Interview

21. April 2010 16:35; Akt: 21.04.2010 16:50 Print

«Das war mehr als Sahara-Staub»

von Adrian Müller - Im Vulkan-Chaos behielt er den Durchblick: Der Schweizer Forscher Bruno Neininger sagt, was bei drohenden Aschewolken zukünftig getan werden muss.

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20 Minuten Online: Sie flogen am Samstag als einer der ersten Wissenschaftler Europas durch die Aschewolke. Hatten Sie dabei kein flaues Gefühl im Magen?
Bruno Neininger: Nein, ich erforsche die Atmosphäre schliesslich seit über 30 Jahren. Ich achtete während des Fluges einfach darauf, dass ich durch die Cockpitscheibe immer den Boden erkennen konnte - sonst hätten wir abgebrochen. Selbst ein Triebwerksausfall hätte aber kein grosses Problem dargestellt – unsere 'ECO-Dimona' ist ein Motorsegler und kann problemlos ohne Antrieb landen.

Sie konnten – im Gegensatz etwa zu deutschen Forschern – ohne tagelange Vorbereitungen durch die Aschewolke fliegen. Wie war das möglich?
Wir standen auf dem Flugplatz Hausen am Albis zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hatten glücklicherweise die richtige Ausrüstung für die Messflüge dabei. Zudem haben wir nicht auf Fluggenehmigungen warten müssen. Die Schweizer Behörden handelten vergleichsweise unbürokratisch.

Sie und viele andere Wissenschaftler haben in den letzten Tagen viel über die Verbreitung von Aschewolken geforscht. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?
In ungefähr drei Wochen kann man beurteilen, was nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans in der Atmosphäre über Europa wirklich geschehen ist. Dann sollte es auch möglich sein, bei einem erneuten Ausbruch zu sagen, wo man fliegen kann und wo nicht. Die Franzosen denken etwa darüber nach, Messflugzeuge zukünftig wie «Eisbrecher» vorauszuschicken, bevor ein Luftkorridor für den Verkehr wieder freigegeben wird.

Piloten können Aschewolken auf dem Wetterradar nicht erkennen. Braucht es nun Messgeräte in jedem Verkehrsflugzeug?
Den Piloten würde es nicht mehr viel nützen – wenn das System Alarm schlägt, wäre es wohl sowieso schon zu spät. Hingegen wären solche Daten sehr wertvoll, um Ausbreitungsmodelle bei Vulkanausbrüchen zu präzisieren. Denn schon heute übermitteln weltweit über 2800 Verkehrsflugzeuge laufend Daten zur Feuchte, Temperatur, Luftdruck etc. Damit werden schliesslich auch die Wetterprognosen im «20 Minuten» erstellt.

Einige Fluggesellschaften haben sich massiv gegen das Flugverbot gewehrt. Zu Recht?
Am Samstag war die Partikelkonzentration in der Aschewolke weit höher als etwa bei normalem Sahara-Staub. Aus meiner Sicht war die Luftraumsperre insgesamt gerechtfertigt. Als die Aschekonzentration nachliess, hat man den Luftraum ja wieder geöffnet. Eines gilt es aber festzuhalten: In der Schweiz feiern wir dieses Jahr 100 Jahre Luftfahrt. Mit Vulkanasche hatte wir in diesem Zeitraum noch nie zu kämpfen. Es ist nicht überraschend, dass man ein paar Tage Bedenkfrist benötigte.

Was muss mittelfristig geschehen, damit Vulkanwolken den Luftverkehr nicht mehr auf dem falschen Fuss erwischen?
Die Koordination und Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Parteien muss besser werden. Zudem haben die Triebwerkhersteller ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Ich vermute, dass Grenzwerte zu Aschepartikeln irgendwo in ihren Handbüchern schlummern, sie aber niemand kennt. Weltweit gibt es zudem viele Forschungsinstitute, die ihre Ausbreitungsmodelle nur intern verwenden. Hierbei hat sich in den letzten Tagen viel getan – ein norwegisches und ein amerikanisches Institut hat ein animiertes Modell der Aschewolke für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Wann steigen Sie wieder in die Lüfte?
Diese Woche sind noch einige Messflüge geplant. Eigentlich wollte ich aber nach Zypern an eine Konferenz verbunden mit Familienferien , aber sowohl die Konferenz wie der Flug wurden annulliert.