen für die Region diskutiert. In Fachkreisen und im Internet wurde erörtert, ob die Protestwelle aus Tunesien auf andere autoritäre Regime wie beispielsweise Ägypten überschwappen könnte.
Bildstrecken Gewalttätige Proteste in Tunesien Infografik Umsturz in TunesienUnstrittig ist, dass der Erfolg des tunesischen Aufstands die Menschen möglicherweise ermutigt, ihrerseits gegen die Autokraten und Monarchen der Region zu protestieren. In Kairo gingen Demonstranten bereits gegen den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak auf die Strasse, und in Jordanien skandierten Gewerkschafter: «Tunesien hat uns eine Lehre erteilt.»
Auf dem Nachrichtenkanal Twitter, der sozialen Plattform Facebook und in zahlreichen Blogs wurde den Tunesiern am Wochenende zum Sturz des Regimes gratuliert. Zahlreiche Internet-Nutzer ersetzten ihre Profil-Bilder als Zeichen der Solidarität mit der tunesischen Nationalflagge.
Experten erwarten keine politische Kettenreaktion
Experten gehen jedoch nicht von einer politischen Kettenreaktion wie nach dem Ende des Kalten Krieges in Osteuropa aus. In Staaten wie Ägypten und Iran zementieren die autoritären Herrscher ihre Macht mithilfe der Sicherheitskräfte, die bislang keine Anstalten machen, sich auf die Seite der Opposition zu stellen. In den Golfstaaten Kuwait und Bahrain mit ihren gut organisierten Oppositionsbewegungen geniessen die Staatsbürger hingegen so weitreichende soziale Wohltaten, dass wohl nur wenige einen Aufstand riskieren würden.
«Man muss nur in den Iran schauen, um die Schwierigkeiten für all jene zu sehen, die glauben, sie könnten einfach auf die Strasse gehen und so einen Wechsel auslösen», sagt der Direktor des Zentrums für Strategische Studien in Kuwait, Sami Alfaradsch. Andererseits sollte man die Wirkung des tunesischen Aufstands aber auch nicht unterschätzen, glaubt Alfaradsch.
«Es setzt sich im Bewusstsein fest, dass es möglich ist. (Die Bürger) glauben, dass es auch in ihren Ländern passieren kann», sagt Alfaradsch. «Die Führer können das nicht einfach abtun.»
In den vergangenen Wochen hatten vornehmlich jugendliche Demonstranten in Tunesien gegen ihre schlechten beruflichen Perspektiven und die hohen Preise sowie für mehr politische Freiheit demonstriert. Nachdem die Proteste immer weiter eskalierten, floh Präsident Ben Ali am Freitag nach Saudi-Arabien. Der saudiarabische Königspalast teilte mit, Ben Ali und seine Familie seien willkommen. Die Arabische Liga forderte zur Ruhe auf und erklärte, der Aufstand in Tunesien sei «das Ende einer Ära und der Beginn einer neuen.»
In Jordanien gingen am Freitag mehr als 5000 Menschen auf die Strasse. Sie protestierten gegen steigende Preise und forderten den Rücktritt des Ministerpräsidenten. «(Der Aufstand in Tunesien) sollte eine Mahnung an die anderen Führer sein, dass die Menschen es satthaben. Sie wollen politische Freiheit und ernsthafte Wirtschaftsreformen. Es muss Schluss sein mit Korruption und Vetternwirtschaft», sagt der jordanische Politikwissenschaftler Labib Kamhaui.
Proteste gegen ägyptischen Präsidenten Mubarak
In der ägyptischen Hauptstadt Kairo versammelten sich einige Demonstranten vor der tunesischen Botschaft. Sie riefen «wir werden Tunis bald folgen!» und protestierten gegen die jahrzehntelange Herrschaft von Präsident Mubarak.
«Was in Tunis passiert ist, gibt uns allen Hoffnung, dass die Angst gebrochen werden kann und Diktaturen besiegt werden können», sagte der Aktivist Mohammed Adel. «Der Funke wird überspringen, und die Welt wird sich über die Ereignisse in Ägypten wundern. Wir sind bereit», sagte ein anderer Demonstrant.
Nach Einschätzung des Analysten Muin Rabbani unterscheidet sich der Aufstand in Tunesien grundlegend von der üblichen Protestkultur in der Region. Während in Ägypten die islamistische Muslimbruderschaft und im Libanon die Schiitenmiliz Hisbollah die stärksten Oppositionskräfte sind, formierte sich der Widerstand in Tunesien spontan auf der Strasse. «Die Faktoren, die zu dem Aufstand in Tunesien geführt haben, existieren in der ganzen Region», sagt Rabbani. «Ich glaube aber nicht, weil Ben Ali gestürzt wurde, folgen nun weitere.»



























