Julian Assange

20. Dezember 2010 13:38; Akt: 20.12.2010 14:04 Print

«Ich bekomme täglich Morddrohungen»

In seinem ersten Interview seit der Haftentlassung spricht der Wikileaks-Gründer Klartext – und vermeidet sehr geschickt das Wort Vergewaltigung.

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Täglich muss sich Julian Assange beim Polizeiposten in Beccles, Suffolk, melden. Die Medien warten gespannt auf ihn. (Bild: REUTERS/Paul Hackett)

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Julian Assange empfängt zum ersten Mal Journalisten in seinem neuen Zuhause, der Prachtvilla Ellington Hall von Vaughn Smith. Mit einer Tasse Tee und seiner leisen Stimme stellt er sich den Fragen des Reporters der spanischen Tageszeitung «El País», die nebst vier anderen Medien im Besitz der neusten Wikileaks-Dokumente ist.

Assange ist gut gelaunt. Auf die erste Frage zu seinem Zustand gibt er ausführlich Antwort: «Es ist wunderbar, wieder aus der Einzelhaft zu sein. Ich bin jetzt voller Elan», sagt er. Es mache ihm Mut, so viel Unterstützung aus aller Welt zu bekommen. Früher habe die persönliche Unterstützung von Wikileaks abgenommen, je mächtiger eine Person war. Das habe sich in den letzten Tagen geändert: Sogar mächtige Persönlichkeiten wie Brasiliens Ex-Präsident Lula hätten ihm ihre Unterstützung ausgesprochen.

Die Angst vor dem Tod

In den USA sieht das aber anders aus: Mehrere US-Politiker hätten öffentlich dafür plädiert, dass er getötet werde. Da wundere es ihn nicht, dass er nun täglich mehrere Morddrohungen bekommt. «Auch mein Anwalt und mein Sohn bekommen Todesdrohungen.» Diese stammen seiner Meinung nach von Mitgliedern der US-Armee. Die Drohungen waren mit ein Grund, weshalb Assange am Tag seiner Freilassung nur kurz vor die Medien trat: «Ich hätte eine ganze Stunde vor dem Publikum reden können», erzählt Assange, «aber die Polizei war sehr beunruhigt, dass jemand auf mich schiessen könnte. Darum die kurze Ansprache».

Der Alltag im Knast

Auf die Frage, wie er die neun Tage in Haft verbracht habe, sagt der Australier: «Ich wurde dreimal verlagert. (…) Ich war in einem Trakt, in dem Sexualstraftäter und Kindermörder untergebracht waren. Um mich zu schützen, liessen mich die Wächter nicht aus meiner Zelle.» Doch die Mithäftlinge steckten viele Nachrichten unter seiner Tür durch. «Ich habe sogar ganze Auslieferungsakten bekommen.»

Danach sei er in einen Hochsicherheitstrakt gebracht worden – zu seinem Schutz, wie die Behörden betont hätten. Mit jeder Verlegung wurden die Haftbedingungen strenger: «Jede Zelle hatte eine Videokamera. Und ich war tagelang alleine im ganzen Trakt. An manchen Nächten hörte ich die Kinderschänder, die im Pavillon untergebracht waren, stundenlang über ihre Verbrechen schreien.»

Tagsüber verbrachte er die Zeit mit Turnen, Lesen oder Schreiben: Er habe zahlreiche «Analysen» zu Wikileaks für seine Mitarbeiter verfasst und – sehr passend – «Krebsstation» vom russischen Autor Alexander Solschenizyn gelesen.

Der bizarre Vorfall mit dem gebrochenen Zahn

Die Bedingungen seien sehr «sowjetisch» und «bürokratisch» gewesen, erzählt Assange weiter. Manchmal sei es unendlich lange gegangen, bis er telefonieren durfte. Neben den Telefonaten mit seinem Anwalt konnte er in den neun Tagen vier weitere Gespräche führen. Trotz der Strenge habe er aber oft die persönliche Unterstützung der Wächter gespürt. «Ein Beamter gab mir eine Karte, auf der er geschrieben hatte 'Ich habe zwei Helden auf dieser Welt: Martin Luther King und Sie'.»

