Rechtsextremismus

31. Oktober 2008 16:48; Akt: 11.08.2010 11:55 Print

Woran man den Nazi erkenntWoran man den Nazi erkennt

von Daniel Huber - In Hamburg musste ein «Nazi-Laden» schliessen, weil er Kleider der Marke Thor Steinar vertrieb. Nur Insider wissen: Statt Hakenkreuz und Springerstiefel trägt der Nazi von heute Norwegerflagge und Thor-Steinar-Jacke. Der Nazi-Dresscode wird immer unauffälliger.

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Kaum jemand kommt beim Anblick dieses Pullis auf die Idee, es könnte sich dabei um rechtsextremes Outfit handeln. Doch das Modelabel Thor Steinar, das ein «nordisch-heidnisches» Image pflegt, ist bei Rechtsradikalen beliebt. Der Marke ist es gelungen, die rechte Schmuddelecke zu verlassen. Das ursprüngliche Logo zeigte eine Kombination von germanischen Runen, die auch im Dritten Reich verwendet wurden. Das Logo wurde von mehreren deutschen Gerichten beanstandet. Thor Steinar entwarf darauf ein neues, unverfänglicheres Logo, das ebenfalls eine germanische Rune enthält. Die Marke assoziiert sich selber stark mit Norwegen. Dessen Flagge (zu Beginn mit Logo, zunehmend aber im Original) erscheint auf den Kleidern und den Läden des Labels - sehr zum Missfallen des skandinavischen Staates. Thor Steinar ist nicht das einzige Modelabel, das im rechten Spektrum nach Kunden fischt. Auch die Kleidermarke Erik & Sons ist in diversen rechten Versanden anzutreffen. Erik & Sons verwendet ebenfalls eine Rune (die Naudiz-Rune) als Logo. Und wie bei Thor Steinar handelt es sich bei Erik & Sons um ein Label, das von Rechtsextremen für Rechtsextreme betrieben wird. Das ist auch bei der Marke Consdaple der Fall, die von dem rechtsextremen Patria-Versand aus Landshut vertrieben wird. Consdaple lehnt sich mit seinem Schriftzug an das englische Label Lonsdale an. Trägt man Lonsdale-Shirts unter geöffneter Jacke, ist die Buchstabengruppe NSDA oft der einzig erkennbare Namensbestandteil. Consdaple ermöglicht sogar die gesamte Kombination NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei). Lonsdale, eine alte britische Boxer-Marke, erfreute sich vor allem früher grosser Beliebthheit in der rechten Szene. Das Schriftdesign des Labels hat stilbildend gewirkt und wird von zahlreichen Marken nachgeahmt. Lonsdale hat sich allerdings von seinem neonazistischen Kundenkreis distanziert und unterstützt heute antirassistische Kampagnen. Auch setzt die Firma bewusst farbige Models ein. Auch Fred Perry wurde unfreiwillig zur Nazi-Kultmarke. Vor allem der Lorbeerkranz spricht die Nazis an, die allerdings oft nicht wissen, dass Fred Perry ein jüdischer Tennisspieler war. Der Lorbeerkranz wird hier mit dem Zahlencode 88 kombiniert. Mittlerweile wissen viele Leute, dass diese Zahlenkombination für «HH» steht (H ist der achte Buchstabe im Alphabet), also für «Heil Hitler». Alpha Industries ist eine US-Firma, die auch die amerikanische Armee ausstattet. Das Unternehmen selber hat keine Verbindung zu rechtsextremen Kreisen. Bei Nazis ist die Marke beliebt, weil das Logo dem verbotenen Zivilabzeichen der SA (unten) ähnelt. Das Logo von New Balance ist ein aufgenähtes N. In der rechten Szene deutet man dies als Abkürzung für Nationalsozialist oder Nationalist. New Balance hat sich entschieden vom Nazi-Kundenkreis distanziert. Ben Sherman, in den Sechzigern ein Kultlabel für die «Mods», gilt als traditionelle Skinhead-Marke (bevor Rechtsextreme zunehmend diese Jugendbewegung prägten) ohne politische Hintergründe und Aussagen. Nomen est omen: «Masterrace Europe» bedeutet «Herrenrasse Europa». Die Marke