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Millenniumsziele
06. September 2010 19:59; Akt: 06.09.2010 20:28 Print
«Trostpflaster auf ein Krebsgeschwür»
von Vera Fröhlich, AP - Im Jahr 2000 einigten sich 189 Staaten auf ambitionierte Ziele gegen die Armut. Zehn Jahre danach soll jetzt eine Zwischenbilanz gezogen werden.

Armut ist ein globales Problem ohne Lösung. (Bild: Keystone)
Im September 2000 bewies die Weltgemeinschaft Mut. Vertreter von 189 Ländern verpflichteten sich erstmals dazu, innerhalb von 15 Jahren überprüfbare Ziele im Kampf gegen die Armut zu erreichen. Vom 20. bis 22. September ziehen die Staats- und Regierungschefs - darunter auch US-Präsident Barack Obama - in New York Zwischenbilanz.
Eins ist schon jetzt sicher: Die Bilanz wird ernüchternd ausfallen. Deshalb appellierte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon an die Staaten, einen weltweiten Aktionsplan zur Umsetzung der sogenannten Millenniumsziele zu verabschieden. Denn die Ziele zu verfehlen, wäre «ein inakzeptables Versagen - moralisch und praktisch.
Die Risiken dieser Welt Instabilität, Gewalt, Epidemien, Umweltzerstörung und unkontrollierbares Bevölkerungswachstum würden sich vervielfachen», warnte der UN-Generalsekretär.
Die acht Ziele sind anspruchsvoll: Extreme Armut halbieren, Grundschulbildung für alle, Gleichstellung der Geschlechter fördern, Kindersterblichkeit verringern, Müttergesundheit verbessern, Aids und Malaria bekämpfen, Umweltschutz verbessern und weltweite Entwicklungspartnerschaft aufbauen.
Damit dies keine Lippenbekenntnisse bleiben, wurden die Ziele mit konkreten Vorgaben und Indikatoren belegt. Zumindest in Afrika südlich der Sahara wurden, danach gemessen, kaum Fortschritte erzielt.
Realistisch bis pessimistisch
Der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel betonte in einem Interview von «Welt Online»: «Ich habe diese Ziele nicht gesetzt, ich bin immer für realistische Zielmarken. Aber wenn man eine Verpflichtung eingegangen ist, muss man sie erfüllen.»
Fünf Jahre werden nach Ansicht des FDP-Politikers dafür allerdings nicht ausreichen. Im New Yorker Abschlussbericht müsse deshalb auch ein Aufgabenheft enthalten sein: «Wir werden beschreiben, was nach 2015 geschehen muss, denn wir werden bis 2015 nicht alle Ziele erreichen.»
Zwar konnte die weltweite Armut deutlich vermindert werden. Als arm gilt laut Weltbank, wer weniger als 1,25 US-Dollar oder umgerechnet rund einen Euro pro Tag zur Verfügung hat. Vor allem durch das schnelle Wirtschaftswachstum in China und Ostasien sank der Anteil der extrem Armen an der Weltbevölkerung von 42 auf knapp 26 Prozent.
Laut Entwicklungsministerium (BMZ) wird aber in Afrika südlich der Sahara das steigende Pro-Kopf-Einkommen durch das sehr hohe Bevölkerungswachstum wieder aufgezehrt. In der Region sei es deshalb nahezu unmöglich, bis 2015 die Armut zu halbieren, heisst es.
In Niger kann nur jeder Vierte lesen
Voraussichtlich wird auch ein Drittel der Entwicklungsländer 2015 das Ziel nicht erreichen, allen Kindern eine Grundschulbildung zu ermöglichen. In den westafrikanischen Staaten Burkina Faso, Mali und Niger können weniger als 25 Prozent der jungen Menschen lesen und schreiben. Fast jeder fünfte Mensch weltweit ist ein Analphabet.
Trotzdem gibt es Erfolge: In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Analphabetismus unter Erwachsenen in den Entwicklungsländern von 47 auf 22 Prozent mehr als halbiert. Bei der Stärkung der Rolle von Frauen wurde auch der Trend in den nationalen Parlamenten untersucht. Weltweit waren sie noch 2007 mit 17 Prozent der Sitze unterrepräsentiert.
Doch es gab auch Ausnahmen. «Ruanda hat das erste Parlament der Welt, das mit 55 Prozent aus mehrheitlich weiblichen Abgeordneten besteht», berichtet das deutsche Entwicklungsministerium. Die Kindersterblichkeit soll um zwei Drittel gesenkt werden.
Aber Masern sind in den Entwicklungsländern noch immer eine der Haupttodesursachen. Wieder sticht hier Subsahara-Afrika negativ hervor: Dort sterben nach wie vor 80 von 1000 Kindern vor ihrem fünften Lebensjahr.
Und das Risiko für eine Frau, während einer Entbindung zu sterben, lag dort bei 1:16, verglichen mit 1:3800 in einem Industrieland. Jeder Dritte in Swaziland hat Aids Auch bei der zunehmenden Ausbreitung von Aids, bei der bis 2015 eine Trendumkehr eingeleitet werden soll, spielen die Infektionszahlen in sieben Ländern des südlichen Afrikas eine traurige Rolle. So war 2007 in Swaziland jeder dritte Erwachsene zwischen 15 und 49 Jahren infiziert.
Laut BMZ kann der Trend nur umgekehrt werden, wenn die Aufklärungsarbeit und der Zugang zu Kondomen verbessert werden. Bislang haben nur 42 Prozent aller Gefährdeten überhaupt Zugang zu Kondomen.
Ökologische Nachhaltigkeit zu sichern bedeutet auch, dass der Anteil der Menschen, die keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser haben, bis 2015 halbiert wird. Auch sollen die Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohnern bedeutend verbessert werden.
Und eine weltweite Entwicklungspartnerschaft aufzubauen, bedeutet nicht nur zoll- und quotenfreien Zugang zu den Märkten der Industrieländer. Deutschland hat sich beispielsweise auch verpflichtet, die öffentliche Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandseinkommens fast zu verdoppeln.
Rückschlag durch Rezession und Krisen
Die Leiterin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), Helen Clark, musste einräumen, dass es durch die globale Rezession sowie die Lebensmittel- und Ölkrisen erschwert wurde, die Ziele fristgerecht zu erreichen. Sie forderte, Regierungen und wichtige Geberländer wie die USA müssten zusammenarbeiten und den Fortschritt vorantreiben.
Für die ägyptische Politologin Salua Nour läuft bei der Entwicklungshilfe einiges schief, weil sie der herrschenden Klasse zugute komme. Statt dessen müsse sie an die organisierte Bevölkerung und an den Privatsektor gehen, forderte Nour in der entwicklungspolitischen Zeitschrift «E&Z».
Sie kritisierte: «Die Millenniums-Entwicklungsziele der UN sind nicht nachhaltig, sondern wie ein Trostpflaster auf ein Krebsgeschwür.»



