Eine kuriose Anekdote hat der Wikileaks-Mann noch zu erzählen: Eines Abends sei ihm beim Essen ein Teil eines Zahnes abgebrochen. Ein Metallstück in seinem Reis mit Bohnen sei dafür verantwortlich gewesen. Vielleicht sei es nur ein Unfall gewesen, vielleicht habe jemand den Fremdkörper absichtlich in sein Essen gesteckt. Den abgebrochenen Zahn packte er jedenfalls sorgfältig in ein Stück Papier. Als er nach einer einstündigen Pause im Hof wieder in seine Zelle kam, war der Zahn weg. «Ich denke, der landet bald auf eBay», witzelt Assange. Etwas ernster meint er dann, man habe alle Spuren des Vorfalls beseitigen wollen.

Seine Meinung zu den Beschuldigungen

Noch ernster wird Julian Assange, als er über die Anschuldigungen der zwei Schwedinnen zu sprechen kommt. «Wie immer sind die Dinge nicht so, wie sie anfänglich aussahen.» Unter anderem sei eine der Frauen zu ihrer Aussage bei der Polizei gezwungen worden, behauptet er.

Dass die britische Zeitung «The Guardian» in ihrer Sonntagsausgabe Inhalte der Akten veröffentlichte, enttäuscht ihn (obwohl Wikileaks ungefähr im selben Geschäft tätig ist). Vor allem, weil wichtige Informationen einfach weggelassen worden seien. Darunter die Tatsache, dass eine der Klägerinnen, Anna Ardin, umfangreiche Erfahrungen mit Nötigungsklagen habe.

Wer hinter der – angeblichen – Verleumdungskampagne gegen seine Person steht, kann er nicht sagen. Die Geschichte sei aber dermassen verdreht worden, dass es momentan so aussieht, als sei er ein Vergewaltiger. Es gebe dafür in der schwedischen Justiz zwei Lücken – und beide seien gebraucht worden: Zum einen die Tatsache, dass eine der Frauen (Anm. der Red. Sofie Wilèn) nicht mit einer Anzeige zur Polizei gegangen ist, sondern nur mit einer «Bitte um Rat». «Die andere Lücke betrifft das Rapportieren von Geschlechtskrankheiten, die ich nicht habe.»

Eines will er zum Schluss noch klarstellen: «Ich hatte nie Sex mit einer Person gegen ihren Willen.» Das Wort Vergewaltigung lässt er ausdrücklich weg: «Ich will dieses Wort nicht mit meinem Namen in Verbindung sehen.» Die Gerichtsakten über seine angebliche Tat hat er allerdings noch nie gesehen. «Mir wurde noch nie ein Dokument in englischer Sprache vorgezeigt, was grundsätzlich eine Verletzung gegen die europäische Menschenrechtskonvention ist.»

(kle)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Yves Talon am 20.12.2010 18:04 Report Diesen Beitrag melden

    Globalisierung *zwinker*

    Was alle vergessen.., Wir leben hier im einzigen direktdemokratischen Staat der Welt und sind es und gewohnt mitzureden und fragen zu stellen. Viele haben das leider verlernt. Julian hat gute ideen und muss geschützt werden ! auch vor der Politik !! nun leider hat da das Kind auch wieder mal den Vater gefressen und auch der Dienst an uns allen hat grenzen, oder wollen Sie Ihre Mails öffentlich machen ? Würde es mehr aktive Bürger Weltweit oder mehr ehrlichen nicht interessengruppen gesteuerten Investigativ-Jurnalismus geben würde, währe auch schon viel geschaft. Direktedemokratie für Alle !!

  • Hans P. am 20.12.2010 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Go Assange!

    Assange ich hoffe du wirst zum Wohl unser allen noch lange am Leben bleiben und die Wahrheit zum vorschein bringen. Du bist ein Symbol für den Normal Bürger. Du stellst dein Leben für uns alle ins Spiel. Die Zeit wird zeigen wer die bösen auf dieser Welt sind. FREE ASSANGE

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  • Max Mair am 20.12.2010 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Differenziert

    Wie sagt doch das alte, aber immer noch wahre Sprichwort: "Wer Wind säht wird Sturm ernten." Dies kommt nun auf den lieben Julien zu. Und Ihr, die Ihr ihm zujubelt, wärt Ihr ihm auch noch dankbar, wenn deswegen ein Krieg ausbrechen würde? Ich glaube nicht. Was da Wikilieks veröffentlicht muss sehr kritisch betrachtet werden. Es gibt Sachen die sind gut wenn publiziert, aber auch solche die sind gefährlich - auch für uns.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • lumi am 21.12.2010 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Ironisch

    Ich erschrecke doch wiefiele Leute immernoch die jetzige westliche "Weltherrschaft" in schutz nehmen. Wahrscheinlich weil jeser Einzelne von Ihnen nur auf eigene Interessen schaut. Zitat vo Goethe:"Niemand ist Hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlicherweise glaubt frei zu sein".Wenn die Warheit eine Gefahr darstellt. Dann stellt die aufrechthaltung der Lüge sicher eine grössere Gefahr dar. Ehre , Respekt und Ehrlichkeit sollen wieder die Leitpfeiler der Gesselschaft werden.

