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Wie weiter in Tunesien?
22. November 2011 09:30; Akt: 22.11.2011 09:30 Print
Viel Potenzial – aber kein Geld
von Christiane Jacke, dapd - In Tunesien wird heute der Staatspräsident bestimmt. Politisch hat sich das Land nach der Revolution vorbildlich entwickelt. Doch es hat ein grosses Problem: die Wirtschaft.
Die Arbeitslosigkeit und die desolate Wirtschaftslage in Tunesien haben dort vor zehn Monaten Hunderttausende auf die Strassen getrieben. Die Tunesier jagten ihren damaligen Staatschef Zine El Abidine Ben Ali aus dem Land. Seitdem läuft die politische Rundumerneuerung. Die Ursachen für die Revolution liegen neben der jahrzehntelangen Unterdrückung und Schikane aber vor allem in der Wirtschaft. Eine der grössten Herausforderungen ist deshalb der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit – und der Versuch, der Wirtschaft neues Leben einzuhauchen.
Bildstrecken Flüchtlingswelle aus Tunesien nach EuropaGewalttätige Proteste in TunesienTunesien hat nach offiziellen Angaben eine Arbeitslosenquote von 14,9 Prozent. Experten halten das für untertrieben und gehen von einer deutlich höheren Zahl aus. Sie schätzen die Quote der Menschen ohne Job auf 20 bis 25 Prozent. Unter Akademikern soll die Zahl bei bis zu 40 Prozent liegen.
Dahinter steckt auch ein System- und Mentalitätsproblem: Die jungen Tunesier strömen in Massen an die Hochschulen, denn in der Gesellschaft zählt allein ein Studium. Wer nicht an die Uni geht, gilt als Verlierer. Die berufliche Bildung ist dagegen unterentwickelt. Der Mittelbau fehlt. Arbeitgeber bekommen so oft nicht, was sie eigentlich suchen.
Stark an den Küsten, schwach im Landesinneren
Ein weiteres grosses Problem neben der Arbeitslosigkeit ist das regionale Ungleichgewicht im Land. Die Küstenregionen in Tunesien sind wirtschaftlich deutlich stärker als das weniger entwickelte Landesinnere. Genau dort hat die Revolution begonnen.
Für ausländische Investoren hat das Land dennoch viele Standortvorteile: Es gibt viele junge, gut ausgebildete Menschen, vergleichsweise niedrige Produktionskosten, Steuervorteile. Und: Tunesien liegt nah an Europa und den dortigen Märkten. Die Umbrüche bringen den ausländischen Firmen, wie auch den einheimischen Unternehmen, neue Chancen: Firmen haben mehr Freiheiten, können in Branchen vorstossen, die zuvor vom Ben-Ali-Clan dominiert wurden. Die systematische Korruption der vergangenen Jahre hat ein Ende. Und rechtsstaatliche Strukturen dürften in Zukunft mehr Planbarkeit bieten.
Einige Firmen beäugen aber argwöhnisch die Lohnentwicklung im Land. Während der Revolution forderten die Menschen nicht nur Freiheit und Demokratie, sondern setzen mit Streiks auch Lohnerhöhungen durch.
Keine Luft nach oben
Auch bei Leoni wurde damals kurzzeitig gestreikt. Der Autozulieferer ist der grösste Arbeitgeber im Land. Das deutsche Unternehmen beschäftigt an drei Standorten rund
Die ausländischen Investoren geben sich seit der Revolution eher zurückhaltend. Allerdings haben nur sehr wenige ihr Geschäft ganz aufgegeben. Die meisten halten am Standort fest – ein Bekenntnis zu den noch immer günstigen Produktionsbedingungen und dem Potenzial des Landes. Alle warten jedoch auf Klarheit.
Schwierige Übergangsphase für die Wirtschaft
Die politische Übergangsphase ist für die Wirtschaft schwierig. Entscheidungen über Grossprojekte werden vertagt. Das dürfte sich wohl erst ändern, wenn – voraussichtlich im kommenden Jahr – die nächsten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vorüber sind und die erste reguläre Regierung im Amt ist. Ausserdem sind die Wirtschaftsprogramme der Parteien – auch des Wahlsiegers Ennahda – sehr vage. Die islamische Partei nenne lauter Ideen, die viel Geld kosteten, sagt der Chef von Siemens Tunesien, Slim Kchouk. Doch wo das Geld herkommen solle, sei offen.
Durch die Unruhen im Land ist der Tourismus, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes, stark eingebrochen. Von Januar bis Oktober verbuchte die Branche ein Drittel weniger Gäste als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Übernachtungen sank im gleichen Zeitraum um fast 42 Prozent, die Einnahmen um rund 36 Prozent. Die Lage dürfte sich jedoch allmählich erholen.
Der Export zieht an
Und nicht überall in der Wirtschaft sieht es derart düster aus. Die Industrieexporte haben in den ersten Monaten des Jahres zugelegt, auch die Landwirtschaft entwickelt sich positiv. Ein echtes Konzept, um das Wirtschaftswachstum deutlich und so stark zu steigern, dass die Arbeitslosenquote schrumpft, gibt es bislang allerdings nicht.
Das Dilemma: Nötig sind strukturelle Veränderungen, die einige Zeit brauchen. Doch viele Tunesier sind ungeduldig. Die jungen Leute, die Arbeitslosen und die armen Familien im Landesinneren wollen Jobs und ein besseres Leben – möglichst schnell und nicht erst in ein paar Jahren. Die Stabilität Tunesiens hängt deshalb nicht so sehr von ideologischen Debatten über Islamismus ab, sondern davon, ob es der Ennahda und ihren Partnern gelingt, zügig Arbeitsplätze zu schaffen und echte Strukturreformen anzustossen.
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Alle 6 Kommentare































Vielen Dank!
Vielen Dank für diesen objektiven Artikel, für einmal keine Panikmacherei vonwegen Islamisten... Ich lebe in Tunesien und finde dieser Artikel hat die Situation absolut auf den Punkt gebracht und entspricht der Realität.
Tunesien, klein aber Oho
Ich denke Tunesien hat noch sehr viel Potential nach oben und dass das Land in Zukunft eine wichtige Rolle spielt. Klar wird das einige Zeit brauchen. Aber ich denke Tunesien hat eine Art Vorreiterrolle in der gesamten Region.
Wir könnten doch helfen
DAS wäre doch ein Land, dem es sich zu helfen lohnen könnte. Wieso setzen wir die Schwerpunkte unserer Entwicklungshilfe nicht dort? Mit unserem Wissen, Geld und wirtschaftlichen Erfahrung könnten wir dort sicher viel erreichen. Aber unsere Regierung investiert wohl lieber in bodenlose Fässer oder tunesische Flüchtlinge, die hier nicht gebraucht werden können...
Hart aber Wahr
Ich denke wir haben genug eigene Probleme um die wir uns kümmern können/sollten als einen auf Weltenverbesserer zu machen.
wer schaut fuer uns?
wir haben auch bei uns einheimische denen es schlecht geht aber offenbar gehoeren die nicht mehr dazu.
Urlaub in Tunesien
Wir würden nur schon helfen, indem wir Tunesien als Urlaubsland für den nächsten Sommer (oder noch schöner ist der Herbst) wählen! Tipp: Buchen Sie eine Kategorie höher als üblich und nicht das billigste Angebot und Sie werden zufrieden mit Ihrem Urlaub sein.