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70 Jahre Kriegsbeginn
30. August 2009 17:02; Akt: 01.09.2009 10:22 Print
Angriff im Morgengrauen
von Monika Scislowska, AP - Mit deutschen Bomben auf Wielun begann vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg.
Schon vor Tagesanbruch war der 13-jährige Eugeniusz Kolodziejczyk auf und spielte mit der Armbanduhr seines Vaters herum, mit dem er auf dem Bahnhof auf den verspäteten Militärzug wartete. Angesichts des Säbelrasselns aus Deutschland war Vater Wladyslaw wie viele andere Polen einberufen worden und machte sich bereit, in den Krieg zu ziehen. Stattdessen kam der Krieg zu ihnen, nach Wielun, am 1. September 1939.
Erster Bombenangriff des Krieges: Zerstörtes Wielun
Eugeniusz Kolodziejczyk, 82, Zeitzeuge
Von einem Dröhnen aufgeschreckt, blickte Kolodziejczyk nach oben und starrte auf die schwarzen Kreuze der deutschen Luftwaffe. Bomben fielen. Er sah auf die alte Uhr: Es war 04.40 Uhr morgens. Es war der Beginn des Zweiten Weltkriegs.
«Ich sah Rauch und Feuer, ich hörte Explosionen und Schreie.» Die Stimme des 83-jährigen bebt noch heute bei der Erinnerung an den Morgen vor 70 Jahren. «Ich war zu Tode erschrocken.»
«Ich glaube nicht, dass die Deutschen so etwas tun»
Der Angriff auf Wielun rund 20 Kilometer von der damaligen deutschen Grenze entfernt war ein Vorbote dessen, was Polen und dem übrigen Europa noch bevorstand. Rund 1200 der
Im Bombenhagel, so erinnert sich Kolodziejczyk, wollte er einem kleinen dunkelhaarigen Mädchen zu Hilfe kommen, das mit blutüberströmtem Gesicht auf einem Trümmerhaufen lag. Doch als er sie hochhob, «baumelten ihre Hände leblos herunter wie ihr Haar». Mit seinem Vater half er, zwei andere verletzte Mädchen und zwei Frauen zu bergen, rannte dann nach Hause an den Stadtrand und berichtete der Grossmutter, was geschehen war. Die war fassungslos: «Ich glaube einfach nicht, dass die Deutschen, dieses kultivierte und gebildete Volk, so etwas tun können», sagte sie nach seiner Erinnerung.
Im Nachthemd durch das Inferno
In einer Erdgeschosswohnung im Stadtzentrum wurde die elfjährige Zofia Blaszynska von einem Geräusch aus dem Schlaf gerissen, das sie im ersten Moment für den Lärm von Kühen hielt. Sie solle sich sofort anziehen, sagte ihre Mutter ohne grosse Erklärungen. «Plötzlich sah ich einen Riss in der Decke und die Fensterscheiben in Scherben überall auf dem Boden», berichtet die heute 81-Jährige. «Wir sprangen durchs Fenster in den Hof.»
Dichter roter Staub hing in der Luft. Sie fürchteten, es sei Gas, doch wahrscheinlich waren es nur die Überreste der von den Bomben pulverisierten Ziegelsteine. Immer noch barfuss und im Nachthemd, liefen sie zwischen brennenden Häusern zu einem nahen Keller, wo schon andere Zuflucht gesucht hatten. Die Menschen weinten und beteten.
Für Blaszynska und Kolodziejczyk, für Polen begann eine Leidenszeit, die erst über fünf Jahre später ein Ende fand. Polen verlor sechs Millionen Menschen und über die Hälfte seines Volksvermögens - die Fabriken zerstört, Museen, Büchereien und Dörfer niedergebrannt. Lager wie Auschwitz, Majdanek und Sobibor wurden zu Inbegriffen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie.
«Ich kann nicht vergeben»
Blaszynska und ihre Mutter flüchteten aus Wielun und schlugen sich bis kurz vor Warschau durch. Ihr älterer Bruder Andrzej blieb bei Freunden zurück. Später schloss er sich dem Widerstand an und fiel 1944 beim Warschauer Aufstand. Ihr Vater geriet rasch in deutsche Gefangenschaft und brachte den gesamten Krieg in Lagern zu.
Ihre Mutter habe ständig gefürchtet, von den Nazis mitgenommen oder erschossen zu werden, sagt Blaszynska. Sie selbst habe diese Angst nicht verstanden. «Es war eine schreckliche Zeit, man bangte ständig um sein Leben. Aber wenn man 15 ist und seine Mutter, den Bruder und Freunde um sich hat, empfindet man das nicht so direkt», erklärt sie. «Heute begreife ich überhaupt erst die ganze Gefahr und den Schrecken.»
Über die Taten der Deutschen hinwegzukommen, fällt ihr immer noch schwer. «Sie haben mir die Kindheit und Jugend genommen», sagt sie. «Ich kann ihnen nicht vergeben, nein. Wegen meines Bruders nicht. Ich kann ihnen bestenfalls Neutralität entgegenbringen.»
«Auch dem eigenen Volk die Hölle bereitet»
Kolodziejczyk und seine Familie wurden im Juni 1940 zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof in Velgast im heutigen Mecklenburg-Vorpommern verschleppt. Bei der Ankunft habe er deutschen Offizieren erklärt, er wolle zurück nach Polen und wieder in die Schule, erinnert er sich. «Sie sagten, Polen gibt es nicht und wird es nie geben.»
Bei der Rückkehr nach Wielun nach dem Krieg fanden die Kolodziejczyks ihr Haus vollständig geplündert vor. Trotzdem sei er so froh gewesen, wieder daheim zu sein, dass er den Apfelbaum im Garten umarmt habe, sagt der 83-Jährige. «Ich habe ihn umarmt und geweint und geweint und geweint.»
Kolodziejczyk sagt, er mache das gesamte deutsche Volk verantwortlich dafür, dass es Hitler an die Macht gebracht habe. Doch heute sei er für Aussöhnung mit den Nachbarn. Er hege keinen Groll gegen sie. «Im Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen nicht nur uns die Hölle bereitet, sondern auch ihrem eigenen Volk.»




