    • Aizen am 21.12.2010 13:36 Report Diesen Beitrag melden

      West > *

      Ja,es wäre schon wesentlich besser in Ländern wie Nord Korea oder Iran zu leben. Das will uns Wikileaks doch klar machen. Gegen diese Länder wurde ja nie geschossen wegen totaler Abschottung. Die USA hat hier viel mehr zu verlieren. Ihr rennt doch allen Trands nach ohne nachzudenken. Traurig sowas.

    • Lumi am 21.12.2010 18:15 Report Diesen Beitrag melden

      antwort

      Ich finde die Stelle in meinem Text nicht in der steht das ich mit der Nordkoreanischen Politik sympatisiere. Wieleicht nochmal lesen...oder schreiben lernen. Wegen wass genau soll er schonwieder die Todestrafe verdienen?

    • Aizen am 21.12.2010 23:43 Report Diesen Beitrag melden

      und mehr fragen...

      Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen schmeissen. Vielleicht mal das zwischen den Zeilen lesen lernen, danach wieder kommen. Tschüssli...

    • rene am 23.12.2010 07:47 Report Diesen Beitrag melden

      gut gesagt

      an Lumi: sehr gut geschrieben ! an aizen: nicht auf den umschlag kommt es an, sondern auf den inhalt

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  • holger am 21.12.2010 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    vergewaltigung?

    in schweden sollen schon männer der vergewaltigung beschuldigt worden sein die laut gehustet hatten.

  • bluesky am 21.12.2010 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Frustrierter Typ

    Assange ist alles andere als ein Held. Er ist ein frustierter Typ, der sich vor allem an den USA rächen möchte. Die Frage ist nur wofür? Wikileaks stehen angeblich für absolute Meinungs- und Pressefreiheit. Sie deklassieren sich aber selber, indem sie ihren Gegnern oder Leuten mit anderer Meinung z.B. mit Cyberattacken drohen - ein totaler Widerspruch zur Meinungsfreiheit. Assange und sein Wikileaks haben leider mehr geschadet als genützt.

    • Kurt am 21.12.2010 13:39 Report Diesen Beitrag melden

      Blödsinn

      So ein Schwachsinn! Widerspruch? Die Meinungs- und Pressefreiheit beinhaltet nicht das Sperren von z.B. Konten und derer öffentlichen Kundgebung (Beispiel PostFinance).

    • Aizen am 21.12.2010 14:24 Report Diesen Beitrag melden

      Starksinn

      Wenn es in den PostFinance AGB steht, dass ein Konto wegen Falschangaben gesperrt werden kann - so muss man sich nicht wundern wenn es eines Tages zutrifft. Man muss eben nach den Regeln spielen. Auch als Möchtegern-Internet-Held

    • wikileaker am 21.12.2010 15:59 Report Diesen Beitrag melden

      Nein

      Die Cyberattacken wurden NICHT von WikiLeaks durchgeführt und wurden auch nicht von WikiLeaks unterstützt.

    • klaus am 21.12.2010 21:36 Report Diesen Beitrag melden

      blödsinn

      Assange hat sich ausdrücklich von den Attacken distanziert

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  • jane am 21.12.2010 10:31 Report Diesen Beitrag melden

    wieso die wahrheit verheimlichen?

    wer nichts schlimmes gemacht hat, der hat auch nichts zu verheimlichen! anhand der reaktionen der politiker/amerikaner sieht man, dass da ziemlich viel falsch läuft. was ist denn falsch daran, dass alle erfahren, was wirklich passiert ist??

  • Loris am 20.12.2010 21:42 Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Der wahre Held ist im Gefängis, nämlich der von dem Julian die Informationen hat. Warum brauchen Menschen immer ein Idol? Assange sollte nicht im Mittelpunkt sein, wenn schon Wikileaks, aber nicht Assange! Ich hoffe OpenLeaks wird besser...