Bijouterie-Überfälle

11. März 2010 14:56; Akt: 11.03.2010 15:29 Print

«Die Räuber werden skrupelloser»«Die Räuber werden skrupelloser»

von Amir Mustedanagic - In Winterthur wurde am Dienstag ein Goldschmied überfallen und angeschossen: Es ist der aktuelle Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung, sagt der Präsident des Verbandes Schweizer Goldschmiede im Interview mit 20 Minuten Online. Die Überfälle seien keine Zufallstaten, sondern Auftragsdiebstähle grosser Hehler.

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20 Minuten Online: Herr Hirschi, ein Kollege von Ihnen wurde am Freitag angeschossen. Ein Einzelfall?
André Hirschi*: Nein, die bewaffneten Überfälle auf Bijouterien haben markant zugenommen. Seit die Bijouterie-Branche mit baulichen Massnahmen auf die Rammbockeinbrüche reagiert hat und viele Läden nun besser geschützt sind, werden die Räuber skrupelloser. Sie stürmen nun am helllichten Tag in die Läden und halten einem die Waffe unter die Nase.

Haben die Überfälle System oder sind es Zufallstaten?
In der Branche geht man davon aus, dass 80 Prozent der Überfälle Auftragsdiebstähle sind. Die Räuber sind nur das Werkzeug von grossen Hehlern im Hintergrund. Die gehen ganz gezielt vor, was gestohlen wird und wo. Der Hehler sagt also beispielsweise, ich hätte gern die IWC-Auslage von der Bijouterie an der Musterstrasse 1 in Zürich. Die Auftragsdiebe gehen los und schnappen sich die Ware.

Wieso weiss man, dass die Räuber gezielt vorgehen?
Einerseits von den Aussagen der Räuber, die geschnappt werden. Anderseits merken auch die Bijouterie-Besitzer, dass die Räuber während der Blitz-Überfälle häufig direkt auf gewisse Vitrinen zusteuern. Meistens sind die Uhren das Ziel, besonders beliebt sind dabei exklusive Marken wie Rolex, Cartier oder IWC. Nach dem Raub liefern die Täter die ganze Beute bei den Auftraggebern ab, erhalten im Gegenzug eine pauschale Entschädigung.

Was weiss man über die Hehler im Hintergrund?
Relativ wenig. Sie hocken wohl irgendwo im Ausland und verscherbeln die Ware weiter. Auf welchem Weg das geschieht, ist mir nicht bekannt. Sie haben es aber hauptsächlich auf Uhren abgesehen, Goldschmiede sind deshalb auch weniger gefährdet, als beispielsweise Bijouterien mit Uhrenvertretungen.

Zittert die Branche vor der steigenden Zahl der Überfälle?
Die meisten Bijouterie-Besitzer verdrängen die Gedanken. Niemand setzt sich frewillig mit einem Überfall auseinander. Erst wenn ein Räuber im eigenen Laden steht, kommt die Angst.

Haben Sie Angst?
Ich wurde glücklicherweise noch nie Opfer eines Überfalles. Es gab bei mir Einbrüche und Trickdiebstähle, aber keinen Überfall. Mein Horrorszenario ist, dass ich eines Nachts zuhause von der Waffe eines Maskierten geweckt werde und er mich zwingt, mit ihm ins Geschäft zu fahren. Hätte ich aber Angst, könnte ich meiner Arbeit auch gar nicht nachgehen. Wenn man plötzlich überlegt, ob man den Kunden hineinlässt oder nicht, wird das Geschäften schwierig.

Schmeissen viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen den Bettel hin?
Zu viele. Gerade für feinfühlige Kollegen ist ein Überfall ein traumatisches Erlebnis. Ich kenne Leute, die Abends kaum das Nachttischlämpchen abschalten können, weil sie die Bilder vom Überfall vor Augen haben. Früher oder später kann man einfach nicht mehr und gibt auf.

Wünschen Sie sich mehr Schutz?
Natürlich, aber wie? Was kann man denn noch tun? Seit wir uns schützen, kommen sie tagsüber: Sie stürmen den Laden, schnappen sich die Ware und verschwinden. Das dauert nicht mal zwei Minuten, da hat die Polizei keine Chance. Selbst wenn wir die Türe abschliessen und nur gezielt Kunden hineinlassen, können dreiste Diebe darunter sein.

Immerhin sind sie versichert gegen die Diebstähle.
Beim ersten Mal schon. Beim zweiten Überfall steigt die Prämie, beim Dritten verlangt die Versicherung bauliche Massnahmen. Wenn man dann in einem Bunker arbeitet und dennoch wieder etwas passiert, heisst es: Sorry, wir können sie leider nicht weiter versichern. Unsere Branche ist alles andere als ein Liebling der Versicherer.

* André Hirschi ist Präsident des Verbandes Schweizer Goldschmiede und Uhrenfachgeschäfte. Er besitzt eine Bijouterie in Davos.