S-Bahn-Schläger

06. September 2010 09:50; Akt: 06.09.2010 15:21 Print

«Die Täter wollten sich rächen»«Die Täter wollten sich rächen»

Das Gericht hat das Urteil über die zwei Täter verkündet, die den Geschäftsmann Dominik Brunner erschlagen haben. Der Haupttäter erhält fast die maximale Strafe. Die Verteidigung kündigte Revision des Urteils an.

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Für den heute 19-jährigen Markus S. hat die Anklage am 24. August 2010 die höchste Jugendstrafe von zehn Jahren wegen Mordes gefordert. Der 18-jährige Sebastian L. soll wegen Körperverletzung mit Todesfolge acht Jahre in Haft. Beide hatten im Prozess vor dem Landgericht die tödlichen Schläge gestanden, sie bestreiten aber jede Tötungsabsicht. Am 4. August hatte Psychiater Franz Joseph Freisleder den beiden Angeklagten im S-Bahnschläger-Prozess volle Schuldfähigkeit attestiert. Er empfahl allerdings für den mutmasslichen Haupttäter die Anwendung des milderen Jugendstrafrechts. Am 29. Juli 2010 war es im Prozess zu einer Wende gekommen: Der an der Obduktion beteiligte Sachverständige Wolfgang Keil erklärte, dass das Opfer Dominik Brunner die tödliche Auseinandersetzung mit zwei Jugendlichen wohl überlebt hätte, wäre sein Herz nicht krankhaft vergrössert gewesen. Die Tritte, die Brunner in der Auseinandersetzung gegen Kopf und Körper erhalten hatte, seien zwar lebensgefährlich gewesen, er hätte sie aber überlebt, da es - wie durch ein Wunder - zu keinen schweren inneren Kopfverletzungen gekommen sei. Zuvor hatte eine Gutachterin ausgesagt, dass die Trittspuren an Brunners Leiche offenbar auf eine Täterschaft beider Angeklagten deute. Ein Vergleich der Spuren am Opfer mit den Schuhen der Angeklagten ergab Ähnlichkeiten zu den Sohlenmustern beider Jugendlicher. Angeklagter Sebastian L. hatte bislang bestritten, den am Boden liegenden Brunner getreten zu haben. Der 18-jährige Markus S. ... ... und der zur Tatzeit noch 17-jährige Sebastian L. hatten am 12. September vergangenen Jahres mit einem Komplizen zusammen vier Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 15 Jahren geschlagen und 15 Euro gefordert. Als die beiden die Schüler in der S-Bahn erneut bedrohten, stellte sich der 50-jährige Manager Dominik Brunner dazwischen und informierte über Handy die Polizei. Nachdem er mit den Kindern in Solln ausgestiegen war, schlugen und traten die Täter so massiv auf seinen Kopf und Körper ein, dass er kurz darauf in der Universitätsklinik starb. Bei der Obduktion wurden 44 Verletzungen festgestellt. Die Jugendkammer des Landgerichts hat 57 Zeugen und Sachverständige geladen. Brunners Vater Oskar (im Bild) und zwei der Schüler treten im Prozess als Nebenkläger auf. Die Staatsanwaltschaft hat Markus S. und Sebastian L. des Mordes aus niederen Beweggründen angeklagt. Die Bluttat hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Bundespräsident Horst Köhler hatte Brunner für seine Zivilcourage posthum das Bundesverdienstkreuz verliehen. Die vorbestraften jungen Männer waren an den Bahngleisen gefasst worden und hatten die Tat gestanden. Der Ältere hat sich bei Brunners Eltern schriftlich für «diesen Blackout» entschuldigt.

