Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
US-Wahlen
21. Oktober 2008 14:33; Akt: 21.10.2008 14:49 Print
Ralph Nader wieder als Spielverderber?
von Simone Schelk, Washington - Es gibt Alternativen zu McCain und Obama: Die Aussenseiter Ralph Nader und Cynthia McKinney stehen bei radikalen Bush-Gegnern hoch im Kurs. 20 Minuten Online traf ihre Fans vor dem Weissen Haus.

Anti-Bush-Performance von Eric Anderson (r.) und Freund Steve vor dem Weissen Haus. (Bild: Simone Schelk)
Eric Anderson arbeitet für das Weisse Haus - sagt er. Auch wenn er nicht auf der Gehaltsliste des Präsidenten steht. Im Gegenteil: Jedes Wochenende steht er mit ein paar Kollegen vor dem hohen Zaun und erklärt den Passanten die Politik. Es ist eine Politik, die der 50-Jährige aus Maryland gar nicht gut findet. Das sagt er nicht nur, das singt, tanzt und spielt er auch. Mit Steve, seinem schwarzen Duett-Partner, legt er eine flotte Performance hin, wie man Bush am besten, schnellsten und längsten hinter Gitter bringt. Eric hält sich eine Pappmaske vor das Gesicht, die Bush mit wenig schmeichelhafter Miene zeigt.
Bush sei durch die Kriege im Irak und Afghanistan ein mehrfacher Kriegsverbrecher, durch seine Nahost-Politik sei er zum Mörder von tausenden Zivilisten geworden und durch seine korrupte Politik hätte er die gesamte amerikanische Bevölkerung an der Nase herumgeführt. Für die Finanzkrise sei er ebenfalls verantwortlich, weil seine Regierung dem bunten Treiben auf dem Banken-Parkett zu lange zu tatenlos zugesehen habe. Und jetzt müssten alle Amerikaner dafür bezahlen.
«Für unsere Rechte einstehen»
Die Kritik kommt an. Eric und sein Team sind von zahlreichen Leuten umringt. Viele diskutieren mit. Wie ein Familienvater, der seinen Job verloren hat und nicht weiss, was er machen soll, falls eines seiner Kinder krank wird. Oder ein junger Mann, der zwar nur neun Dollar die Stunde verdient, aber dennoch damit zufrieden ist, weil doch Geld nicht alles sei. Auf Erics Bemerkung, dass er es sich dann aber auch nicht leisten kann, krank zu werden, sagt er achselzuckend: «Das stimmt, aber ich bin ja noch jung.»
Eric nimmt seine Arbeit sehr ernst. Nur über die Politik zu schimpfen, das sei zu einfach, sagt der Ingenieur. Als Bürger müsse man sich aktiv in die Politik einbringen. Darunter versteht Eric mehr, als bei der Wahl seine Stimme abzugeben. «Ich bin hier, um für unsere Rechte einzustehen und um der Welt zu zeigen, dass es eine Opposition gegen Bush gibt», sagt er mit Seitenblick auf das für ihn so symbolträchtige Weisse Haus.
McCain und Obama aus dem gleichen Holz
Wer dort im Januar einziehen wird, ist für ihn gar nicht mal so wichtig. Denn Eric wird weder Barack Obama noch John McCain seine Stimme geben. Diese beiden Kandidaten seien aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der gesamte bisherige Polit-Apparat. Ausserdem hätten beide für den milliardenteuren Rettungsplan der Regierung und für das neue Abhörgesetz gestimmt, das es einfacher macht, an die Daten der Telefon-Kunden zu kommen.
Nein, Eric wird für Ralph Nader stimmen. Nader ist der unabhängige Kandidat, der mit Matt Gonzalez als Vize-Präsident antritt. Und er ist der Mann, der bei der Präsidentschaftswahl 2000 gegen George W. Bush und Al Gore angetreten ist – und drei Millionen Stimmen gewinnen konnte (2,74 Prozent). Seine Kandidatur wurde von den Demokraten stark kritisiert, da diese Stimmen für einen Sieg Al Gores ausschlaggebend gewesen wären und so Bush zu seinem Sieg verholfen haben.
Gegen die «Corporate Candidates»
Verbraucherschutz, Umweltschutz, Gesundheitsversorgung und Demokratieförderung: Dies sind die Themen, mit denen der Rechtsanwalt und Publizist bei den Wählern punkten kann. 2004 ist ihm dies bereits als unabhängiger Kandidat gelungen, in den Jahren 2000 und 1996 war er für die Grünen im Rennen. Freilich immer erfolglos. Ein Sieg ist dem 74-Jährigen allerdings auch nicht wichtig. Wichtig sei vielmehr, sich in der Demokratie zu engagieren und gegen die «Corporate Candidates», wie er McCain und Obama bezeichnet, anzutreten, sagte er in einem Interview.
Da ist Eric gleicher Meinung. Er wohnt im traditionell demokratischen Maryland und werde deshalb Nader unterstützen, um «ein Zeichen zu setzen». Und ohne dabei einen möglichen Sieg Obamas zu verhindern. Würde er aber in einem der umkämpften Staaten wie Virginia oder Ohio wohnen, würde er es sich gut überlegen, nicht doch für Obama zu stimmen. Aus rein taktischen Überlegungen. Obwohl ihm das eigentlich widerstrebt, betont Eric.
Umstrittene Kandidatin der Grünen
Allen noch unentschlossenen Wählern empfehlen er und sein Team deshalb, für die Aussenseiter, die Mavericks, zu stimmen. Eine davon ist Cynthia McKinney, die für die Grünen mit Rosa Clemente ins Rennen geht. Die beiden Frauen haben – wie Nader und Gonzalez – keine wirkliche Chance auf einen Sieg. Dabei ist McKinney eine Frau und schwarz: Sie könnte also Hillary Clintons und Barack Obamas grösste Anhänger-Gruppe ansprechen. Aber sie ist zu unbekannt.
Die 53-Jährige sass bereits zwei Mal für die Demokraten des Staates Georgia im Repräsentantenhaus, bevor sie ihren Sitz verlor. Seit 2007 engagiert sie sich bei den Grünen, die sie zur Präsidentschaftskandidatin kürten. McKinneys politische Positionen sind nicht so klar umrissen wie Naders. Sie gilt als Anti-Kriegs-Aktivistin und Aktivistin für Menschenrechte. Aufsehen erregte sie, als sie sich gegen finanzielle Hilfe für Israel, aber für die Unterstützung der Palästinenser und Araber ausgesprochen hat.
Eric steht schon seit fast vier Jahren jedes Wochenende vor dem Weissen Haus. Und er vermutet, dass er nach der Wahl weiterhin dort stehen wird. Denn die Besetzung des Iraks gehe weiter und die Finanzkrise ebenso, selbst wenn es keinen «dritten Bush» als 44. Präsidenten geben sollte. «Die neue Weltordnung wird die alte sein», prophezeit Eric. Und deshalb wird er weiter arbeiten. Nicht gegen das Weisse Haus, sondern dafür. Und damit für die Rechte der Amerikaner, wie er sagt.



























