«Die Mauer ist offen»

04. November 2009 13:40; Akt: 04.11.2009 14:07 Print

Als Berlin Weltgeschichte schriebAls Berlin Weltgeschichte schrieb

von Jutta Schütz, dpa - Wohin mit all dem Gefühl? Die Freudentränen flossen, der Sekt auch. «Wahnsinn» war das Wort des Abends. Vor 20 Jahren - am 9. November 1989 - fiel die Mauer.

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Nach mehr als 28 Jahren der Trennung konnten viele in Ost und West die Weltsensation zunächst nicht fassen. Doch dann gab es kein Halten mehr. Tausende Ostler strömten noch in der Nacht zu den Grenzen, die nach und nach geöffnet wurden.

Trabis knatterten erstmals auf westlichen Strassen. So mancher konnte gar nicht aufhören, fremde Landsleute zu umarmen und sein Glück herauszuschreien. Es war Weltgeschichte pur: Auf der Mauer am Brandenburger Tor in Berlin tanzten die Menschen.

Absicht oder Kontrollverlust?

Es war genau 18.53 Uhr, als SED-Spitzenfunktionär Günter Schabowski auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin zum neuen DDR-Reisegesetz stockend und fast konfus verkündete: «Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort...unverzüglich».

Der italienische Journalist Riccardo Ehrman hatte gefragt, wann die Erleichterungen in Kraft treten. Mauerfall halb aus Versehen oder inszenierter Plan?

Ex-SED-Generalsekretär Egon Krenz ist noch immer sauer auf seinen einstigen Mitstreiter Schabowski - der habe die Grenzöffnung zu früh und allein herausposaunt. Erst am 10. November hätten die Posten die Grenzen per Befehl öffnen sollen. Diese Darstellung weist der einstige Medienprofi Schabowski zurück.

Auch Journalist Ehrman pocht auf seinen Geschichtsanteil: Ein SED- Mann - ausgerechnet der Chef der staatlichen Nachrichtenagentur Günther Pötschke - habe ihm damals den Tipp für die Frage zur Reisefreiheit gegeben - die sei keinesfalls Zufall gewesen.

«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben»

Noch am 7. Oktober hatte die Führungsriege mit Erich Honecker an der Spitze ungerührt mit Militärparade und Fackelzug den 40. DDR- Jahrestag gefeiert.

Der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow warnte den reformunwilligen Honecker sinngemäss: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Da hatten schon Zehntausende die DDR verlassen, von Woche zu Woche wurden die Protestdemonstrationen grösser, die Forderungen nach Demokratie trotz Repressalien und Festnahmen immer lauter.

Doch auch die Mitte Oktober nach dem Sturz Honeckers an die Macht gekommene Elite unter Krenz unterschätzte ihr Volk gründlich. Viele Menschen wollten sich mit den «Wende»-Ankündigungen der SED-Führung nicht mehr abspeisen lassen, glaubten nicht an Reformen.

Mit der Erlaubnis von Auslandsreisen sollte die DDR gerettet werden, sagte Schabowski später der dpa. Doch die DDR-Bürger übernahmen an jenem 9. November die Macht auf der Strasse. Dass die überraschten Grenzposten nicht schossen und alles friedlich blieb, empfanden viele als Wunder.

Kohls «Blühende Landschaften»

Doch die Glücksmomente verschwanden bald hinter einem Problemberg, Ernüchterung machte sich breit. Der schnelle Weg zur Einheit mit der Währungsunion, das massenhafte Wegbrechen von Arbeitsplätzen, marode Innenstädte und Strassen, verpestete Umwelt - die Aufgaben waren gewaltig.

Die von «Einheitskanzler» Helmut Kohl versprochenen «blühenden Landschaften» gebe es, jedoch nicht überall, sagte Saarlands Ministerpräsident Peter Müller (CDU) vor kurzem.

Wirtschaftsforscher schätzen, erst in knapp 50 Jahren werde die ostdeutsche Wirtschaft auf Westniveau sein. Gewerkschafter beklagen, Ostdeutschland sei vornehmlich ein Absatzmarkt für westdeutsche Produkte geblieben, die Löhne niedriger als im Westen.

Mauer in den Köpfen

Nach einer Forsa-Umfrage wollen heute 16 Prozent der Westdeutschen und 10 Prozent der Ossis die Mauer zurück. Obwohl an vielen Stellen das Zusammenwachsen geklappt hat, sind Unterschiede noch sichtbar.

Gerade ältere Ostdeutsche fühlen ihre Lebensleistung oft nicht genügend anerkannt. Sie waren zu alt, um nach der Einheit neu durchzustarten. Ungerecht finden sie auch, dass die DDR zunehmend auf die Stasi reduziert werde.

Und es verbittert, dass ganze Landstriche zu veröden drohen, denn viele junge Menschen suchen ihre Perspektiven im Westen. Die Arbeitslosigkeit ist 20 Jahre nach dem Mauerfall nach Gewerkschaftsangaben im Osten fast doppelt so hoch wie im Westen. Viele Westdeutsche hingegen finden, dass ihre Landsleute im Osten dankbarer sein sollten für die Aufbau-Milliarden.