ist in allen Neonazi-Spektren sehr beliebt und wird nur in einschlägigen Läden und Versänden verkauft. Rizist, das im rechten Umfeld produziert und vertrieben wird, versucht diesen Hintergrund mit Graffiti-Schriftzügen zu verschleiern. Das eher preiswerte Label ist vor allem in ostdeutschen Städten beliebt. Troublemaker erfreut sich bei Rechtsextremen und vor allem Hooligans grosser Beliebtheit und wird entsprechend auch über neonazistische Vertriebskanäle verkauft. Patriot wird einzig in rechtsextremen Geschäften angeboten und über den gleichnamigen, rechtsradikalen Versand vertrieben. Doberman Streetwear ist ein kommerzielles Label, das seit einiger Zeit in der rechten Szene zunehmend populär ist und deren Bedürfnisse mit rechter Symbolik bedient. Hatecrime, zu deutsch Hassverbrechen, ist ein US-Label, das in Deutschland über rechtsextreme Kanäle vertrieben wird. Die rechte Szene versucht damit den Begriff zu kapern und für ihre Zwecke umzudeuten. Pitbull spielt wie Doberman mit dem Image einer aggressiven Hunderasse. Die Firma aus Frankfurt am Main wird dem Rocker- und Hooligan-Milieu zugerechnet. Doc Martens sind ursprünglich schwere englische Arbeiterschuhe mit Stahlkappen. Sie sind in der gesamten Skinhead-Szene Kult, werden aber auch getragen, weil sie als Waffen eingesetzt werden können. Bomberjacken sind seit langem ein beliebtes Kleidungsstück in Neonazi-Kreisen. In Kombination mit Glatze und schwerem Schuhwerk signalisieren sie nahezu immer rechtsradikales Gedankengut. Auch hier ist alles klar: Shirt-Aufdruck, Haarschnitt und die Farbkombination schwarz-weiss-rot (die Farben der Reichskriegsflagge und der Nazifahne) verraten den Nazi. Auch ursprünglich linke Mode-Elemente haben in der rechten Szene Eingang gefunden. Das «Pali-Tuch» dient weniger dem Ausdruck der Solidarität mit Palästina, sondern ist eindeutig antisemitisch gemeint. Neben der 88 ist auch die 18 ein beliebter Nazi-Code. «Combat 18» steht so, frei übersetzt, für «Kampfgruppe Adolf Hitler». Diese Terrorgruppe aus dem «Blood & Honor»-Umfeld ist in Grossbritannien aktiv. «ZOG» ist ein Kürzel, das «Zionist Occupied Government» («zionistisch besetzte Regierung») bedeutet und auf die «jüdische Weltverschwörung» anspielt, die bekanntlich in rechtsextremen Hirnen beheimatet ist. Die 14 steht für die «14 Words» des US-Nazis David Lane: «We must secure the existence of our people and a future for white children.» (Wir müssen die Existenz unseres Volkes und auch die Zukunft unserer weissen Kinder sichern). Das Symbol der Hammerskins, die auch in der Schweiz aktiv sind. Die Triskele, ein dreiarmiges Hakenkreuz, weist oft (wie auch die Zahlenkombination 28) auf das verbotene Netzwerk «Blood and Honour» hin. Rechtsextreme Symbolik ist nicht nur auf das Hakenkreuz beschränkt. Auch die Schwarze Sonne ist ein solches Symbol. Das Zeichen soll altgermanischer Herkunft sein. Fachleute sagen, dass diese Sonne eine Schöpfung der SS war. Als Ersatz für das in Deutschland verbotene Hakenkreuz (unten) wird oft das aus Irland stammende Keltenkreuz verwendet. In der abgebildeten Form, die stark an die Nazi-Flagge erinnert, ist es in Deutschland verboten. Neben dem Hakenkreuz das klarste Nazi-Symbol ist wohl die doppelte Sig-Rune, die von der SS verwendet wurde. Wer sich dieses Symbol ins Haar schneiden lässt, ist wohl ein unverbesserlicher Nazi. Doch der Trend geht vom Provokativ-Eindeutigen zum Unauffällig-Versteckten: Thor-Steinar-Läden nisten sich in ganz normale Ladenpassagen ein und verleugnen ihr rechtsextremes Umfeld. Das Völkische soll salonfähig werden.

