20 Jahre Mauerfall

06. November 2009 11:24; Akt: 06.11.2009 13:24 Print

«Bin froh, floss Angstschweiss und kein Blut»«Bin froh, floss Angstschweiss und kein Blut»

von Anja Sokolow, dpa - Am 9. November 1989 wollte Harald Jäger seine Nachtschicht am Ost-Berliner Grenzübergang Bornholmer Strasse ganz ruhig angehen lassen. «Doch damals passierten Dinge, die ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt hätte», erinnert sich der Ex-Offizier der Stasi.

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Mit Wunderkerzen in den Händen freuen sich die Menschen auf der Berliner Mauer über die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze. Ein West-Berliner reicht ostdeutschen Grenzbeamten die Hand — doch die stehen der Sache noch skeptisch gegenüber. Tausende Ostler strömen noch in der Nacht zu den Grenzen, die nach und nach geöffnet werden. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 besuchen etwa 50 000 DDR-Bürger West-Berlin. Noch nie war es so leicht und gefahrlos für die DDR-Bürger, die ungeliebte Masuer zu überwinden, wie in dieser Nacht. West-Berliner (r.) helfen tatkräftig mit. Die Grenzpolizisten und -Soldaten der DDR sind von dem Ansturm überrascht und überfordert. Unter dem Druck der euphorischen Masse geben sie schliesslich nach und öffnen die Grenze. Dass die überraschten Grenzposten nicht schossen und alles friedlich blieb, empfanden viele als Wunder. Menschenmassen besetzen die Mauer vor dem Brandenburger Tor im Zentrum von Berlin. Aus dieser Forderung wird bald Realität: Am 3. Oktober 1990, nicht einmal ein Jahr nach dem Mauerfall, findet die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten statt. Jubel am Grenzübergang. Die DDR-Bürger übernahmen an jenem 9. November die Macht auf der Strasse. Ostdeutsche Grenzbeamte trotzen mit einem westlichen Regenschirm dem Regen. Was noch in der Nacht zuvor undenkbar — und lebensgefährlich — war, wird nun in aller Öffentlichkeit gemacht: ... ... Die Mauer wird demontiert. Alle Mittel werden dabei eingesetzt. Zwei Jungen präsentieren stolz ihre Mauertrophäen. Bald klaffen Lücken in dem verhassten Bauwerk. Nicht alle scheinen gleichermassen begeistert zu sein ... Am 10. November lassen die ostdeutschen Behörden weitere Breschen als improviserte Grenzübergänge in die Mauer schlagen. Auch am 10. November sammeln sich riesige Menschenmengen, hier vor dem Reichstagsgebäude. Trabis wagen sich nach Westen. Es scheint, als wolle die ganze DDR zugleich den Westen besichtigen. Egal, ob per Auto oder ... ... zu Fuss. Endlich ist die Grenze weg. Am 11. November stehen ostdeutsche Grenzer auf der Mauer, nachdem sie die feiernden Berliner von dem Bauwerk vertrieben haben. Gemeinsamer «Ost-West-Sonntagsspaziergang» am 12. November auf dem Berliner Kurfürstendamm. DDR-Bürger stehen am 13. November vor einer Bank in Westberlin an, um ihr Begrüssungsgeld in Empfang zu nehmen. Bald wird in Westberlin das Geld knapp – die Landeszentralbank lässt tonnenweise Geldscheine einfliegen.

Berlin, 9. November 1989: Die Mauer fällt

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Sein Grenzübergang öffnete damals als erster - ohne Befehl von oben. Die Stunden davor seien die dramatischsten in seinem Leben gewesen: «Ich bin froh, dass nur Angstschweiss floss und kein Blut», sagt Jäger im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

In der Kantine habe er gegen 19:00 Uhr die Pressekonferenz mit Günter Schabowski zur neuen Reiseregelung für DDR-Bürger verfolgt, sagte Jäger. Fast beiläufig hatte Schabowski die sofortige Öffnung der Grenzen verkündet. Das habe sich ganz schnell bemerkbar gemacht.

«Erst stand eine Handvoll DDR-Bürger da, doch minütlich wurden es mehr. Aus Hunderten wurden Tausende, die forderten: «Macht das Tor auf!»», erzählt Jäger, der damals mit 30 Kontrolleuren und drei Grenzposten im Dienst war.

Angst vor Massenpanik

«Wir standen den Massen bald in Handgriffweite gegenüber, uns trennten nur noch die geschlossenen Schlagbäume». Er habe Angst gehabt, vor allem vor einer Massenpanik. «Wir hatten die Lage bald nicht mehr im Griff», so der heute 66-Jährige. Er habe immer wieder versucht, telefonische Anweisungen von Vorgesetzten zu erhalten. «Doch da oben herrschte ebenso ein Chaos wie bei uns.»

Gegen 21:40 Uhr sei der Befehl gekommen, besonders «provokative Bürger» über die Grenze, aber nicht wieder zurück zu lassen. Doch diese «Ventillösung» habe nicht geholfen. «Gegen 23:20 Uhr habe ich dann befohlen, die Schlagbäume zu öffnen und alle ohne Kontrolle ausreisen zu lassen», sagt Jäger. Etwa 25 000 Menschen hätten die neue Freiheit in dieser Nacht genutzt.

«Im ersten Moment war eine richtige Leere in mir. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden», sagt Jäger. Heute sei er «ein bisschen stolz» darauf, eine Eskalation verhindert zu haben. Er glaube, durch sein besonnenes Handeln etwas Wiedergutmachung geleistet zu haben - für 28 Jahre Dienst in dem DDR-Grenzregime.

Es sei schön gewesen, dass «die DDR-Bürger uns nicht ausgegrenzt, sondern umarmt haben», sagt der frühere Offizier. Auch die Reaktion seines damaligen Vorgesetzten fiel milde aus: «Mit schlotternden Knien habe ich meinen Oberst telefonisch über die Aktion benachrichtigt. Der sagte nur «Ist gut, mein Junge»».

Vergangenheitsbewältigung

Nach der Wende fing Jäger «bei null an». Er sei zwei Jahre arbeitslos gewesen, habe dann eine Ausbildung zum Taxifahrer gemacht. Auch als Eis- und Zeitungsverkäufer und bei einem Sicherheitsdienst habe er gearbeitet.

Die Aufarbeitung seiner Vergangenheit hätte viele Jahre gedauert, sagt Jäger. Geholfen hätten ihm dabei auch die Interviews mit Gerhard Hasse-Hindenberg, dem Autor seiner Biografie, die 2007 im Heyne-Verlag erschien.

Heute lebt Jäger im brandenburgischen Werneuchen und verbringt viel Zeit in seinem Garten bei seinen Kakteen. Nach 20 Jahren will er jetzt erstmals am 9. November wieder zu seinem früheren Grenzpunkt gehen und sich unter die Passanten mischen. Die durch den Mauerfall gewonnene Reisefreiheit kann er aber nicht voll auskosten: Für die Traumreise nach Mexiko reiche das Geld nicht.