Von Istanbul nach Teheran, III

07. Januar 2009 11:45; Akt: 12.01.2009 18:08 Print

Amy Winehouse auf Iranisch (III)Amy Winehouse auf Iranisch (III)

von Susanne Wille - Nichts passiert im Iran, ohne dass das Regime darüber wacht. Selbst wenn Iranerinnen modisch den Aufstand proben, guckt der Ayatolla zu. Lesen Sie den dritten Teil von Susanne Willes Tagebuch für 20 Minuten Online. Die «10vor10»-Moderatorin reist von Istanbul nach Teheran.

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Präsident Mahmud Ahmadineschad ist auch da. Wir sehen ihn lächelnd und winkend. Alle paar Meter. Wir haben soeben die türkisch-iranische Grenze passiert und drehen die erste Reportage auf iranischem Boden.

Die Strassen hier im Nordosten der Islamischen Republik sind gesäumt von übergrossen Plakaten mit dem Konterfei des iranischen Präsidenten. Man könnte meinen, er rüste sich bereits für die Wahlen im Juni. Aber so macht es «Dr. Mahmud Ahmadineschad» - wie er auf den Plakaten genannt wird - auf seiner «segensreichen Reise» schon seit vier Jahren. Der Präsident im aufwändigen und teuren Dauerwahlkampf sozusagen.

«Ich wünsche mir Geld für ein neues Haus»

Plötzlich sehen wir vom Taxi aus eine grosse Menschenansammlung. Auf dem Trottoir vor dem Gouverneursamt herrscht ein dichtes Gedränge. Wir steigen aus. Die Menschen schreiben Briefe oder kritzeln zumindest ein paar Sätze auf ein Stück Papier.

Ich frage eine alte Frau, was hier los sei. Die alte Frau will mir einen Brief in die Hand drücken. «Wissen Sie, wo ich den abgeben kann? Er ist für den Präsidenten. Ich wünsche mir Geld für ein neues Haus.» Ich will mit ihr ins Gespräch kommen. Doch sofort taucht ein Sicherheitsbeamter auf und hält die Hand vor die Kamera. Wir diskutieren, erklären, bitten. Aber es ist nichts zu machen. Trotz offizieller Drehbewilligung dürfen wir nicht weiter filmen.

Und wieder wird der Präsident einige erhören

Wir packen Kamera und Mikrofon weg, wenigstens ein paar Bilder haben wir drehen können, bevor der Sicherheitsmann intervenierte. Wir bleiben da und beobachten die Szene. Das gibt es fliegende Händler, die Papier verkaufen. Gewiefte Schreiber, die für jene, die nicht lesen und schreiben können, fixfertige Briefe anbieten. Und oben auf der Treppe hat sich ein etwa 70-jähriger Mann mit einer alten klapprigen Schreibmaschine hingesetzt und tippt für andere die Wünsche ab. Die politische Unzufriedenheit und die schlechte Wirtschaftslage als Geschäft.

Viele Stunden später, es ist bereits dunkel, kehren wir von einem Dreh in einem abgelegenen Dorf an diesen Ort zurück. Und noch immer sind die Bittsteller da. Einige von ihnen werden vielleicht Glück haben, denn immer wieder kommt es vor, dass Präsident Ahmadineschad die Wünsche von ein paar Bittstellern tatsächlich erfüllt. Zufällig, willkürlich.

Mode als eine Bastion des Widerstands

Genau diese nicht nachhaltige Politik prangert am nächsten Tag Rafat Bayad in einem Gespräch mit uns an an. Sie will Präsidentin des Iran werden und kritisiert Mahmud Ahmadineschad offen. Eine Frau, die viel Mut, aber wenig Geld hat, um im Wahlkampf zu bestehen.

Abends um zehn Uhr besprechen wir in der Hotellobby den nächsten Drehtag. Offenbar ist die Lobby der Treffpunkt für die junge Szene hier. Wir sehen Iranerinnen, die das Haar extrem toupiert tragen, im Amy Winehouse-Stil, darüber pro forma noch ein Stück Schal. Wir sehen Iranerinnen, die das Haar unter eine Mütze gestülpt haben, die mit Pailetten besetzt ist. Iranerinnen, die die herrschenden Kleidervorschriften mehr als nur ausreizen. Die Mode als Bastion des Widerstandes. Und über der aufgeregt kichernden Gruppe wacht ein grosses Bild von Revolutionsführer Ayatolla Khomeini.