Schweizerin in Amerika

31. Oktober 2008 12:57; Akt: 31.10.2008 13:26 Print

Für Bill Clinton wurde sie US-BürgerinFür Bill Clinton wurde sie US-Bürgerin

von Simone Schelk, Washington - Die Winterthurerin Annemarie Baranick lebt seit 40 Jahren in Washington. Sie war ursprünglich für Hillary Clinton und nach ihrer Niederlage schwer enttäuscht. Jetzt sieht sie Barack Obama als einzige Lösung.

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Wenn Annemarie Baranick spricht, hört man das Schweizerdeutsch noch. In den vergangenen 41 Jahren ist daraus aber ein amerikanisches Schweizerdeutsch geworden. «Mittlerweile fühle ich mich in Englisch sicherer als in meiner eigentlichen Muttersprache», sagt die 64-Jährige und lacht. Das konnte sie sich nicht vorstellen, als sie mit 23 Jahren in die USA ausgewandert ist. Damals hat sie die Liebe nach Washington geführt. Ihren heutigen Mann hat sie beim Studium in Paris kennen gelernt: Eine Schweizerin und ein Amerikaner, die über die französische Literatur zueinander fanden.

Annemarie Baranick ist eine von knapp 74 000 Schweizerinnen und Schweizern, die in den Vereinigten Staaten leben. Die meisten leben wie sie in Familien, in denen der eine Partner aus der Eidgenossenschaft stammt und der andere aus den USA, sagt Claudia Tobler vom «Swiss Club of Washington DC». Annemarie Baranick ist dort auch Mitglied und war bis vor ein paar Jahren auch Schatzmeisterin.

Im Club treffen sich Exil-Schweizer oder Amerikaner, die sich für die Schweiz interessieren. Gemeinsam wird gejasst, zu Volksmusik getanzt, Fondue gegessen oder der 1. August gefeiert. Mit Wurst und Kartoffelsalat. Und Nussgipfel, die von einer Swiss Bakery hergestellt werden. «Der Club bietet eine Möglichkeit, die Schweizer Kultur am Leben zu erhalten», sagt Claudia Tobler.

Gemeinde beständig gewachsen

Die Schweizer Community ist in Washington und Umgebung in den letzten Jahren beständig gewachsen. Deshalb kann der Botschafter am Nationalfeiertag nicht mehr wie vor 40 Jahren in seine Residenz einladen – dort ist für vier- bis fünfhundert Gäste kein Platz. Das Fest findet deshalb in der Schweizer Botschaft statt. Statt Schweizerdeutsch wird jetzt auch Hochdeutsch, Englisch und Französisch gesprochen.

Annemarie Baranick hat die Veränderungen miterlebt, denn sie war bislang jedes Jahr mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern dort. Oder direkt in der Schweiz. Denn der 1. August sei nach wie vor ein wichtiger Tag für sie, an dem sie bei sich zuhause in Rockville, Maryland, Schweizer Fahnen in die Blumentöpfe steckt und Lampions anzündet.

Reisen in die Heimat immer wichtig

Annemarie Baranick stammt ursprünglich aus Winterthur. Sie hat die kaufmännische Berufsschule besucht, in Zürich für einen Anwalt gearbeitet und bereits ein Jahr in England gelebt, bevor sie ihren zukünftigen Mann kennen lernte. Die Sprache war also nicht das Problem. Aber die Entfernung. Ihren Eltern sei es sehr schwer gefallen, sie als Einzelkind ins weit entfernte Amerika ziehen zu lassen.

Reisen in ihre ehemalige Heimat seien ihr deshalb immer wichtig gewesen, vor allem, als dann die beiden Kinder geboren waren. Sie sind nicht zweisprachig aufgewachsen. «Wenn sie aber Guetsli wollten, hat das meine Mutter auch ohne Worte verstanden», sagt Annemarie Baranick. Jetzt sind ihre Kinder gross – und feiern jedes Jahr den 1. August, als sei es ihr eigener Feiertag. «Ich bin sehr glücklich, dass sie Interesse an der Schweiz zeigen.»

Erst nach 25 Jahren US-Bürgerin

Als Schweizerin in den USA hat sich Annemarie Baranick immer wohl gefühlt, sagt sie. Dennoch hat sie 25 Jahre gebraucht, um die amerikanische Staatsangehörigkeit annehmen zu können. Sie hat es für Bill Clinton getan. Während des Wahlkampfes 1992 hat Baranick das Gefühl gehabt, «dass meine Stimme zählt». In diesem Wahlkampf geht es ihr ähnlich. Eigentlich wollte sie Hillary Clinton ihre Stimme geben. «Es tut mir wirklich leid, dass sie nicht zur Kandidatin der Demokraten gewählt wurde. Ich habe einige Wochen gebraucht, um das zu verarbeiten», sagt sie. Jetzt, wo sie sich auf Obama eingestellt hat, spricht sie von ihm als der einzigen Lösung. «Gerade bei der Vize-Kandidatin, die McCain gewählt hat.»

Annemarie Baranick arbeitet als Buchhalterin in einer deutschen politischen Stiftung. Die Nachrichten aus der Schweiz liest sie aber weiterhin sehr aufmerksam. Denn die Medien und Erzählungen von Freunden sind über lange Zeit ihre einzige Quelle über Veränderungen in ihrer ehemaligen Heimat. Als sie vor ein paar Jahren wieder einmal zu Besuch in der Schweiz war, sei sie enttäuscht und beinahe entsetzt gewesen, als sie im Zürcher Bahnhof Obdachlose und Bettler gesehen habe.

«Das hatte es in früheren Jahren noch nie gegeben und deshalb habe ich auch nicht erwartet, dass es in der Schweiz Leute gibt, die auf dem Boden schlafen.» Vom anderen Kontinent aus betrachtet, komme ihr die Politik der Schweiz oft sehr speziell vor. «Ganz Europa hat den Euro, aber die Schweiz macht mit ihrem Franken weiter», stellt sie fest.

Typisch schweizerische Verhaltensweisen

Ihr Blickwinkel hat sich mit den Jahren zwar verändert. Aber die Bindung an die Schweiz wird bleiben. Schon allein, weil sie manchmal noch «typisch schweizerische Verhaltensweisen» an sich entdeckt. Ist etwas in Unordnung oder herrscht terminliches Chaos: Sie will es richten. «Alles organisiert», sagt dann ihr Mann. Dies sei für ihn der Inbegriff der Schweiz. Unter anderem. Er liebe das Zugfahren, die Berge und Seen und den Ausblick darauf.

«The most beautiful country in the world» – das sei die Schweiz. Und deshalb will er auch auf die jährlichen Ferien dort nicht verzichten. Musste Annemarie Baranick ihre Familie früher zu dem «Pflichtbesuch» überreden, sind es heute ihr Mann und ihre Kinder samt Enkel, die ein Ferienhaus buchen und den Familienurlaub in der Schweiz planen. Und wenn sie wiederkommen, klingt ihr Englisch vielleicht ein bisschen nach Schweizerdeutsch.