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20 Jahre nach der Wende
07. November 2009 14:35; Akt: 07.11.2009 14:35 Print
«Ich war schon drüben»
von Annette Schneider-Solis, AP - Wieder und wieder flimmern die Bilder zum 20. Jahrestag der Grenzöffnung über die Bildschirme. Menschenmengen strömen über die plötzlich geöffneten Grenzen, tanzen auf der Berliner Mauer. An der Bornholmer Strasse drängen und schieben im Dunklen die Massen. Doch noch bevor dort «geflutet» wurde, war schon im Süden Berlins der Schlagbaum hochgegangen.
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Und Annemarie Reffert war bereits in Helmstedt. Die Ärztin aus Gommern war die erste DDR-Bürgerin, die gemeinsam mit ihrer Tochter von der neuen Reiseregelung Gebrauch machte.
«Ich hatte meine Tochter von der Musikschule in Magdeburg abgeholt und dabei in den Nachrichten von der Pressekonferenz in Berlin gehört», erinnert sie sich. Ungläubig schaltete sie zu Hause gleich den Fernseher ein. In jeder Nachrichtensendung war die unverhoffte Ankündigung der Reisefreiheit Thema Nummer eins. Ein offenbar selbst überraschter Günter Schabowski war auf allen Kanälen zu sehen, wie er verkündete, dass Reisen in die Bundesrepublik für DDR-Bürger auch ohne besonderen Grund ab sofort möglich seien.
Einfach probieren, ob's geht
Die Refferts rätselten, ob man denn nun einfach so rüberfahren könne. Tochter Juliane schlug vor, doch einfach zu probieren, ob's geht, wie sich Reffert erinnert. Sie selbst wollte anfangs nicht. Die Notärztin hatte Bereitschaftsdienst. Doch schliesslich liess sie sich überzeugen, bat einen Kollegen, die Bereitschaft zu übernehmen, setzte sich mit ihrer 15-jährigen Tochter in den Wartburg und fuhr einfach los in Richtung Westen.
«Ich kannte die Grenzübergangsstelle durch meine Arbeit», erzählt sie. Reffert war eine der Medizinerinnen, die nach gründlicher Sicherheitsüberprüfung dort eingesetzt wurden. «Als wir losfuhren, dachte ich mir noch nichts dabei», sagt sie. «Die Autobahn war leer, es war totenstill. Als wir an der Abfahrt Irxleben kurz hinterm Rasthof Börde vorbeigefahren sind, wurde mir doch etwas komisch.» Denn hier war normalerweise für DDR-Bürger Schluss. Weiter ging es nur mit Passierschein. Doch die Refferts hielt an jenem Abend nichts auf.
Ratlose Grenzer
Erst an der Grenzübergangsstelle kamen die Kontrollen und die Fragen, wohin man denn wolle. «Ich habe argumentiert, Schabowski habe gesagt, wir dürfen rüber.» Die Grenzsoldaten waren ratlos, liessen sie passieren. Als ein Zöllner den leeren Kofferraum inspizierte, fragte er erstaunt, warum sie denn kein Gepäck dabei hätten. «Wir wollen bloss mal kurz gucken, ob wir wirklich reisen können», entgegnete Reffert. Und durfte fahren, über den gleissend hell erleuchteten Grenzübergang Marienborn nach Helmstedt. Dort warteten bereits die ersten Journalisten, stürmten mit Mikrofonen auf sie zu.
«Als ich ihnen sagte, dass wir wieder zurück wollen, waren wir uninteressant», erzählt die 66-jährige. Sie berichtet, wie sie eine kurze Runde durch Helmstedt drehten, wendeten und wieder in Richtung Grenze zurückfuhren. Tochter Juliane fragte plötzlich, was denn wäre, wenn man sie nicht zurückliesse in die DDR. «Aber davor hatte ich keine Angst», sagt Reffert.
«Aufmachen! Durchlassen»
Im Süden Berlins hatten sich rund 100 DDR-Bürger am Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee versammelt und marschierten gegen 20.30 Uhr ungehindert nach Westberlin - zwei Stunden, bevor sich der Schlagbaum an der Bornholmer Strasse öffnete. Der einstige Grenztruppen-Oberstleutnant Heinz Schäfer erinnert sich in einer ZDF-Dokumentation an seinen Befehl an jenem Abend: «Aufmachen! Durchlassen!»
Er hatte Schabowskis Pressekonferenz im Fernsehen verfolgt und danach mit seinem Regimentskommandeur telefoniert. «Mir war klar, dass jetzt fast jeder ein- und ausreisen konnte.» Er fuhr zum Grenzübergang und liess die scharfe Munition einsammeln, später die Kontrolle der Ausweise einstellen. Dass die Öffnung an der Waltersdorfer Chaussee kaum bekannt ist, erklärt er sich damit, dass sein Übergang auf Brandenburger Gebiet lag und Berlin eben «die erste Geige» spielte.
«Ich war schon drüben»
Nach ihrem Ausflug ins andere Deutschland verbrachte die Ärztin Reffert die ganze Nacht über vor dem Fernseher, sah die Bilder vom Freudentaumel in Berlin. Als sie am nächsten Tag zum Dienst ins Krankenhaus kam, wurde sie von den Schwestern mit der Nachricht des Tages begrüsst. Die Grenze sei auf, jetzt müssten sie sich schnell ein Visum besorgen. «Ich habe bloss gesagt: Braucht ihr nicht, ich war schon drüben.»
Zwei Tage später war die Autobahn 2 am Wochenende völlig zu, verstopft mit tuckernden Zweitaktern, die gen Westen wollten. Der Stau reichte bis zum 60 Kilometer entfernten Burg.
Annemarie Reffert ist heute Ruheständlerin. Juliane Refferts Ausweis ist in der Dauerausstellung in Marienborn zu bewundern. Der Stempel der Wiedereinreise belegt, dass die Refferts vor dem Fall der Berliner Mauer im Westen und damit die ersten DDR-Bürger waren, die nach Schabowskis Initialzündung in die Bundesrepublik einreisten.


























