Tierbefreier in der Schweiz

05. August 2009 15:41; Akt: 05.08.2009 16:07 Print

Im Reich der wilden VögelIm Reich der wilden Vögel

von Daniel Huber - Militanter Tierschutz bis hin zum Terror: Was Novartis-Chef Vasella geschehen ist, kommt ursprünglich aus Grossbritannien. Aber auch in der Schweiz sind die Tierbefreier seit langem unterwegs.

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Aus dem Zirkus entführt: «Die wilden Vögel» und zwei befreite Nager

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Novartis-Chef Daniel Vasella ist offenbar ins Visier von militanten Tierschützern geraten: Nachdem das Grab seiner Eltern geschändet wurde, ist nun sein Jagdhaus im Tirol abgefackelt worden. Zwar ist die Täterschaft bisher nicht ermittelt, verdächtigt wird jedoch die militante Tierschutzorganisation «Stop Huntington Animal Cruelty» (SHAC) aus Grossbritannien (20 Minuten Online berichtete).

Vom Internetpranger zur Morddrohung

Grossbritannien ist das Ursprungsland der militanten Tierschützer, doch auch hierzulande gibt es Tierrechtler, die sich bei der Bekämpfung von tatsächlichen und halluzinierten Missständen über geltendes Recht hinwegsetzen. Was mit der Veröffentlichung von Adressen solcher Leute beginnt, die Kaninchen in Verschlägen halten, endet mit Morddrohungen an Zirkusdirektoren. Der bekannte «Verein gegen Tierfabriken» (VgT) von Erwin Kessler beispielsweise stellt regelmässig Tierhalter mit Nennung von Adresse und Telefonnummer an den Pranger. Kessler hat übrigens bereits auf den Brandanschlag auf Vasellas Jagdhaus reagiert: In einem Communiqué stellt er fest, er werde sich «nicht eiligst und gehorsamst von Aktionen anderer Tierschutzorganisationen» distanzieren, über die er nichts Gesichertes wisse, bloss um sich «beim Establishment beliebt zu machen».

Viel offensiver ist da die «Animal Liberation Front» (ALF), eine Schwesterorganisation der SHAC. Mitglieder dieser in Grossbritannien entstandenen Tierbefreiungsfront schlugen 1982 erstmals in der Schweiz zu: Sie befreiten 48 Beagles aus einem Laboratorium in Zürich. 1993 drangen sie in den Rindermaststall der Landwirtschaftlichen Schule Strickhof bei Lindau ZH ein und liessen die Mastmunis frei; im Juni 2006 befreiten sie neun Tiere aus einem Zoo in Magliaso TI. Im Oktober des selben Jahres zerstörten «Die wilden Vögel» im Namen der ALF fünf Hochsitze der Jagdgesellschaft im Sihlwald und attackierten den Circus Royal. Als der Zirkus in Winterthur gastierte, beschmierten sie den Wagen des Zirkusdirektors Oliver Skreinig mit der Parole «Tiere quälen und abkassieren». Skreinig gab zudem an, er sei mit dem Tode bedroht worden. Bereits zuvor hatten sie in Zürich mehrere Tiere aus den Ställen und Käfigen des Zirkus befreit, darunter ein Hausschwein, ein Zwergkaninchen und ein Meerschweinchen.

Nicht alle der zahlreichen Aktionen lassen sich eindeutig einem Urheber zuordnen; die Tierbefreiungs-Aktivisten sind offenbar in verschiedenen Zellen organisiert. So berichtete im Dezember 2008 eine Gruppe unter dem Namen «ARM-Warriors Switzerland» über Farbanschläge auf Novartis-Mitarbeiter im deutschen Grenzgebiet. Zum gemeingefährlichen versuchten Brandanschlag vom 20. Mai 2009 auf ein Kadermitglied der Novartis aus Solothurn bekannte sich eine «Tierbefreiungs-Brigade».

«Speziesismus» gleich Rassismus

Der ideologische Hintergrund der Tierrechtsbewegung ist die Ablehnung der Sonderstellung des Menschen in Bezug auf die Tiere. Diese wird als «Speziesismus» (Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Art) gebrandmarkt und mit anderen Formen der Diskriminierung und Ausbeutung wie Sklaverei und Rassismus gleichgesetzt. Ein bedeutender Vertreter dieser Bioethik ist der australische Philosoph Peter Singer, dessen Thesen sehr umstritten sind. Da für ihn die Zugehörigkeit zur menschlichen Art keinerlei moralische Implikationen hat und das Leid, das einem Lebewesen zugefügt werden darf, einzig an dessen Bewusstseinsgrad gemessen wird, stehen für ihn höhere Säugetiere über geistig schwer behinderten Menschen. Hier sehen Kritiker ungute Parallelen zu den Vorstellungen der Nazis von «lebensunwertem» Leben.

Mehrheitsfähig sind diese Ansichten derzeit allerdings nicht. Als der Berner Uni-Professor Klaus Petrus ziemlich genau vor einem Jahr zu laut darüber nachdachte, dass die Haltung «von Tieren als Haustier und Kumpel» verbannt werden müsse, schlug ihm der geballte Volkszorn entgegen.