Geheime Dokumente

01. Dezember 2010 23:51; Akt: 02.12.2010 07:57 Print

Wikileaks von Amazon-Servern verbannt

Amazon hat seine Dienste für das Enthüllungsportal Wikileaks gekündigt. Als weitere Folge des jüngsten Lecks überprüfen die USA umfassend die Datensicherheit.

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In den Wikileaks-Depeschen geht es unter anderem um persönliche Einschätzungen der Diplo­maten zu Politikern ihres Gastlands, vertrauliche Absprachen und geheime Informationen. US-Diplomaten beschrieben Berlusconi als «inkompetent, aufgeblasen und ineffektiv». In einem weiteren Dokument sei der italienische Regierungschef als «physisch und politisch schwach» dargestellt worden. Seine «Vorliebe für Partys» halte Berlusconi davon ab, genügend Erholung zu bekommen. Russlands Premierminister Wladimir Putin wurde als «Alpha-Rüde» bezeichnet, als dessen «Sprachrohr» in Europa zunehmend Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi erscheine. Russlands Präsident Dmitri Medwedew sei dagegen «blass» und «zögerlich». Viel wissen die USA über der nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il nicht - ausser dass er ein starker Trinker und Raucher ist. Im allgemeinen beschreibt die US-Diplomatenpost Nordkorea als «schwarzes Loch Asiens». Den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy bezeichnen die US-Diplomaten als «Kaiser ohne Kleider». Sarkozys Berater Jean-David Levitte soll laut den vertraulichen Depeschen den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez als «verrückt» bezeichnet haben. Am 16. September 2009 habe der Franzose dem US-Vizeaussenminister Philip Gordon verraten, dass sogar Brasilien Chavez «nicht mehr unterstützen» könne. Der Venezolaner verwandle eines der reichsten Länder Lateinamerikas in ein zweites Simbabwe. Die USA hätten zudem versucht, andere südamerikanische Länder auf ihre Seite zu ziehen, um «Chavez auszugrenzen». Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner weckte grosses Misstrauen in Washington. Das Aussenministerium habe sogar Informationen über «ihre psychische Verfassung» beschaffen wollen. Über den libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi heisse es da, er reise praktisch nicht mehr ohne die Begleitung einer vollbusigen ukrainischen Krankenschwester. Während Angela Merkel in den Berichten als «Teflon-Merkel» beschrieben wird, die nie verbindlich sei, «das Risiko meidet und selten kreativ ist», ... ... bekommt vor allem Aussenminister Guido Westerwelle sein Fett weg: Er wird von den Amerikanern als inkompetent, eitel und amerikakritisch beurteilt. Und CSU-Chef Horst Seehofer wird als «unberechenbar» charakterisiert. Die Amerikaner halten ihn für «aussenpolitisch weitgehend ahnungslos - mit begrenztem Horizont». Der afghanische Präsident Hamid Karsai wird als «schwache Persönlichkeit» beschrieben, der von «Paranoia» und «Verschwörungsvorstellungen» getrieben werde. Die geheimen Depeschen der US-Botschaft in Ankara beschrieben islamistische Tendenzen in der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Ausserdem verstünden Erdogans Berater sowie sein Aussenminister Ahmet Davutoglu wenig von der Politik ausserhalb Ankaras. Davutoglu würde zudem islamistischen Einfluss auf Erdogan ausüben: «Er ist besonders gefährlich.» Ein Schlaglicht wird in den Dokumenten auch auf schwierige politische Prozesse, etwa im Iran geworfen. So hätten Israel genauso wie arabische Verbündete die USA zu einem Militärschlag gegen Teheran gedrängt. Der saudische König Abdullah habe verlangt, «der Schlange den Kopf abzuschlagen». Über Jordanien heisst es demnach in einer Depesche vom 3. Februar 2010: «Während die jordanische Regierung die US-Regierung ohne Zweifel dabei unterstützt, den Druck auf Iran zu vergrössern, werden sie wahrscheinlich eine öffentliche Rolle bei diesem Thema vermeiden.» US-Aussenministerin Hillary Clinton forderte im Juli 2009 die Diplomaten auf, in ihrem Auftrag die Diplomaten anderer Länder bei den Vereinten Nationen auszuspähen. Zu sammeln seien persönliche Kreditkarteninformationen, Vielflieger-Kundennummern, E-Mail- und Telefonverzeichnisse, aber auch «biometrische Daten» und «Passwörter für Verschlüsselungen».

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Wikileaks hat den Zugang zum bisherigen US-Server verloren und sucht jetzt eine Internet-Heimat in Europa. «Wikileaks von Amazon-Server verdrängt. Freie Rede im Land der Freien», teilte die Internetplattform per Kurznachrichtendienst Twitter am Mittwoch mit.

Kurz zuvor hatte das US-Internet-Unternehmen Amazon die Dokumente der Enthüllungsplattform Wikileaks von seinen Servern verbannt. Die Internet-Aktivisten hatten bei der Veröffentlichung der geheimen diplomatischen US-Depeschen auf den Amazon Web Service (AWS) zurückgegriffen, um die hohen Zugriffszahlen auf die Dokumente bewältigen zu können.

Wikileaks hatte mit einem Umzug in die «Cloud», also in ein Netz von verteilten Rechenzentren, sich auch gegen mögliche Attacken auf seine technische Infrastruktur wappnen wollen. Seit den ersten Veröffentlichungen hatten Hacker immer wieder versucht, die Website mit einem sogenannten Distributed-Denial-of-Service-Angriff (DDoS) lahmzulegen.

Schutz von sensiblen Daten wird verstärkt

Die US-Regierung stellte zugleich den Schutz ihrer Datenbanken umfassend auf den Prüfstand. Als Sonderbeauftragter sei der Vize- Direktor des Zentrums für Anti-Terror-Massnahmen, Russell Travers, ernannt worden, teilte das Weisse Haus am Mittwoch mit.

Travers sei dafür verantwortlich, «notwendige Strukturreformen» zu entwickeln, die nach der Offenlegung der US-Botschaftsberichte durch die Internetplattform Wikileaks nötig geworden seien. Das Weisse Haus will auch die Wege überprüfen lassen, wie die gesamte Regierung Informationen austauscht und schützt.

Ebenfalls schützen will die US-Regierung die Informanten, mit denen die US-Botschaften in der ganzen Welt zusammengearbeitet hatten. «Einige Informanten sind klar zu identifizieren, vor allem Menschen in autoritären Staaten, die mit uns gesprochen haben», sagte Aussenamtssprecher Philip Crowley am Mittwoch in Washington.

Die US-Botschaften in aller Welt seien im Kontakt mit den Vertretern beispielsweise von Menschenrechtsorganisationen oder auch Journalisten. «Wir wollen ihnen helfen und sie notfalls in jedem uns möglichem Masse schützen.» Offen liess Crowley, ob die USA besonders gefährdeten Informanten auch Asyl gewähren würden.

Der von Schweden mit Haftbefehl gesuchte Wikileaks-Gründer Julian Assange hält sich einem Zeitungsbericht zufolge in Grossbritannien auf. Dies berichtete die Zeitung «Independent» am Donnerstag unter Berufung auf Polizeikreise.

(sda)