Digitale Drogen

15. Juli 2010 23:07; Akt: 16.07.2010 09:36 Print

Drogen aus dem KopfhörerDrogen aus dem Kopfhörer

von Raffaela Moresi - Kopfhörer auf und los geht der digitale Drogentrip: Statt Musikgenuss gibts einen Drogenflash. Audiofiles, die zu Rauschzuständen führen, liegen in den USA voll im Trend.

Zahlreiche Filme auf YouTube zeigen Jugendliche, die mit den sogenannten I-Dosern experimentieren.
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Sie haben vielversprechende Namen wie Cocaine oder Opium – die Audiofiles, die zum Beispiel via iTunes heruntergeladen werden können. Was die sogenannten I-Doser gemein haben: Wer die Kopfhörer aufsetzt und einige Minuten lang den pulsierenden Klängen lauscht, soll sich fühlen, als hätte er echte Drogen intus. Auf YouTube kursieren bereits zahlreiche Filmclips von Jugendlichen, die sich die digitale Dröhnung gaben. Der Trick: Per spezielles Tonsignal simulieren diese Audiodateien die Einnahme von Rauschmitteln wie Ecstasy oder Heroin. US-Teenies sind davon so begeistert, dass die amerikanischen Behörden Alarm schlagen: «Das Interesse an diesen Angeboten lässt eine gesteigerte Bereitschaft erkennen, auch mit echten Drogen zu experimentieren», sagt Mark Woodward vom Oklahoma Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs. «Wir müssen sofort einschreiten», fordert der Suchtmittelexperte.

Das Phänomen sei unbedingt ernst zu nehmen, findet auch die Zürcher CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. Sie stört sich besonders daran, dass die Jugendlichen problemlos an die umstrittenen Files gelangen können. «Hier müssen die Anbieter wie Ap­ple in die Pflicht genommen werden, schliesslich tragen sie eine grosse Verantwortung.» Apple-Sprecherin Andrea Brack wollte auf Anfrage von 20 Minuten keine Stellung nehmen.


«Es kann zu einer Art Kurzschluss führen»

Ludwig Kappos, Chefarzt am Universitätsspital Basel, über die neurologischen Auswirkungen von I-Dosern.

Was geht in unseren Köpfen vor, wenn wir ein solches «Musikstück» hören?

Ludwig Kappos: Das Gehirn wird ständig mit elektrischen Strömen gespeist, die bestimmte Vorgänge wie beispielsweise Wahrnehmungen oder Gefühle auslösen. Wenn nun ein rhythmisierter und sich monoton wiederholender Input kommt, kann dies zu einer Art Kurzschluss führen und einen veränderten Bewusstseinszustand hervorrufen.

Ist dies gefährlich?
Es gibt noch keine wissenschaftlichen Studien zum Thema, ich kann es mir aber nicht vorstellen. Menschen berauschen sich schon seit Jahrtausenden mit Musik.

Können Sie Beispiele nennen?
Ich denke an südamerikanische und afrikanische Stämme, die mit Rhythmusinstrumenten ihr Bewusstsein erweiterten. Auch Soldaten wurden schon mit Musik berauscht – und vergassen so die Gefahren des Krieges.