Der Mann mit dem Zettel

08. November 2009 18:46; Akt: 08.11.2009 19:01 Print

«Ab sofort, unverzüglich»«Ab sofort, unverzüglich»

Der ehemalige SED-Politiker Günter Schabowski erinnert sich «mit Genugtuung und auch mit einem gewissen Stolz» daran, dass er am 9. November 1989 mit der Bekanntgabe einer neuen Reiseregelung den Mauerfall auslöste.

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«Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.» (DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht) «Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militärischen Kräfte Westdeutschlands und Westberlins wird eine solche Kontrolle an den Grenzen der DDR ... ... einschliesslich der Grenze zu den Westsektoren von Gross-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist.» (Aus einem Beschluss des DDR-Ministerrats) «Es ist das Gebot der Stunde, in Festigkeit, aber auch in Ruhe der Herausforderung des Ostens zu begegnen und nichts zu unternehmen, was die Lage nur erschweren, aber nicht verbessern kann.» (Bundeskanzler Konrad Adenauer) «Man muss die Unzahl menschlicher Tragödien im Auge haben, die sich in diesen Tagen abspielen. Mitten durch eine Stadt, in der es trotz der administrativen Teilung noch immer täglich vieltausendfache Verbindungen gab, sind die Betonpfähle einer Grenze eingerammt worden, die zu einer Art chinesischer Mauer ausgebaut wird.» (Westberlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt) «Mit der Mauer werden wir uns niemals abfinden.» (Westberlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt) «Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt West-Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.» (US-Präsident John F. Kennedy) «Die Mauer in Berlin ist eine Realität, aber realistisch ist sie nicht, denn sie ist nicht vernünftig, nicht human. Deshalb wird sie in der geschichtlichen Perspektive keinen Bestand haben.» (Bundespräsident Richard von Weizsäcker) «Solange es Mauer, Stacheldraht und Schiessbefehl gibt, kann von Normalität in Deutschland keine Rede sein.» (Bundeskanzler Helmut Kohl) «Mister Gorbachev, tear down this wall!» - «Herr Gorbatschow, reissen Sie diese Mauer ein!» (US-Präsident Ronald Reagan) «Sie (die Mauer) wird in 50 Jahren und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.» (DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker) «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» (Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow an die DDR-Führung, so wiedergegeben von seinem Sprecher Gennadi Gerassimow) «Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - (...) - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt (...)» (Politbüromitglied Günter Schabowski) «Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt.» (Westberlins Regierender Bürgermeister Walter Momper)

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Das sagte der 80-Jährige dem Berliner «Tagesspiegel» zufolge. Zwar sei die Linkspartei der Meinung, er sei «ein Verräter und Schweinehund», aber es gebe auch Menschen, die seinen damaligen Versuch respektierten, «die Spaltung zwischen Ost und West zu überwinden».

Die historische Dimension des Augenblick sei ihm allerdings erst viel später bewusst geworden, sagte Schabowski demnach. Zwar sei ihm klar gewesen, «dass das ein relativ einschneidender Schritt war», der die Konfrontation zwischen Ost und West beendete. «Und wir waren uns im Klaren, dass daraus eine Entwicklung wird, bei der wir uns mit dem Westen arrangieren müssen. Allerdings noch unter den Bedingungen einer deutschen Teilung mit einer souveränen DDR.»

Ärger über Krenz

Das damalige Politbüromitglied Schabowski hatte am Abend des 9. November auf einer Pressekonferenz die neue Reiseregelung bekanntgegeben und auf Nachfrage, ab wann dies gelten solle, geantwortet: «Ab sofort, unverzüglich.» Diese Regelung war angeblich noch nicht endgültig abgestimmt worden.

Es habe ihn «verflucht geärgert, dass Krenz dann herumzeterte, er hätte das nicht gemacht», sagte Schabowski. Er bestritt, dass der Nachfolger von Erich Honecker als SED- und Staatschef ihm am 9. November 1989 mitgeteilt habe, für die neue Reiseregelung gelte eine Sperrfrist, wodurch der Ansturm der Reisewilligen womöglich hätte kanalisiert werden können. Krenz habe ihm das Papier «vor der Pressekonferenz gegeben - ohne ein Wort von einer Sperrfrist, nichts dergleichen. Im Nachhinein hat er versucht, sich vor den Gremien damit zu rechtfertigen, dass er mir das Papier übergeben hätte und dabei sei eine Sperrfrist gewesen. Natürlich wäre eine Sperrfrist angemessen gewesen, wenn wir drei - Siegfried Lorenz, der Parteichef aus Karl-Marx-Stadt, Krenz und ich - uns darauf geeinigt hätten.»

Sozialismus hat keine Chance

Mit der DDR und dem Sozialismus hat er inzwischen abgeschlossen. Der Versuch, ein solches Gesellschaftskonstrukt zu schaffen, sei «von vornherein zum Scheitern verurteilt», sagte er. «Zu glauben, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Gesellschaft ideal zu formen sei, ist eine Illusion.» Inzwischen habe sich auch die Linkspartei «von sozialistischen Vorstellungen verabschiedet, auch von ihrer Terminologie», sagte Schabowski. «Die Linkspartei möchte nur das abschöpfen, was von den sozialistischen Träumen übrig geblieben ist, um daraus politischen Gewinn zu ziehen.»

(dapd)