Russland

06. August 2010 11:04; Akt: 06.08.2010 17:43 Print

Feuer könnten radioaktive Stoffe freisetzenFeuer könnten radioaktive Stoffe freisetzen

Die Jahrhundertwaldbrände nehmen ungeahnte Dimensionen an: Flüge werden gestrichen und ein Getreideexport-Verbot eingeführt. Experten befürchten, dass es sogar noch schlimmer kommen könnte.

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Rund um die Hauptstadt loderten noch vier Wald- und fünf Torfbrände. In ganz Russland stünden noch Hektar in Flammen, hiess es am 18. August. Oleg Mikhailov (42) birgt Münzen, die er im von Bränden versehrten Dorf Kartonosovo in der Region Riazan gefunden hat (180 Kilometer südöstlich von Moskau), 12. August 2010. Kartonosovo. Feuerwehrmann in der Nähe des Dorfes Ryabinovka in der Region Riazan. Ein Löschflugzeug wirft seine Ladung etwas ausserhalb der Stadt Schatura ab, 110 Kilometer südöstlich von Moskau. Feuerwehrmann vor Schatura. Dicke Luft in Moskau. Hund mit Schutzmaske am 10. August 2010. Seit Wochen lodernde Wald- und Torfbrände haben Mitte August dafür gesorgt, dass Moskau unter einer dicken Smogschicht begraben liegt. Auf den internationalen Flughäfen kam es wegen der schlechten Sicht zu langen Verspätungen, mehrere Flüge wurden in andere Städte umgeleitet. Die Sterblichkeitsrate in der russischen Hauptstadt schnellte im Vergleich zum Saisondurchschnitt auf fast das Doppelte. Jeden Tag werden 700 Todesfälle gemeldet. Die Schadstoffe in der Luft waren gegenüber dem Grenzwert um das Zwei- bis Dreifache erhöht. Dicke Luft auf dem Roten Platz. Grund für den Smog sind die in Russland seit Wochen wütenden Wald- und Torfbrände. Laut der Umweltschutzorganisation WWF wurden mehr als 7000 Brandherde gezählt. Tausende Einsatzkräfte bemühen sich darum, die Flammen einzudämmen. Die Regierung hat die Zahl der Soldaten massiv aufgestockt. Mittlerweile sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums 10 000 Mann im Einsatz. Sie sollen Brandschneisen anlegen ... ... und Wasserleitungen bauen. Regierungschef Wladimir Putin sagte bei einem Besuch von Feuerwehrleuten in der besonders betroffenen Region um die Stadt Woronesch, die Lage bleibe angespannt und gefährlich. Die Feuerwalze bedroht nach Angaben der russischen Regierung auch 89 erdölverarbeitende Betriebe. Die Raffinerien verfügen weder über automatische Feuerlöschanlagen noch über Giftgas-Warnsensoren. Wegen der heranrückenden Waldbrände haben die russischen Behörden ausserdem die Atomanlage in Sarow gesichert. Alle radioaktiven und explosiven Materialien wurden aus der 500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Anlage abtransportiert. Der Rauch der Waldbrände um Moskau zog sogar bis in die U-Bahn der Hauptstadt. Die Dächer der vielen Hochhäuser waren nicht mehr zu sehen. Der Rauch hüllte die Zehn-Millionen-Einwohner-Stadt in dichten Smog. An den zahlreichen Waldbränden sei nicht allein die aktuelle Hitze Schuld, betonte die Umweltorganisation WWF. Eine mangelhafte Vorsorge und ein miserables Waldmanagement seien die Hauptursachen für die Brandkatastrophen. «Hier rächen sich die Fehler aus den vergangenen Jahrzehnten», erklärte der WWF. Illegaler Holzeinschlag, die Übernutzung der Wälder und grossflächiger Kahlschlag hätten zu der aktuellen Lage massgeblich beigetragen.

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Angesichts der verheerenden Waldbrände in Russland befürchten die Behörden, dass in Gebieten, die bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor knapp einem Vierteljahrhundert verstrahlt wurden, radioaktive Stoffe freigesetzt werden könnten.
«Wir kontrollieren sorgfältig die Situation in der Region Brjansk, besonders im Süden im Distrikt Nowosybkow, der infolge der Tschernobyl-Katastrophe schwer verunreinigt wurde», sagte Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu vor den Medien in Moskau. «Wenn dort ein Feuer ausbricht, könnten mit dem Rauch radioaktive Partikel emporsteigen.»

Trotz des starken Rauchs, der die Löscharbeiten behindere, sei die Lage aber derzeit unter Kontrolle, teilte die Feuerwehr nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax mit. Die ukrainischen Behörden bezeichneten die Lage im Gebiet Tschernobyl als derzeit ungefährlich. «Es besteht heute kein Grund zur Beunruhigung», sagte Behördensprecher Sergej Wus.

