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Britannien bizarr
07. Oktober 2009 13:34; Akt: 08.10.2009 09:37 Print
Verbrecherjagd für alle
Bald gibt es den Traumjob für den heimlichen Privatschnüffler: Die britische Firma «Internet Eyes» baut ein Netzwerk von Verbrecherjägern auf, die Tag und Nacht über das Internet die Bilder von 4,2 Millionen Überwachungskameras im Land überwachen sollen.
Grossbritannien gilt bereits als «eine Nation von Schüfflern». Doch ein britisches Unternehmen droht, mit der Schnüffelei nun einen Schritt weiter zu gehen: Das Konzept von «Internet Eyes» wird zunächst als «Spiel» beworben und soll im kommenden Monat live in einer ersten Testversion in Stratford-upon-Avon implementiert werden. Dabei werden normale Bürger beauftragt, sich die Bilder der Überwachungskameras anzusehen und ein allfälliges Verbrechen zu melden.
4,2 Millionen Kameras wachen über Grossbritannien. (Bild: Keystone)
Die registrierten Benutzer werden bis zu vier Kameras zu überwachen haben – Geld bekommen sie dafür keines. «Internet Eyes» erhofft sich mit ihrem Konzept, das Interesse und die Neugier der Hobby-Schnüffler aus aller Welt auf die 4,2 Millionen Sicherheitskameras richten zu können - sie sollen auf Verbrecherjagd gehen mit der Aussicht auf ein reichliches Kopfgeld.
Das Potenzial richtig ausnützen
«Es gibt 4,2 Millionen Kameras in diesem Land und nur 1000 werden täglich angeschaut. Auf dieser Weise wären alle Kameras 24 Stunden am Tag überwacht», beschreibt Initiator Tony Morgan sein Projekt im «Times Online». Anspornen will er die Schnüffler mit einem Punkte-System. Kaum sieht ein «Überwacher» etwas Verdächtiges, kann er per Knopfdruck eine Bildaufnahme und eine Nachricht an den Besitzer der Kamera schicken. Dieser wiederum sendet ein Feedback-Mail an den Schnüffler und berichtet, ob ein Verbrechen stattgefunden hat.
Der Benutzer erhält einen Punkt für jeden gemeldeten Vorfall und drei Punkte, wenn es sich beim Vorfall tatsächlich um ein Verbrechen handelt. Er kann aber auch Punkte verlieren, wenn er Falschalarm-Meldungen verschickt.
Kritik von Zivilrechtsorganisationen
Nach der Ankündigung von «Internet Eyes» ging es nicht lange, bis sich die ersten Zivilrechtsorganisationen zu Wort meldeten. Sie befürchten, Grossbritannien könnte sich in ein «Schnüffler-Paradies» verwandeln. Ausserdem könnte der eifrige Schnüffler extra den Müll falsch entsorgen oder die Autofahrer für das kleinste Fehlverhalten denunzieren, um die Belohnung zu kassieren.
«Dieses Projekt gehört in den Mülleimer», sagt Charles Farrier von der Zivilrechtsorganisation «No CCTV». «Das wird eine gefährliche Schnüffler-Mentalität entwickeln. Und es kann zu beunruhigende Missbräuche der Menschenrechte führen.» «Was wäre, wenn eine Rassisten-Gruppe eine Warnung schickt, jedes Mal, wenn sie einen Schwarzen auf dem Bildschirm sieht?», sind die Bedenken von Gegner Farrier. «Oder wenn die Kriminellen die Kameras zu ihrem eigenen Nutzen beobachten, um zu wissen, wo sie eine Straftat begehen könnten».
Überwachung und Internet-Pranger zugleich
«Internet Eyes» will auf ihrer Webseite zusätzlich zum Videomaterial eine Galerie von Kriminellen und ihren Straftaten anbieten, die mit Hilfe des Internets geschnappt worden sind. «Das könnte die beste Verbrecher-Präventionswaffe sein, die es je gab», sagt Tony Morgan stolz. «Ich wollte eine ernsthafte Geschäftsidee konzipieren, um Verbrechen zu bekämpfen und gleichzeitig Geld dabei zu verdienen.»
Die Bedenken der Menschenrechtsorganisationen schmettern die Macher des «Spiels» rasch ab: James Woodward, technischer Leiter von «Internet Eyes», behauptet, das System habe genug Sicherheitsvorkehrungen getroffen: Sollte ein Schnüffler drei Falschmeldungen verschicken, wird er aus dem «Spiel» geworfen. Ausserdem werden die Benutzer nicht wissen, wo sich die Kameras befinden. «Jeder, der eine Überwachungskamera hat, sei es die Behörden, eine Firma oder eine Privatperson, kann sich bei uns anmelden und seine Kamera von unseren Benutzern überwachen lassen.» Und er träumt auch schon vom Upgrade: «Wir hoffen, schon bald die Kameras der Polizei mit im Angebot führen zu können.»
(kle)

