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Knapp ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod des Geschäftsmanns Dominik Brunner sind seine beiden Peiniger vom Münchner Landgericht zu hohen Jugendstrafen verurteilt worden. Der 19 Jahre alte Haupttäter Markus S. muss wegen Mordes für neun Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Den ein Jahr jüngeren Sebastian L. verurteilte der Vorsitzende Richter Reinhold Baier am Montag zu sieben Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Der 50 Jahre alte Geschäftsmann war am 12. September 2009 Opfer einer brutalen Prügelattacke der zum Tatzeitpunkt 17- und 18-jährigen Angeklagten am Münchner S-Bahnhof Solln geworden. Baier sah es als erwiesen an, dass L. und S. eine Gruppe Jugendlicher bedroht hatten, die Brunner daraufhin in Schutz nehmen wollte. Nach Einschätzung des Richters «wollten sich die Täter an Brunner für dessen Einschreiten rächen». S. und L. seien «massiv und mehrfach» auf Brunner losgegangen. S. habe dabei auch mit einem Schlüssel in der Faust zugeschlagen und «lebensgefährlich» nach Brunner getreten, als dieser bereits am Boden lag.

«S. nahm den Tod seines Opfers billigend in Kauf», betonte Baier in seiner Urteilsbegründung. Brunner starb zwei Stunden nach der Attacke in einem Münchner Krankenhaus. «Wer derart mit Wucht und aggressiv auf ein wehrloses Opfer eintritt, muss mit einem tödlichen Verlauf rechnen», sagte der Vorsitzende Richter. «Das gesamte Verhalten der Angeklagten L. und S. war ursächlich für den letztlich durch Herzkammerflimmern ausgelösten Tod Brunners.» Baier betonte, dass das Gericht für den «weitaus aggressiveren S.» eine lebenslange Haftstrafe verhängen hätte müssen, «wenn S. Erwachsener wäre».

Klares Signal gegen Gewalt

Der Fall wurde vor der Jugendkammer des Landgerichts verhandelt. Mit dem Strafmass blieb das Gericht etwas unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Für Haupttäter S. hatte die Anklagebehörde die Jugendhöchststrafe von zehn Jahren Haft wegen Mordes verlangt. Für L. plädierte die Staatsanwaltschaft auf eine achtjährige Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann sagte, das «klare und konsequente» Urteil sei ein «klares Signal, dass wir brutale Gewalt nicht dulden oder uns gar damit abfinden». Das Strafmass sei schuldangemessen.

Die Dominik-Brunner-Stiftung zeigt sich erleichtert über das Ende des Prozesses. Die vergangenen Monate seien für Familie, Freunde und Weggefährten des Toten eine emotionale Ausnahmesituation und eine starke Belastung gewesen, sagte Stiftungsvorstand Peter Maier. «Ob das Urteil angemessen ist oder nicht, möchten und können wir nicht kommentieren. Das ist Sache der Justiz», betonte Maier. Das Hauptaugenmerk der Stiftung sei von Anfang an nicht auf der Höhe des Strafmasses für die Täter gerichtet gewesen, sondern darauf, dass sich eine solche Gewalttat nicht wiederhole.

Verteidigung kündigt Revision an

Die Verteidiger des Mörders von Dominik Brunner haben unmittelbar nach der Verurteilung von Markus S. Revision angekündigt. «Wir werden unserem Mandanten dringend raten, in Revision zu gehen», sagte Rechtsanwalt Maximilian Pauls am Montag in München. Der Verteidiger betonte, er halte den Schuldspruch «für falsch». Auch Roland Autenrieth, einer der Anwälte von Sebastian L., sagte, «es spricht vieles für eine Revision». Er gehe davon aus, dass L. den Tod Brunners nie gewollt habe. «Dieser Auffassung ist das Gericht gefolgt, und vor diesem Hintergrund halten wir das Urteil für zu hoch», argumentierte Autenrieth. Die Jugendkammer des Münchner Landgerichts hatte die beiden Täter zuvor zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Haupttäter Markus S. muss wegen Mordes für neun Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Sebastian L. wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu sieben Jahren Haft verurteilt.

(dapd)