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Kürzlich musste in der Hamburger Innenstadt ein Laden nach nur einem Monat wieder dichtmachen, der Kleider der Marke Thor Steinar vertreibt. Weder in der Auslage noch in der Beschriftung des Geschäfts waren irgendwelche klassischen Nazi-Symbole sichtbar — dennoch musste ein Grossaufgebot der Polizei den Laden immer wieder vor wütenden Demonstranten schützen.

Diese nämlich wissen: Der modebewusste Rechtsextreme von heute trägt Kleider der Marke Thor Steinar: «patriotische Kleidung» mit «nordischer Attitüde». Neonazis brauchen längst keine Nazi-Symbole wie die in Deutschland verbotenen Hakenkreuze mehr, um sich gegenseitig zu erkennen.

Der neue Nazi-Dresscode

Früher war alles viel einfacher: Wer freiwillig Glatze trug und dies mit Bomberjacke und schweren Stiefeln kombinierte, war ein Rechtsextremer.
Zwar war dieses Erscheinungsbild nicht von Beginn weg rechtsradikal besetzt — es gab in der Szene, die in der britischen Arbeiterschicht wurzelte, ebenso unpolitische und linke Skinheads. Doch im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit setzte sich die Gleichung Glatze = Nazi durch.

Seit einiger Zeit stimmt dies nicht mehr: In der rechten Szene hat eine Art Imagewandel stattgefunden.
Zum einen haben manche Rechtsradikale den Dress-Code der autonomen Linken — schwarze Kapuzenpullis, schwarze Baseballcaps und dunkle Sonnenbrillen — vereinnahmt, so dass die Polizei bei Ausschreitungen zuweilen links und rechts nicht mehr unterscheiden kann. Auch Mode-Elemente aus der eher unpolitischen Hip-Hop-Szene wie weite Hosen und Basecaps haben im rechten Milieu Eingang gefunden; sogar modische Kinnbärtchen sind mittlerweile nicht mehr tabu.

Zum andern legen sich viele Rechtsextreme diskretere und modischere Kleidungsstile zu und versuchen so, völkische Symbolik und rechten Lifestyle salonfähig zu machen. Davon profitiert beispielsweise das Label Thor Steinar der Firma Protex aus Königswusterhausen (Brandenburg), das es den Rechtsradikalen ermöglicht, sich stilvoll und qualitativ hochwertig zu kleiden, ohne Verrat an der eigenen Gesinnung zu üben.

Die rechtsextreme Symbolik ist dabei aber so codiert, dass nur Insider sie entschlüsseln können. Sie richtet sich nicht provokativ gegen aussen, sondern dient diskret der Festigung des Gruppengefühls im Innern. In Deutschland weicht der so gekleidete Rechtsradikale ausserdem zugleich dem «Verfolgungsdruck» der Justizorgane aus: Trägt der Nazi keine sichtbaren verfassungsfeindlichen Kennzeichen, hat die Polizei wenig Handhabe.

Runen-Verwirrspiel und Flaggenklau

Das ursprüngliche Logo von «Thor Steinar» bestand aus zwei germanischen Runen: der Tiwaz-Rune (oder Tyr- bzw. Pfeil-Rune), die im Dritten Reich unter anderem von der Hitlerjugend und der SA verwendet wurde, und der Gibor-Rune oder Wolfsangel. Letztere wurde von militärischen Einheiten im Zweiten Weltkrieg und der Werwolf-Organisation benutzt.
Nachdem deutsche Gerichte dieses Logo als verfassungsfeindlich einstuften, entwarf Thor Steinar 2005 ein neues, unverfänglicheres Logo, das ebenfalls eine Rune (die Gebo-Rune) zeigt.

Zugleich intensivierte das Label seine Verwendung der norwegischen Flagge. Sie prangt an der Aussenfläche der Geschäfte und auf den Kleidern selbst — sehr zum Missfallen des skandinavischen Staates, der die Protex wegen «widerrechtlicher Verwendung staatlicher Hoheitszeichen» bereits verklagt hat.

Thor Steinar ist nicht das einzige Modelabel, das im rechten Spektrum nach Kunden fischt. Seit letztem Jahr ist die Kleidermarke Erik & Sons in diversen rechten Versanden anzutreffen. Erik & Sons verwendet ebenfalls eine Rune (die Naudiz-Rune) als Logo. Und wie bei Thor Steinar handelt es sich bei Erik & Sons um ein Label, das von Rechtsextremen für Rechtsextreme betrieben wird.

Vereinnahmte Labels

Das ist auch bei der Marke Consdaple der Fall, die von dem rechtsextremen Patria-Versand aus Landshut vertrieben wird. Consdaple lehnt sich mit seinem Schriftzug an das englische Label Lonsdale an, das sich unter Neonazis ebenfalls grosser Beliebtheit erfreut. Der einzige Grund dafür dürfte die Tatsache sein, dass bei Lonsdale-Shirts, die unter geöffneter Jacke getragen werden, die Buchstabengruppe NSDA oft der einzig erkennbare Namensbestandteil ist. Consdaple ermöglicht so sogar die gesamte Kombination NSDAP.

Lonsdale, eine alte britische Boxer-Marke, hat sich allerdings — wie Fred Perry, das ebenfalls unfreiwillig zur Nazi-Kultmarke wurde — von seinem neonazistischen Kundenkreis distanziert und unterstützt heute antirassistische Kampagnen. Gleichwohl hat das Schriftdesign mit den sich zur Mitte hin verkleinernden Buchstaben des Labels im rechtsextremen Umfeld stilbildend gewirkt: Neben Consdaple folgt auch das Nazi-Label Masterrace Europe diesem Vorbild.

Einen Überblick über den Nazi-Dresscode finden Sie in unserer
Bildstrecke.