Nackter Protest

08. Februar 2010 19:03; Akt: 08.02.2010 19:03 Print

Mit Sex-Appeal gegen SexismusMit Sex-Appeal gegen Sexismus

Sie sind schnell, frech und effizient. Mit nackter Haut holen sich die Schönheiten der ukrainischen Frauenbewegung «Femen» die Publicity für ihre Anliegen.

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Im Februar 2010 drangen vier Frauen aus dem FEMEN-Netzwerk in das Wahllokal in Kiew ein, in dem Oppositionsführer Viktor Janukowitsch seine Stimme abgeben wollte. Die wegen Janukowitschs Stimmabgabe im Wahllokal anwesenden Fotografen liessen sich nicht zweimal bitten und lichteten die Polit-Stripperinnen ab. Ihre Aktion richtete sich «gegen die Vergewaltigung der Demokratie» in der Ukraine. Auf den Schildern standen Botschaften wie «Heute hat der Krieg angefangen!», «Das Land ist genug vergewaltigt» oder «Hilfe! Vergewaltigung!». Die Frauen riefen Slogans wie «Der letzte Tag der Demokratie», «Verkauf deine Stimme nicht!» oder «Sei keine Schlampe!» «Was sich während des Wahlkampfs in der Ukraine abgespielt hat, kann die Demokratie gefährden», erklärte eine der Aktivistinnen. In der Tat war der aggressive Wahlkampf zu einer wahren Schlammschlacht verkommen. Sie betonten, ihre Aktion habe sich nicht speziell gegen Janukowitsch gerichtet; sie seien neutral und hätten dieselbe Aktion auch gern bei der Premierministerin Julia Timoschenko durchgeführt. Allerdings hätten sie kein Geld gehabt, um nach Dnipropetrowsk zu reisen, wo Timoschenko herkommt und wo sie ihre Stimme abgab. Die vier Frauen wurden sofort festgenommen. Seit 2008 gehen die Aktivistinnen der ukrainischen Frauenbewegung aggressiv und offensiv gegen diverse Missstände vor. Paradox und effizient: Mit nackter Haut kämpfen sie gegen Sextourismus, Prostitution und die Pornoindustrie. «Die Ukraine ist kein Bordell» ist eine ihrer Kern-Losungen. Auch gegen unmenschliche, langjährige Haftstrafen oder überhöhte Fahrpreise im öffentlichen Verkehr richtet sich ihr Protest.

Nackte Reize im Kampf gegen Missstände: «Femen».

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Diesmal traf es den Präsidenten in spe, Viktor Janukowitsch. Das Wahllokal in der Hauptstadt Kiew, in dem der Favorit der ukrainischen Präsidentschaftswahl seine Stimme abgeben wollte, wurde von vier jungen Frauen gestürmt. Die Aktivistinnen wussten genau, dass im Lokal ein internationaler Medientross aus auf den Auftritt des aussichtsreichsten Kandidaten wartete. Vor dem Pulk der Kameras zogen sie sich aus — das sicherste Mittel, um das Blitzlichtgewitter auf sich zu ziehen.

Katerstimmung im Krisenland

Der hüllenlose Protest richtete sich gegen die «Vergewaltigung der Demokratie» in der Ukraine. Das von der Wirtschaftskrise gebeutelte osteuropäische Land ist auch politisch tief gespalten; im Wahlkampf flogen die Fetzen, und jetzt — kurz nach der Wahl — wird der Gewinner Janukowitsch bereits von seiner Rivalin Timoschenko des Wahlbetrugs bezichtigt. Die Aufbruchstimmung der «Orangen Revolution» von 2004 ist längst einem herben Kater gewichen; kein Politiker geniesst bei der Wählerschaft noch wirklich Vertrauen.

Hart trifft die Krise besonders die Frauen. Manche Frauen — vornehmlich junge — sind aufgrund der katastrophalen Wirtschaftslage gezwungen, sich zu prostituieren. Allein nach Regierungsangaben verdienen rund 12 000 Frauen ihren Lebensunterhalt mit Prostitution; die Dunkelziffer dürfte beträchtlich höher liegen.

Nackte Guerilla

Seit Frühjahr 2008 formiert sich unkonventioneller Widerstand gegen die Sexindustrie und andere Missstände. Die Frauenbewegung «Femen» protestiert in ungewohnten, äusserst provokativen Formen gegen Sextourismus, Prostitution und Pornoindustrie. «Die Ukraine ist kein Bordell!», ist einer der Kernsätze der Bewegung. So führten letzten Herbst leicht bekleidete Frauen in einer Performance vor, wie Studentinnen an der Uni von Professoren sexuell belästigt werden (siehe Video unten). Die Aktivistinnen spielen dabei virtuos mit den Medien-Mechanismen und nutzen auch das Internet, um ihre Anliegen zu propagieren. Nach wie vor verfügt die Bewegung nicht über ein Büro; der harte Kern, etwa 30 Frauen, nutzt ein Café als Treffpunkt. Die Zahl der Sympathisantinnen allerdings ist grösser — und sie wächst.

Die vier Frauen, die das Wahllokal in Kiew zur Bühne umfunktionierten, wurden festgenommen. Doch die Bilder der Verhaftung gingen um die Welt. Es war mit Sicherheit nicht die letzte Aktion der nackten ukrainischen Guerrilla.


Video: «Femen» protestiert vor der Uni gegen die sexuelle Belästigung von Studentinnen durch Professoren
Quelle: YouTube

(dhr)