9. November 1989

02. November 2009 16:33; Akt: 02.11.2009 17:25 Print

Schabowskis Zettel und der Fall der MauerSchabowskis Zettel und der Fall der Mauer

von Peter Blunschi - Wer hat am 9. November 1989 die Berliner Mauer geöffnet? Zwei Journalisten streiten, wer DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski das Wörtchen «sofort» entlockt hat. Aber eigentlich gebührt die Ehre einem Dritten.

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Die Pressekonferenz von Günter Schabowski: Links neben dem Podium sitzend Riccardo Ehrmann, vorne links von ihm im grauen Jackett Peter Brinkmann. (Bild: Bundesarchiv)

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Am Montagabend zeigen ARD (21 Uhr) und SF1 (22.50 Uhr) das Dokudrama «Schabowskis Zettel». Es rekonstruiert die Ereignisse vom 9. November 1989, die zur Öffnung der Berliner Mauer führten. Im Mittelpunkt steht die Pressekonferenz von DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski, die um 18 Uhr begonnen hatte. Nach 53 Minuten erklärte Schabowski, dass Privatreisen ins Ausland künftig für alle DDR-Bürger möglich sein werden. Die Journalisten fragten, ab wann dies der Fall sein werde, worauf der verunsicherte Schabowski einen Zettel konsultierte und antwortete: «Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.»

Es war der «schönste Irrtum der deutschen Geschichte» (ZDF), denn auf besagtem Zettel stand tatsächlich das Wörtchen «sofort», doch offenbar hatte der SED-Politiker nicht realisiert, dass der Beschluss mit einer Sperrfirst versehen war und erst am 10. November um 4 Uhr in Kraft treten sollte. Jedenfalls strömten die Menschen zu den Grenzübergängen in Ostberlin. Am späten Abend kapitulierte die DDR-Grenzpolizei, der Weg nach Westen war frei. Wer aber hat Schabowski dazu gebracht, die entscheidenden Worte auszusprechen?

Die Frage des Italieners

Zwei Journalisten streiten sich um die Ehre. Da ist zum einen Riccardo Ehrman, der damalige Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA in Ostberlin. Er stellte Schabowski tatsächlich in holprigem und nicht sehr logischem Deutsch die Frage nach der Ausreiseregelung: «Glauben Sie nicht, dass es war ein grosser Fehler diesen Reisegesetzentwurf, das Sie jetzt haben vorgestellt vor wenigen Tagen?»

Bis heute gefällt sich Ehrman in der Rolle als «Maueröffner». Im letzten Jahr wurde der heute 80-jährige Italiener sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Und in diesem Frühjahr überraschte er mit einer neuen Version. Günter Pötschke, der damalige Chef der DDR-Nachrichtenagentur ADN, habe ihn vor der Pressekonferenz angerufen und aufgefordert, an passender Stelle genau diese Frage zu stellen. Was prompt zu Spekulationen führte, wonach Schabowskis vermeintlich spontaner Auftritt inszeniert war.

«Bild»-Korrespondent als Held

Die meisten Beobachter bezweifeln diese Version. Pötschke starb vor drei Jahren und kann nicht mehr befragt werden. Günter Schabowski wies Ehrmans Darstellung als «totalen Quatsch» zurück. Ohnehin nimmt längst ein anderer das Verdienst für sich in Anspruch, Schabowski zu seiner Falschaussage gedrängt zu haben: Peter Brinkmann, damals Korrespondent des Boulevardblatts «Bild». Er habe die entscheidende Frage «ab wann?» gestellt, sagt der heute 64-jährige Brinkmann, das sei deutlich zu hören.

Anders ausgedrückt: Riccardo Ehrman lieferte zwar den Steilpass, aber Peter Brinkmann versenkte den Ball im Tor. Seine Version wird von verschiedener Seite bestätigt, so vom Historiker Hans-Hermann Ertle, der 1996 ein Buch zum 9. November veröffentlicht hatte, oder von Ewald König, damals Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung «Die Presse». Auch für die Macher des ARD-Dokudramas ist Brinkmann der Held jenes Tages.

Der Fehler der «Tagesthemen»

Für die «Süddeutsche Zeitung» aber war es ein ganz anderer, der den Ausschlag gab: Hanns Joachim Friedrichs, der weisshaarige Moderator der ARD-«Tagesthemen». Er eröffnete die Sendung um 22.45 Uhr mit den Worten: «Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.» Was absolut nicht zutraf, zu jenem Zeitpunkt waren die Grenzübergänge noch geschlossen. Doch damals schauten zahlreiche Menschen in der DDR die «Tagesthemen».

Sie glaubten den Worten von Friedrichs, statt wie zuvor einige hundert drängten sich plötzlich tausende Menschen vor den Schlagbäumen nach Westberlin. Der Druck wurde so gross, dass die überforderten Grenztruppen nachgeben mussten. Um 23.25 Uhr fand die entscheidende Öffnung des Übergangs Bornholmer Strasse statt. Nach 28 Jahren war die Mauer offen, weil Schabowski und Friedrichs sich geirrt hatten. «Nie waren Journalisten schlechter, nie besser», so die «Süddeutsche Zeitung».


«Tagesthemen» vom 9. November 1989 (Video: YouTube)