Gingrichs Comeback

23. Januar 2012 11:20; Akt: 23.01.2012 13:22 Print

Ein «Held» mit vielen FehlernEin «Held» mit vielen Fehlern

von Peter Blunschi - Newt Gingrich ist zurück im Rennen. Er hat die Vorwahl der US-Republikaner in South Carolina klar gewonnen – obwohl er viel Ballast mit sich herumschleppt.

Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen
Newt Gingrichs Siegesansprache in South Carolina. (Video: YouTube/AP) Im Grossformat auf dem Videoportal Videoportal
  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Er hatte Rache geschworen. Und er hat sie bekommen. Noch kurz vor der ersten Vorwahl der Republikaner in Iowa am 3. Januar hatte Newt Gingrich in den Umfragen an der Spitze gelegen. Dann wurde der ehemalige Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses mit einer Welle von Negativ-Werbung aus dem Umfeld seines Rivalen Mitt Romney eingedeckt. Am Ende kam Gingrich in Iowa nur auf 13 Prozent der Wählerstimmen, und eine Woche später in New Hampshire waren es gar bloss 10 Prozent. Seine Kandidatur schien erledigt.

Jetzt heisst es «Newt is back», und wie. In South Carolina distanzierte er am Samstag seine Konkurrenten um Längen, allen voran seinen «Erzfeind» Romney. Die republikanischen Wähler im sehr konservativen und sehr bibelfesten Südstaat liefen scharenweise zu Gingrich über, obwohl seine Ex-Frau Marianne nur zwei Tage vor der Wahl in einem Fernsehinterview enthüllt hatte, dass Newt eine «offene Ehe» von ihr verlangt habe. Doch Gingrichs wütende Attacken auf die «destruktiven» und «bösartigen» Medien wirkten offenbar stärker.

Nur auf den ersten Blick konservativ

Ein Hallodri als Präsidentschaftskandidat? Unmöglich scheint in diesem bizarren Vorwahl-Kampf nichts mehr. Dabei hatten konservative Radiomoderatoren und Kolumnisten bereits im Vorfeld des Iowa-Caucus eindringlich gewarnt, der korpulente Politiker aus Georgia sei mit seinem zweifelhaften Leistungsausweis, seinem turbulenten Privatleben und seinem Hang zur Selbstzerstörung kein konservativer Hoffnungsträger, sondern ein Risikofaktor.

Tatsächlich ist Newton Leroy Gingrich nur auf den ersten Blick ein Konservativer. 1979 wurde der heute 68-Jährige ins Repräsentantenhaus gewählt. 1994 führte er die Republikaner mit dem «Vertrag für Amerika» zu einem historischen Erfolg: Erstmals seit 62 Jahren eroberten sie die Mehrheit in der grossen Kammer des Kongresses. Gingrich wurde deren Speaker und konnte Präsident Bill Clinton einen Umbau des Sozialstaats abringen. Er versenkte dessen Gesundheitsreform und legte in einem Budgetstreit Ende 1995 die Regierung für drei Wochen lahm – «Heldentaten» aus konservativer Sicht.

Turbulentes Privatleben

In Sachfragen aber nahm Gingrich immer wieder moderate Positionen ein. Kurz nachdem er am 12. Mai 2011 seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gegeben hatte, kritisierte er die Angriffe seiner Partei auf die Senioren-Krankenkasse Medicare als «rechten Sozialbetrug». Viele hielten ihn danach für erledigt, zumal ihm wichtige Mitarbeiter davonliefen. Und vor einigen Jahren anerkannte er den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel und propagierte einen «grünen Konservativismus». Heute spricht er vom «grössten Blödsinn, den ich in den letzten Jahren gemacht habe».

Es war nicht das einzige Geständnis: «Es gab Augenblicke in meinem Leben, die ich bereue», sagte er dem Sender Fox News. Gemeint war sein Privatleben, das kaum konservativen Familienwerten entspricht. Newt Gingrich ist zum dritten Mal verheiratet, seine beiden ersten Ehen endeten mit Nebengeräuschen. Seine heutige, 23 Jahre jüngere Frau Callista Bisek war Kongressmitarbeiterin, als er mit ihr ein Verhältnis begann – genau zu jenem Zeitpunkt, als er Bill Clinton wegen der Lewinsky-Affäre an die Wand zu nageln versuchte. Und als er von seiner damaligen Ehefrau eine «offene Ehe» verlangt haben soll.

Ein trötzelndes Bübchen

Auch sein Charakter gilt als Problem: Gingrich hat einen Hang zur Selbstüberschätzung und zur Selbstzerstörung. Die arroganten und besserwisserischen Auftritte des promovierten Historikers sind so berüchtigt wie seine unbedachten, teilweise emotionalen Äusserungen. Noch heute verfolgt ihn eine Geschichte aus dem Jahr 1995: Auf dem Flug nach Israel zur Beerdigung des ermordeten Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin sei er von Bill Clinton ignoriert worden, ausserdem habe er den Präsidentenjet Air Force One durch den Hinterausgang verlassen müssen, jammerte er.

Die Zeitung «New York Daily News» karikierte ihn danach auf der Titelseite als «Cry Baby», als trötzelndes Bübchen. «Es gibt eine Historie des wütenden Newt, und sie hat ihm in den letzten 20 Jahren nicht wirklich genützt», sagte sein ehemaliger Mitarbeiter Rich Galen der Nachrichtenagentur AP. Gingrich gibt zu, dass er in seinem Leben eine Menge Fehler gemacht hat. Sie hätten ihn «stärker und weiser» gemacht. Daran darf man getrost zweifeln, zumal in den letzten Monaten weitere unvorteilhafte Details ans Licht gekommen sind.