Die Region Brjansk, die im Westen Russlands an die Ukraine und Weissrussland grenzt, wurde im April 1986 durch die radioaktive Wolke aus dem Atommeiler Tschernobyl erheblich verseucht. Die Explosion des Reaktors ist die grösste Reaktorkatastrophe der Geschichte. Dabei wurden grosse Teile Europas, vor allem aber die damaligen Sowjetrepubliken Ukraine, Weissrussland und Russland verstrahlt.

Wegen Feuer fallen Flüge aus

Die Waldbrände in Russland haben am Freitag in Moskau zu dichtem Smog mit einer Sichtweite von stellenweise nur wenigen Metern geführt. Bis zum Morgen mussten deshalb auf dem Flughafen Domodedowo 15 Flüge umgeleitet werden, wie eine Sprecherin sagte. Auch Abflüge verzögerten sich. Die Sichtweite auf den Rollbahnen betrug laut Berichten russischer Nachrichtenagenturen nur noch 400 Meter, halb so weit wie normal. Die Fluglotsen boten allen ankommenden Flugzeugen eine Umleitung zu anderen Flughäfen in der Nähe an.

Der dichte Rauch drang auch in Wohnungen und Büros ein, bei vielen Bewohnern der russischen Hauptstadt löste er Hustenreiz aus. Die Messungen für Luftschadstoffe wie Kohlenmonoxid lagen vier Mal so hoch wie üblich, es war damit die stärkste bislang verzeichnete Luftverschmutzung in Moskau. Nach Angaben des Ministeriums für Notlagen loderten am Freitag mehr als 500 Brände. Bislang kamen mindestens 50 Menschen in den Flammen ums Leben, bis zu 2000 Wohnhäuser wurden zerstört. Die Behörden haben eingeräumt, dass die derzeit eingesetzten 10 000 Feuerwehrleute möglicherweise nicht ausreichen.

Einsatzkräfte transportierten Sprengstoff und Munition aus gefährdeten Militäreinrichtungen ab. Brände in der Nähe einer Atomforschungsanlage in Sarow wurden mit Hilfe von Flugzeugen, Hubschraubern und Robotern bekämpft. Auch ein Tierheim mit Hunderten Bewohnern war von den Flammen bedroht.

Noch mehr Kräfte werden eingesetzt im Kampf gegen das Feuer

Die Katastrophe nimmt mittlerweile ungeahnte Dimensionen an. Nun hat Russland angekündigt, noch stärker gegen das Feuer zu kämpfen. Bis Montag will Regierungschef Wladimir Putin einen Plan für die bessere technische Ausstattung der Feuerwehren und einen intensiveren Brandschutz vorlegen. Das berichtete die russische Regierungszeitung «Rossijskaja Gaseta» am Freitag. Demnach soll etwa auch der zusätzliche Einsatz von Löschflugzeugen sowie die Bewachung besonders gefährlicher Objekte festgelegt werden, sagte Putin nach Angaben der Zeitung. Dem Bericht zufolge schätzt die russische Führung die Lage weiter als «katastrophal» ein.

In dem tagelangen Kampf gegen die Jahrhundert-Brände in Russland gibt es bisher kaum Erfolgsmeldungen. Die Hauptstadt Moskau war am Freitag wieder in Smog von den Torfbränden des Umlandes gehüllt. Russische Medien berichteten, dass es bei der anhaltenden schweren Dürre und Temperaturen von oft um die 40 Grad Celsius immer wieder neue Brandherde gebe. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

«Die Not ist wirklich gross»

Kremlchef Dmitri Medwedew kündigte im Gespräch mit Putin an, dass die Präsidialverwaltung stärker als bisher in die Krisenbekämpfung eingeschaltet werde. «Die Not ist wirklich gross. Deshalb sollten alle arbeiten», sagte Medwedew. Inzwischen hat die Feuersbrunst auch auf die russische Teilrepublik Dagestan in der Konfliktregion Nordkaukasus übergriffen. Dort vernichteten die Waldbrände in einem Dorf fast 60 Häuser.

Landesweit sind seit Beginn der Brände Hunderte Häuser zerstört worden. Nach offiziellen Angaben starben 50 Menschen. Hunderte wurden verletzt, Tausende sind auf der Flucht vor den Flammen. Hilfsorganisationen und Beobachter gehen davon aus, dass die Opferzahl und die Schäden grösser sind als bisher von den Behörden bekanntgegeben. Medien berichten von massiven Zerstörungen in der Provinz.

Allein die Schäden durch Ernteeinbussen übersteigen umgerechnet eine Milliarde Euro. Zudem müssen mehr als 200 000 Hektar Wald aufgeforstet werden.

Russland leidet seit Wochen unter einer Hitzewelle und Dürre. Der Juli war der heisseste seit Beginn der Aufzeichnungen vor 130 Jahren, und auch für die kommenden Tage wurde keine Wetterveränderung vorhergesagt.

(sda/dapd)