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Vor zwanzig Jahren
16. Dezember 2009 15:04; Akt: 16.12.2009 15:24 Print
Blutige Wende in Rumänien
von Kathrin Lauer, dpa - Jahrzehntelang hatte Nicolae Ceausescu sein Land mit eiserner Faust beherrscht. Doch dann, am Weihnachtstag 1989, fiel der «Titan der Titanen» in der blutigsten Revolution des Wendejahrs 1989.
«Maisbrei explodiert nicht» — dies waren die selbstironischen Worte, mit denen viele Rumänen die Stimmung in ihrem Land kurz vor der Wende beschrieben. Diktator Nicolae Ceausescu, das selbsternannte «Genie der Karpaten», regierte das Land noch immer streng — sich dagegen zu wehren schien unmöglich.
Vertreter der rumänischen Diaspora in der Schweiz blicken mit gemischten Gefühlen auf die Wende in ihrer Heimat vor zwanzig Jahren zurück. Der Volksaufstand verlief damals nicht friedlich, wie in den umliegenden Ländern, und er brachte dem Land nicht sofort die Demokratie.
Der Westschweizer Schriftsteller mit dem Künstlernamen Eugène, geboren in der rumänischen Hauptstadt Bukarest und seit 1976 wohnhaft in der Schweiz, hebt den künstlichen Charakter des Ereignisses hervor.
Man sei im Begriff das 20-jährige Jubiläum «einer Scheinrevolution» zu feiern, weil sich die Demokratie in Rumänien eigentlich erst vor zehn Jahren durchgesetzt habe, sagt er gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.
Ion Bals, Präsident der rumänischen Gemeinschaft in der Schweiz, geht noch weiter: Er erwartet nicht, dass die Demokratie sein Land «vor 2020» erreicht.
Eugène bezweifelt hingegen nicht die Spontaneität der Demonstrationen vom Dezember 1989. «Die Demonstranten erfanden sogar neue Objekte, indem sie das kommunistische Emblem aus rumänischen Fahnen herausschnitten. Sie trugen die Fahnen als Poncho. Es entstand eine solche Leidenschaft, es war unglaublich!»
Diese Einschätzung teilt Bals, der seit 1977 in der Schweiz lebt: «Ich dachte, der Kommunismus sei für ewig aus Rumänien verbannt», sagt er. Doch die Rumänen in der Schweiz mussten ihre Illusionen schnell aufgeben.
«Wie viele Rumänen dachten wir, die Dinge würden sich nun verändern, sagt Bals. «Schnell mussten wir aber feststellen, dass es dieselben Anführer waren, die die Macht wieder übernahmen.»
Das furchterregendste Regime des Ostblocks
Während in den kommunistischen Nachbarländern der Geist von Glasnost und Perestroika Boden gewann, ja sogar, als die Berliner Mauer schon gefallen war, wagte im Karpatenland noch kaum jemand zu hoffen, dass Ceausescu jemals gestürzt werden könnte.
In Rumänien herrschte das furchterregendste Regime des Ostblocks, eine Familiendiktatur mit stalinistisch-faschistischen Akzenten. Anders als in Ungarn, Polen, der DDR und der Tschechoslowakei gab es keine organisierten Oppositionsbewegungen, sondern nur isolierte Einzelkämpfer.
Vom Beschützer zum Henker
Doch dann geschah ein Wunder. Im westrumänischen Temeswar brach am 16. Dezember 1989 ein Volksaufstand aus, der sich über das ganze Land ausbreitete. Ausgebuht von wütenden Demonstranten floh Ceausescu mit seiner Frau Elena am 22. Dezember aus Bukarest — zunächst unter dem «Schutz» von Militär und der Geheimpolizei Securitate.
Doch waren die vermeintlichen Beschützer des Diktatorenpaars von Anfang an ihre Kerkermeister und später ihre Henker. Am 25. Dezember wurden Elena und Nicolae Ceausescu in der Garnison Targoviste bei Bukarest nach einem höchst umstrittenen, geheimen Schnellprozess durch Erschiessen hingerichtet.
Kurz vorher hatte eine Gruppe um den Altkommunisten Ion Iliescu die Macht ergriffen. Ob dies eine echte Revolution war oder ein Staatsstreich, ist auch 20 Jahre danach unklar. Es war wohl beides. Die Iliescu-Gruppe hat den spontanen Volksaufstand zur Machtergreifung genutzt.
Demonstrationen für Pastor
Im Dezember 1989 gingen viele mutige Rumänen auf die Strasse und riskierten ihr Leben im Kampf gegen die Diktatur. Anlass der Revolte in Temeswar war die geplante willkürliche Versetzung des protestantischen Pastors Laszlo Tökes. Schon am 15. Dezember begannen dutzende Gläubige dagegen zu demonstrieren.