Teure Einkaufstrips bei Tiffany’s

Im Sommer enthüllte die Website Politico, dass das Ehepaar Gingrich für mehrere hunderttausend Dollar beim Luxusjuwelier Tiffany’s eingekauft hatte – kein ideales Signal in einer Zeit, in der viele Amerikaner jeden Cent umdrehen müssen. Und Ende November deckte Bloomberg News auf, dass der ehemalige Speaker mehr als 1,6 Millionen Dollar von der schwer angeschlagenen Hypothekarbank Freddie Mac bezogen hatte. Die halbstaatliche Institution ist rechten Republikanern schon lange ein Dorn im Auge. Gingrich hatte anfangs behauptet, «nur» 300 000 Dollar für «historische Beratung» erhalten zu haben.

Die Affäre belegt, dass Newt Gingrich letztlich ein typischer Washington-Insider ist, also einer von jener Sorte, welche die Tea-Party-Bewegung verabscheut. Dies und der Ballast, den er mit sich herumschleppt, lassen es fraglich erscheinen, ob sein Höhenflug anhalten wird und er die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat erringen kann, obwohl dies seit 1980 jedem Sieger in South Carolina gelungen war. Seine problematische Vita hatte bereits dazu geführt, dass er 1999 eher unfreiwillig das Amt als Speaker abgeben musste, worauf er aus dem Repräsentantenhaus zurücktrat.

Als Problem dürfte sich auch erweisen, dass Gingrich weder über die finanziellen Mitteln noch über die professionelle Organisation Mitt Romneys verfügt. «Ich habe vielleicht nicht so viel Geld wie mindestens einer der anderen Kandidaten», sagte Gingrich am Samstag mit einem Seitenhieb gegen Romney. «Hier in South Carolina haben wir aber bewiesen, dass Menschen mit den richtigen Idealen das grosse Geld schlagen.» Falls dies so bleibt, kann sich eigentlich nur einer freuen: Präsident Barack Obama.

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 72 Stunden, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.
  • J.Tell am 23.01.2012 13:52 Report Diesen Beitrag melden

    Obama

    einen unfähigeren Präsidenten als Obama hat es in der Geschichte der USA noch nie gegeben, wer immer der Zukünftige sein wird man kann ihn als Highlight betrachten.

    • A.N. am 23.01.2012 14:38 Report Diesen Beitrag melden

      Doch

      z.B. Bush junior um nur einen aus der jüngsten Vergangenheit zu nennen.

    • R. Hofstetter am 23.01.2012 14:49 Report Diesen Beitrag melden

      Realismus?

      Eine sehr gewagte Aussage, und zudem enorm unreflektiert. Man beachte, dass diverse Vorstösse Obamas von den Republikanern entweder vollkommen blockiert wurden, oder erst nach unglaublichen Zugeständnissen und Kompromissen unterstützt wurden. Zudem fällt Obamas Regierungszeit in eine Zeit des Umbruchs und der Krisen. Unter diesen Umständen macht er durchaus nicht den schlechtesten Job. Man sollte das Gesamtbild betrachten. Etwas, das auch in der Schweizer Parteienwelt gut tun würde.

    • Daniel Weber am 24.01.2012 11:12 Report Diesen Beitrag melden

      Obama ist zur falschen Zeit Präsident

      Das Gesamtbild? OK die US Wirtschaft kommt dank Obama nicht auf die Beine. Klar blockieren die Republikaner alles. Wer baut schon in einer Kriese ein teures Krankensystem für alle auf? Zumal die Amerikaner nicht einsehen warum sie dem Homless der täglich 2 Flaschen Jack Daniel's trinkt eine neuer Leber bezahlen müssen. Und ich überigens auch nicht.

    • Marius am 26.01.2012 10:39 Report Diesen Beitrag melden

      Obama ist NICHT unfähig

      Wieso unfähig? Woher nimmst du die Fakten für deine Annahme? Die US-Wirtschaft ist im letzten Jahr gewachsen und nicht geschrumpft. Meiner Meinung nach hat er schon einiges erreicht: 1. Bin Laden erwischt. 2. Arbeitslosigkeit liegt "nur" bei 8.5% 3. 1.6 Mio. Jobs geschaffen. 4. Nicht einmal in drei Jahren die Steuern erhöht. 5."Don't Ask Don't Tell" abgeschafft 6. Hat mit Kanada und europäischen Ländern die Rebellen in Libyen gegen Gaddafi unterstützt. 7. Zog Truppen aus dem Irak ab. 8. Den Friedensnobelpreis erhalten. 9. Die US-Automobilundustrie und somit 1.5 millionen Jobs gerettet.

    einklappen einklappen
  • Pulfer Beat am 23.01.2012 13:38 Report Diesen Beitrag melden

    Glücklicher Obama!

    Barak kann sich getrost im Lehnstuhl zurücklehnen... Was kann ihm noch passieren bei solchen Gegenkandidaten?

  • hans ulrich am 23.01.2012 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    Subjektiv

    der letzte satz vernichtet den eigentlich ansonsten einigermanssen guten und überraschend objektiven artikel. Zu sagen das Obama die richtigen ideale hat ist vollkommen subjektiv und solch eine aussage hat in einer neutralen zeitung nichts zu suchen. Aussderdem hat Obama, ja wer glaubts-der demokratische, kapitalismus-kritische Obama ein höheres Wahlkampf budget...wie vor 4 jahren...also nicht nur subjektiv sondern auch schlecht recherchiert...

    • Marc C am 23.01.2012 13:51 Report Diesen Beitrag melden

      irrelevant!

      ist ja auch klar, dass sein budget höher ist als vor 4 jahren....dieser vergleich ist auch völlig uninteressant....wenn schon ein vergleich, dann jener zwischen dem budget von obama und romney/gingrich!!

    einklappen einklappen