Eine haarige Rache

12. Oktober 2011 08:21; Akt: 14.10.2011 14:46 Print

Die Unerbittlichkeit des Mr. MulletDie Unerbittlichkeit des Mr. Mullet

Wegen einer alten Fehde stiftete ein Bischof der Amischen seine Söhne zum Bartstutzen an. Nun sind die bösen Barbiere von Ohio verhaftet worden. Damit ist der grösste Kriminalfall der friedliebenden Religionsgemeinschaft gelöst.

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Jemanden den Bart abschneiden – das ist für Amische eine schwere Erniedrigung. Männer rasieren nach der Hochzeit nur noch den Schnauz, weil der Oberlippenbart mit Kriegern in Verbindung gebracht wird. Auch die Frauen lassen ihre Haare nach biblischer Vorschrift wachsen. Entsprechend gross war die Aufregung in der friedlichen Religionsgemeinschaft, als in Jefferson County im US-Bundesstaat Ohio Männer umgingen, die anderen Männern die Bärte abschnitten.

Nun ist der Fall gelöst. Am Samstag wurden drei Männer verhaftet: die Brüder Lester und Johnny Mullet sowie Levi Miller. Das böse Barbier-Trio wird der Entführung und des Diebstahls beschuldigt. Der mutmassliche Anstifter Sam Mullet, Vater der beiden Brüder und Bischof, befindet sich auf freiem Fuss. Doch das Gemeindeoberhaupt sei «Mittelpunkt der Ermittlungen», verrät der zuständige Sheriff Fred Abdalla. «Nichts in Bergholz bewegt sich ohne seine Zustimmung, alle gehorchen ihm. Keiner tut etwas ohne seinen Segen.»

«Schert euch alle zum Teufel!»

Die Geschichte begann vor vier Jahren. Damals ist Bischof Mullet von den 300 Bischöfen der Regionen Pennsylvania, Ohio und New York aus der Gemeinde verwiesen worden. Der Rat hatte sich versammelt, um über seine unsauberen Methoden zu urteilen. Sie kamen schliesslich zum Schluss, dass der Religionsführer sich falsch verhalten habe, als er zwei Familien aus seiner Gemeinde verbannte.

Bischof Sam Mullet nahm das Urteil damals wütend zur Kenntnis: «Schert euch alle zum Teufel», rief er dem Rat zu und verliess die Besprechung. Kurz darauf zog er mit seiner Familie nach Bergholz unweit von Jefferson County und baute eine neue Gemeinde auf.

David L. McConnell, ein Anthropologie-Professor des «College of Wooster», befasst sich seit über zwei Jahrzehnten mit den Amischen. Nach seinen Angaben ist die schwerste Strafe, die man einem Amischen auferlegen kann, ihn aus der Gemeinde zu verbannen. Die soziale Ausgrenzung sei ein mächtiges soziales Werkzeug. Sie soll das sündige Gemeindemitglied lehren, das Leben in der Gemeinschaft zu schätzen. «Es ist eigentlich ein Liebesakt, der den Sünder zurück in die Gemeinde führen soll.»

Lieber sterben als rasieren

Dass die Bergholz-Gemeinde sich nun für den Bann rächte, indem sie den anderen Mitgliedern den Bart abschneiden liess, ist nach McConnells Angaben sehr unüblich. «Die Tat hat einen hohen symbolischen Wert, weil der Bart sichtbar und ein Zeichen der amischen Identität ist», erklärt der Anthropologe. Die Tatsache, dass Sam Mullet sich für diese Strafe entschied, lasse erkennen, «wie sehr er schon in einer anderen Welt lebt». Schon die Tatsache, dass ein Amischer eine Racheaktion anführe, sei «sehr, sehr ungewöhnlich».

«Einer der Amischen, mit denen ich gesprochen habe, hat mir gesagt, dass er lieber sterben als sich den Bart stutzen würde», erklärte Sheriff Abdalla. Die Gesichtsbehaarung zu entfernen sei einfach demütigend, peinlich und erniedrigend für sie.

Die Racheattacken Mullets sind allerdings nichts Neues. Die ersten Aktionen gegen seine ehemaligen Gemeinschaftsbrüder sollen bereits kurz nach seiner Verbannung begonnen haben. Sheriff Abdalla berichtet von Entführungen, bei denen eine Gruppe Männer während mehrerer Tage in einem Hühnerstall gefangen gehalten wurde. Auch kam ihm zu Ohren, dass einem älteren Ehepaar Bart und Haare abgeschnitten wurden – von deren eigenen Söhnen. Doch für eine Festnahme des Bischofs reiche es bisher nicht. Es fehlten die Anzeigen.

«Wer weiss, wo das geendet hätte»

Nach den jüngsten Verhaftungen hoffen die Behörden, dass die Raufbolde eingeschüchtert sind und wieder Ruhe einkehrt. «Es ist unüblich, dass Amische zur Polizei gehen», bestätigt Anthropologe McConnell. «Sie versuchen ihre Probleme untereinander zu klären.» Er sei froh, dass nun einer den Mut für eine Anzeige fand. «Wer weiss, wo das geendet hätte.»

Update 14. Oktober 2011:
Die fünf mutmasslichen Angreifer standen am 12. Oktober in Ohio vor Gericht. Sie wurden unter anderem des Einbruchs und der Entführung angeklagt. Gegen eine Kaution von 50 000 Dollar, umgerechnet 45 000 Franken wurden sie vorerst freigelassen.

(kle)