Am nächsten Tag schlossen sich hunderte weitere Menschen an. Die ersten Sprechchöre gegen Ceausescu waren zu hören, und es kam zu ersten Verhaftungen. Am 17. Dezember setzten Armee und Securitate — mobilisiert vom wütenden Ceausescu — Panzer und Gewehre gegen die Demonstranten in Temeswar ein.
Daraufhin breitete sich die Revolte im ganzen Land aus — zuletzt am 22. Dezember in der Hauptstadt Bukarest. Der Diktator und seine Frau flohen schliesslich auf dem Dach des ZK-Gebäudes in einen Helikopter in die Garnison Targoviste.
Mehr als 1000 Tote
Am selben Abend rief Iliescu im Fernsehen die Machtübernahme seiner spontan gegründeten «Front zur Nationalen Rettung» aus. Jetzt erst begannen die Strassenkämpfe in voller Brutalität — bis heute ist unklar, warum. Von den insgesamt landesweit 1104 Todesopfern der rumänischen Revolution starben 942 erst nach dem 22. Dezember.
Iliescu wurde vielfach vorgeworfen, dass seine Gruppe damals bewusst Chaos und Gewalt geschürt habe, um die bis heute moralisch umstrittene Hinrichtung Ceausescus zu rechtfertigen. Iliescu hatte damals von mysteriösen Ceausescu-treuen «Terroristen» gesprochen, die um sich feuerten.
Fest steht, dass die Armeeführung am 22. Dezember auf die Seite der Umstürzler wechselte. Dennoch herrschte bis zur Hinrichtung der Ceausescus in den unteren Rängen grosse Unsicherheit.
In der Garnison Targoviste wollte zunächst kein Soldat die Ceausescus erschiessen. Zur Vollstreckung des Todesurteils schickte Armeechef Victor Athanasie Stanculescu schliesslich drei hartgesottene Fallschirmspringer.
Video: Ceausescus letzte Rede
(Quelle: YouTube.com)
Chronik
Keine Revolution in Osteuropa 1989 war derart blutig wie jene in Rumänien. Hier eine Chronik der damaligen Ereignisse, deren Hintergründe allerdings noch nicht vollständig geklärt sind.
- 10. März 1989: Ein in der «New York Times» abgedruckter offener Brief von sechs Altkommunisten richtet schwere Vorwürfe gegen die Politik des rumänischen Parteichefs Nicolae Ceausescu.
- November 1989: In Timisoara (Temeschvar) kommt es zu regimefeindlichen Kundgebungen, die aber sofort niedergeschlagen werden.
- 25. November 1989: Der Parteichef Ceausescu lehnt auf dem Parteikongress der KP in Bukarest politische Reformen ab.
- 3. Dezember 1989: Vor dem Politbüro gesteht Ceausescu Fehler seiner Partei ein und kündigt bessere Regierungsarbeit und Änderungen in der Wirtschaftspolitik an.
- 16. Dezember 1989: In Timisoara und Arad kommt es zu Demonstrationen — u.a. wegen der Zwangsumsiedlung des regimekritischen Geistlichen Laszlo Tökes. Beim Einsatz von Sicherheitspolizei und Militär werden mehrere hundert Menschen getötet.
- 18. bis 20. Dezember 1989: Die Unruhen greifen auf andere Städte über. Gleichwohl unternimmt Ceausescu einen Staatsbesuch in Iran.
- 21. Dezember 1989: Bei einer Kundgebung zur Huldigung Ceausescus in Bukarest wird der Parteichef von der Menge ausgebuht.
- 22. Dezember 1989: Die Armee versagt Ceausescu die Unterstützung. Er versucht, zusammen mit seiner Ehefrau Elena aus Rumänien zu fliehen, wird aber verhaftet. Der Reformer Ion Iliescu gibt die Machtübernahme durch eine «Front zur Nationalen Rettung» bekannt.
- 25. Dezember 1989: Ceausescu und seine Frau werden von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet.
- 26. Dezember 1989: Iliescu wird Vorsitzender des (kommunistisch dominierten) «Rats der Front der Nationalen Rettung» und provisorischer Staatschef.
- 1. Januar 1990: Iliescu verkündet die Abschaffung der Todesstrafe und die Auflösung der Geheimpolizei Securitate. Diese wird aber lediglich der Armee unterstellt.
- 24. Januar 1990: Die Ankündigung der Front, bei freien Wahlen am 20. Mai zu kandidieren, löst heftige Proteste der Opposition aus.
- 1. Februar 1990: Bildung eines Übergangsparlaments aus Front und antikommunistischer Opposition. Iliescu übernimmt den Vorsitz.
- Februar bis April 1990: Immer wieder kommt es zu Unruhen und Kundgebungen gegen Iliescu.
- 20. Mai 1990: Erste «freie» Wahlen nach 50 Jahren. Die Front des Ex-Kommunisten Iliescu siegt.




























