Kindsmisshandlungen

20. Mai 2009 15:36; Akt: 20.05.2009 21:07 Print

«Häuser des Horrors»«Häuser des Horrors»

Nach der Veröffentlichung einer Studie über jahrzehntelange Misshandlungen von Kindern in kirchlichen Heimen hat sich das Oberhaupt der katholischen Kirche in Irland entschuldigt.

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(Bild: Reuters/Peter Andrews)

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Tausende Kinder wurden zwischen den Dreissiger- und den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts laut einem Ermittlungsbericht in irischen Institutionen, die von kirchlichen Organisationen geführt wurden, misshandelt, Hunderte auch sexuell missbraucht. Laut dem Bericht waren rund 35 000 Kinder bis zum Jahr 1980 in Erziehungsanstalten, Schulen oder auch Heimen für Behinderte untergebracht. Rund 2500 Zeugen sagten aus, dort sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt worden zu sein.

Der Bericht ist das Ergebnis neun Jahre langer Ermittlungen einer Sonderkommission. Er wurde am Mittwochnachmittag in Dublin vorgestellt.

Kirche entschuldigt sich

Nach der Veröffentlichung des Berichts hat sich das Oberhaupt der katholischen Kirche in Irland entschuldigt. Er sei «zutiefst beschämt, dass Kinder in diesen Institutionen auf so schreckliche Weise leiden mussten», sagte am Mittwoch Kardinal Sean Brady, der Primas von Irland und Erzbischof von Armagh.

Die im Jahr 2000 gegründete Untersuchungskommission ging Vorwürfen nach, die bis zu 60 Jahre zurückreichen. Für den Bericht wurden über 100 Einrichtungen in ganz Irland untersucht. Die Ermittlungen, bei denen Fälle bis Ende der 80er Jahre unter die Lupe genommen wurden, kosteten den Staat umgerechnet 105 Millionen Franken. Bis Ende 2007 haben 12 482 Personen Kompenstaionszahlungen über im Schnitt knapp 65 000 Euro erhalten, 140 Millionen Euro insgesamt. Weitere gut 2000 Anträge sind noch hängig.

Von Übergriffen gewusst

Dem Bericht zufolge wusste die Kirche von den Übergriffen und hatte einige Peiniger versetzt. Dabei sei die Angst vor einem Skandal grösser als die Sorge um das Wohl der Kinder gewesen. «Im besten Fall wurden die Peiniger versetzt (...) Im schlimmsten Fall wurden dem Kind noch Vorwürfe gemacht», hiess es in dem Bericht.

Kinder seien so sehr vernachlässigt worden, dass sie sich Lebensmittel aus Abfalleimern holten. Zudem seien die Unterkünfte kalt und karg gewesen. Das ganze System habe Betroffene eher wie Gefangene als wie Kinder behandelt.

Brutale Gewalt

Bereits 2003 war ein Zwischenbericht mit den Aussagen von 700 Zeugen veröffentlicht worden. Die Männer und Frauen berichteten, dass sie unter anderem mit Lederriemen und Stöcken geschlagen wurden. Andere wurden sexuell missbraucht.

Einige beschrieben, wie sie von mehreren Tätern gleichzeitig vergewaltigt wurden. Die Regierung stellte den Opfern Entschädigungszahlungen in Aussicht.

Der Skandal kam nach einer Fernseh-Dokumentation Ende der 1990er Jahre ans Licht. Die Journalistin Mary Raftery sagte, die Kinder seien in «Häusern des Horrors» gefangen gewesen, teils bis zum 16. Lebensjahr. Viele der mutmasslichen Täter sind bereits tot.

Kirche bereitet sich auf Medienansturm vor

Die kirchlichen Organisationen wappnen sich laut Medienberichten in Irland derweil gegen den Ansturm der Medien: Die Rektoren der 97 Schulen, die von der Edmund-Rice-Stiftung geführt werden, wurden gestern Abend per Mail aufgefordert, keine Medienanfragen zu beantworten, sondern alle an die Stiftung zu verweisen. Die Stiftung trägt den Namen des Gründers des Ordens der Christlichen Brüder; im untersuchten Zeitraum hatte der Orden die Schulen direkt geführt.

Eine TV-Dokumentation brachte den Stein ins Rollen

Die christlichen Brüder stehen zusammen mit den Nonnen des Ordens der Barmherzigen Schwestern im Mittelpunkt der Untersuchung, die durch eine Fernsehdokumentation ausgelöst worden war. Darin hatten Betroffene von Schlägen auf alle Körperteile berichtet, von öffentlichen Prügelstrafen und von sexuellem Missbrauch.

1999 rief Regierungschef Bertie Ahern die Untersuchungskommission ins Leben, bis Juli 2001 konnten sich Betroffene dort melden. In neunjähriger Arbeit wurden von zwei Subkommissionen Zeugenaussagen gesammelt, Dokumente gesichtet und schliesslich ein fünfbändiger Schlussbericht verfasst. Da die staatlichen Schulaufsichtsbehörden nur zögerlich Dokumente herausrückten, trat die Präsidentin der Kommission 2003 aus Protest zurück. Auch die kirchlichen Institutionen seien der Kommission mit einer legalistischen und feindseligen Haltung gegenüber gestanden.

Keine strafrechtlichen Folgen

Doch offenbar sollen den Recherchen der Kommission keine strafrechtlichen Schritte folgen. Der Vorsitzende der Selbsthilfegruppe der ehemaligen Bewohner der «Häuser des Horrors» in diesen Institutionen befürchtet deshalb, dass die Betroffenen sich nun erst recht im Stich gelassen fühlen: «Dass die kirchlichen Hierarchien und die religiösen Orden, die mindestens Komplizen waren bei diesen brutalen Verbrechen gegen unschuldige Kinder, ungeschoren davonkommen sollen, wird die Opfer noch einmal traumatisieren.»

(be/SDA)

(sda)