Wendejahr 1989

30. September 2009 10:01; Akt: 30.09.2009 10:20 Print

«Das war der psychologische Mauerfall»«Das war der psychologische Mauerfall»

Am 30. September 1989 trat der Aussenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher, auf den Balkon der deutschen Botschaft in Prag und sprach einen halben Satz, der Geschichte schrieb.

Genschers Rede in Prag (Quelle: YouTube.com)
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Im August 1989 kehrten Tausende DDR-Bürger ihrem Land den Rücken und versuchten, über die Tschechoslowakei in den Westen zu gelangen. Doch das Regime in Prag liess die Flüchtlinge nicht ausreisen. Ende September campierten schon zwischen vier- und fünftausend ausreisewillige DDR-Bürger unter katastrophalen hygienischen Bedingungen auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag, dem Palais Lobkowicz.

«... dass heute Ihre Ausreise ...»

Diese Menschenmenge hielt den Atem an, als am Abend des 30. September der damalige Bundesaussenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon der Botschaft trat, um ihnen das Ergebnis seiner Verhandlungen mit dem sowjetischen und dem ostdeutschen Aussenminister mitzuteilen: «Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...» — hier unterbrach ein vielstimmiger Jubelschrei die Rede Genschers, so dass der Rest des Satzes vom Lärm verschluckt wurde: «... dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist.»

Schon um 22:30 Uhr am gleichen Tag konnten die ersten tausend Flüchtlinge auf dem Vorstadtbahnhof Praha-Liben einen Zug der Reichsbahn besteigen, der sie über DDR-Gebiet in den Westen brachte. In der gleichen Nacht folgten vier weitere Züge. Doch der Exodus aus der DDR war damit nicht beendet — im Gegenteil: Immer mehr Menschen verliessen den «Arbeiter- und Bauernstaat» und reisten nach Prag. Verzweifelt überwanden sie dort die Absperrungen der tschechoslowakischen Polizei vor dem Palais Lobkowicz, um auf das rettende Territorium der Bundesrepublik zu gelangen. Manche harrten wochenlang auf dem Botschaftsgelände aus, bevor sie endlich in den Westen ausreisen konnten. Insgesamt dürften mehr als 70 000 DDR-Bürger auf diesem Weg in den Westen gelangt sein.

Vorstufe des Mauerfalls

Hans-Dietrich Genscher, der später sagte, jene Stunden in der deutschen Botschaft gehörten «zu den bewegendsten meines Lebens», sieht heute in diesem historischen Moment auf dem Balkon der Prager Botschaft eine wichtige Vorstufe für den Fall der Mauer gut einen Monat später. Nach den Ereignissen in Prag sei die Mauer nicht mehr zu halten gewesen, sagte der ehemalige deutsche Aussenminister kürzlich. «Das war der psychologische Mauerfall.»

(dhr)