Mexiko

19. August 2010 13:57; Akt: 19.08.2010 14:24 Print

«Pech, wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist»«Pech, wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist»

von Karin Leuthold - Eine Webseite hilft den Mexikanern, trotz Drogenkrieg den Alltag zu meistern - und dient der Drogenmafia gleichzeitig als brutales Propaganda-Instrument.

storybild

«Narco-Blockade» in Monterrey: Kartelle sperren mit Lastwagen, Bussen und anderen Fahrzeugen ganze Strassen, um Transportkorridore zu sichern und den Sicherheitskräften das Durchkommen zu erschweren. (Bild: REUTERS/Tomas Bravo)

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Es war wieder einmal ein heisses Wochenende in Monterrey. In einem Teil der Stadt tötete eine Militärpatrouille vier von fünf mutmasslichen Drogenkriminellen nach einer Verfolgungsjagd, gleichzeitig brachten 13 sogenannte Narco-Blockaden den Verkehr zum Erliegen. Damit sperren die Kartelle mit Lastwagen, Bussen und anderen Fahrzeugen ganze Strassen, um Transportkorridore zu sichern und den Sicherheitskräften das Durchkommen zu erschweren.

Doch für die Bevölkerung bedeutet das nur Chaos und Behinderungen. Auch der Schweizer G. S.* konnte dies aus nächster Nähe erleben. Zusammen mit seiner Frau verbrachte er fünf Wochen in der nordmexikanischen Stadt. «Hier in Monterrey herrscht Krieg», sagt er im Gespräch mit 20 Minuten Online. Ständig seien Schüsse zu hören, «auf offener Strasse, in Wohn- und Geschäftsvierteln. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Pech, wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist», erzählt S. weiter.

Ein Blog für den Durchblick im Verkehr – und als Propagandawerkzeug

Tatsächlich starben seit Dezember 2006, als Präsident Felipe Calderón einen harten Kampf gegen die Drogenkartelle ankündigte, 28 000 Menschen. Doch es kommen längst nicht nur Kriminelle oder Polizisten um, sondern auch unbeteiligte Bürger, die fatalerweise in eine Schiesserei geraten oder während einer Verfolgungsjagd in einen Verkehrsunfall verwickelt werden.

Seit März bietet der «Blog del Narco» einen Überblick in dem blutigen Wirrwarr. Die Webseite ist inzwischen zur täglichen Informationsquelle für Tausende Mexikaner geworden. Der Blog wird von einem namentlich unbekannten 20-jährigen Mann betrieben, der ein Fenster auf die Realität öffnete, «während die Regierung und die Medien den Eindruck erwecken, dass in Mexiko nichts geschieht», wie er als Begründung für sein Projekt schreibt.

«Die Leute brauchen Informationen, und ich gebe sie ihnen», schreibt er weiter. Der Erfolg seines Blogs ist in der Tat riesig: Nur schon auf der Online-Community Twitter hat das Portal über 7300 Follower, unter ihnen das FBI, das mexikanische Verteidigungsministerium, das Nachrichtenportal CNN und sogar der mexikanische Präsident Felipe Calderón persönlich.

Ein Teil des Erfolgs liegt darin, dass die Seite zu einem Zeitpunkt entstand, als die Bevölkerung das Bedürfnis hatte, besser informiert zu werden, erklärt der Initiant des Projekts. Auch der Schweizer G.S. hat die Vorzüge der Dienstleistung erlebt: «Vorgestern Nacht wollten meine Frau und ihre Schwester ins Kino gehen. Sie kamen nicht weit, auf einer der nördlichen Ausfallstrassen stauten sich plötzlich die Autos. Marines des mexikanischen Militärs leiteten den Verkehr auf die Gegenfahrbahn um. Auf Facebook verbreitete sich ein paar Minuten später die Nachricht über einen weiteren Schusswechsel in San Nicolas – so heisst dieser Stadtteil – rasend schnell. Jeder von uns hat ein Handy oder ein PDA mit Push-Mail oder Facebook Client. Damit wissen wir innerhalb von Minuten, welche Strassen zu meiden sind.»

Auch Narcos wissen, wie man mit dem neuen Medium umgeht

Was dem Blog-Betreiber allerdings grosse Kritik eingebracht hat, ist die Veröffentlichung von sehr explizitem Material: Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Medien zeigt der «Blog del Narco» hemmungslos Bilder von toten Drogenbossen, Videos, auf denen Narcos vor laufender Kamera geköpft werden, oder Verhöre, bei denen Kartelle Polizisten foltern. Der Ursprung des Materials ist kontrovers: Laut amerikanischen Medien können nur Insider daran beteiligt sein. Foltervideos von Polizisten dürften direkt von den Drogenkartellen geliefert werden, während «Aufnahmen aus nächster Nähe bei Tatorten nur von Militär oder Polizei stammen können», schrieb der «New Herald» kürzlich. Auch der Feind weiss, wie man sich des neuen Mediums bedienen kann, um Gegner und Regierung einzuschüchtern.

* Name der Redaktion bekannt