Erdbeben

22. April 2009 14:45; Akt: 22.04.2009 16:02 Print

Der Opfermelder aus GenfDer Opfermelder aus Genf

von Bea Emmenegger - Max Wyss sagt mit seiner Genfer Non-Profit-Organisation Wapmerr die Opferzahlen nach Erdbeben voraus. Ein Auftraggeber ist die Deza, die Entwicklungsorganisation des Bundes - doch deshalb wird der Seismologe noch lange nicht überall ernst genommen.

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Erdbeben in Afghanistan: Mit Max Wyss' Prognosen könnten Verschüttete schneller geborgen werden. (Bild: Keystone/AP)

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Seit sechs Jahren hat Max Wyss, Professor für Seismologie im Ruhestand, kaum mehr eine ruhige Nacht. Kaum bebt irgendwo auf dem Globus die Erde mit einer gewissen Heftigkeit, klingelt sein Handy. Am anderen Ende ist der Computer des Schweizerischen Erdbebendienstes der ETH Zürich, der die Daten des Erdstosses durchgibt.

Max Wyss setzt sich in Genf in seiner World Agency for Planetary Monitoring and Earthquake Risk Reduction (Wapmerr) an den Computer und berechnet, welche Schäden und vor allem wie viele Opfer zu erwarten sind. Das Programm, mit dem er dies tut, heisst QLARM und basiert auf Daten wie Bevölkerungsdichte, Siedlungsstruktur und Gebäudestabilität im Erdbebengebiet.

Die Deza finanziert den Erdbeben-Alarm

Beim schweren Erdbeben in den Abruzzen ging Wyss' Prognose von 50 bis 500 Todesopfern nur 22 Minuten nach dem Erdstoss in einer Nachricht an die Empfänger seiner Erdbeben-Alerts aus. Das sind unter anderem das Schweizerische Katastrophenhilfekorps, der Erdbebendienst oder die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), die diesen E-Mail-Alarm auch finanziert.

Die relativ grosse Bandbreite der Prognose für die Abruzzen begründete Wyss gegenüber «Spiegel online» mit den ungenauen Angaben zum Epizentrum: «Die Genauigkeit lag bei etwa zehn Kilometern. Wenn man das Epizentrum zehn Kilometer in die Berge verschiebt, sinkt die Opferzahl, wenn ich es zehn Kilometer Richtung L'Aquila bewege, steigt die Opferzahl.» Es waren schliesslich knapp 300 Todesopfer.

Für ein Projekt, das Kinder retten könnte, fehlt das Geld

Als Non-Profit-Organisation ist die Agentur auf Spenden oder Aufträge angewiesen, die beispielsweise Szenarien für mögliche Konsequenzen eines Erdbebens in einem bestimmten Gebiet umfassen können. Im Auftrag der Deza untersuchte Wyss die Konsequenzen eines Seebebens vor der Küste Limas und wollte dabei auch wissen, wo sich Schulen und Spitäler befinden und wie sie gebaut sind.

«Dort ist es uns gelungen herauszufinden, dass eine Million Kinder zur Schule gehen, von denen möglicherweise 20 000 in einem Grossbeben sterben könnten. Wir möchten errechnen, wie viel es kosten würde, die Schulen baulich zu verstärken, so dass die Hälfte dieser Kinder überleben könnte. Am liebsten würden wir eine Enzyklopädie aller Schulen weltweit schaffen, aber leider fehlt uns dazu das Geld.»

In Marokko starben Menschen, weil man Wyss nicht glaubte

Doch Wyss' Vorhaben scheitern nicht nur am Geld. In der Schweiz möchte er eine Karte mit allen Spitälern erstellen: wo sie sind, wie gross sie sind, wie sie gebaut sind, welches Risiko besteht. «Aber ich bekomme vom statistischen Amt nicht einmal die Daten über die Standorte geliefert», klagt Wyss, «die machen Datenschutz-Fragen geltend.»

Aber auch seine Opfer-Prognosen werden nicht immer ernstgenommen: Als 2002 in Marokko die Erde bebte, schätzte Wyss die Zahl auf 1000 Todesopfer und alarmierte die Hilfsorganisationen in der Schweiz, die Marokko auch sofort Unterstützung anboten. Doch die Behörden wussten noch nichts von eingestürzten Häusern und lehnten Hilfe ab. Als sie endlich angefordert wurde, kam sie für etwa 700 verschüttete Menschen zu spät.

Erdbeben kann man nicht zuverlässig voraussagen

Für seine Prognosen muss sich Seismologe Wyss auf die Angaben verlassen, die er bekommt. Und ob die Gebäude, die angeblich erdbebensicher gebaut wurden, auch tatsächlich erdbebensicher sind, weiss sein Computerprogramm auch nicht. In den Abruzzen wurden schnell Vorwürfe laut, bei den Bauten seien Vorschriften massiv missachtet worden. Und in Entwicklungsländern fehlen entsprechende Bauvorschriften oft ganz. «Oder es gibt sie, aber sie werden nicht angewandt oder ihre Einhaltung wird nicht kontrolliert», weiss Wyss.

Grundsätzlich habe sich die Lage in der Dritten Welt aber stark verbessert: «Heute ist die Chance, ein Erdbeben zu überleben, in der industrialisierten Welt nur noch doppelt so gross wie in Entwicklungsländern, früher war das Verhältnis viel ungünstiger für die Länder der Dritten Welt.» Aber im erdbebengefährdeten Gebiet Türkei, Griechenland, Iran habe sich seit 1900 beim Erdbebenschutz kaum etwas getan.

Und was immer noch nicht geht: ein Erdbeben voraussagen. Wyss, der die Kommission für Vorhersagen der Internationalen Seismologen-Vereinigung präsidierte, sagt zwar, es sei nicht ganz unmöglich, aber es brauche Glück. Und wenn es jemand auf den Tag genau vorhersage, wie der italienische Geologe, der den Abruzzen ein Erdbeben für einen bestimmten Tag Ende März prophezeit hatte, liege der Verdacht nahe, dass es sich um einen Amateur handle: «Wenn, kann man es für einen grösseren Zeitraum vorhersagen. Andererseits: Nicht ist unmöglich.»