Erdbeben in Italien

06. April 2009 10:00; Akt: 06.04.2009 16:18 Print

Zivilschutz ignorierte Erdbeben-WarnungZivilschutz ignorierte Erdbeben-Warnung

Nahm Italiens Zivilschutz Erdbeben-Warnungen nicht ernst genug? Erst vor einem Monat warnte ein Forscher vor einem «verheerenden» Erdbeben in den Abruzzen. Der Leiter des Zivilschutzes bezeichnete ihn danach als «Schwachkopf».

Bildstrecke im Grossformat »
Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano besucht am Gründonnerstag 2009 die Erdbebenregion in den Abruzzen. Lange Schlangen vor der Frühstücksausgabe in den Zeltlagern, die überall aufgebaut wurden. Frühstück für Hund und Frauchen. Rund 17 000 Menschen wurden auf einen Schlag obdachlos, wegen starker Nachbeben stieg diese Zahl auf 28 000. 17 000 Menschen leben nach dem schweren Erdbeben in Zeltlagern, 10 000 Obdachlose sind in Hotels an der Küste untergebracht. Ein Priester spendet Trost und segnet Zeltstadtbewohner. Viele Bewohner der Notunterkünfte haben ihre Familie verloren. Aber in all dem Leid gibts auch Spiel und Spass für die Kleinen. Sie werden unter anderem von Clowns abgelenkt. Traumatisiert bleiben werden sie trotzdem, sagen Experten. Ministerpräsident Silvio Berlusconi kam nicht eben gut an, als er sagte, man müsse die Nächte in Zelten als Camping-Weekend betrachten. Das Schweizerische Rote Kreuz schickte Zelte für 1000 Personen ins Erdbebengebiet. Die Menschen verloren nicht nur ihr Haus, sondern auch ihre Autos. Erneuter Schock: Nachbeben versetzten die Überlebenden in Panik. Noch am Donnerstag vormittag bebte die Erde. Die Kuppel der Kirche Anime Sante stürzte er st bei einem Nachbeben am Dienstag ein. Praktisch 100 Prozent des kulturellen Erbes von L'Aquila ist ganz oder teilweise zerstört worden. Wo die Kirchen nicht vollends zerstört sind, klaffen riesige Löcher ... oder schmale Risse. Die Kirche von Paganica wurde durch das Erdbeben zerstört. In Onna steht kaum ein Stein mehr auf dem andern. Ein Feuer in der Schubkarre wärmt wenigstens ein bisschen. Wohnungen, total zerstört. Die Anwohner sind erschüttert Das Strassenschild ist das einzige, was in dieser Strasse nach Onna noch steht. Was von seinem Zuhause übrig blieb: Ein Mann sitzt auf den Überresten seines Hauses in Onna. Ein Gebäude hat dem Erdstoss widerstanden, die Nachbarhäuser stürzten ein. Die zerstörte Innenstadt von L'Aquila. Ein Beatles-Cover in den Trümmern. Eine Hundestaffel aus Spanien hilft bei der Suche nach Überlebenden. Fieberhafte Suche nach den Toten oder Verletzten. Mit Baggern oder blossen Händen graben die Helfer nach Verschütteten... und finden leider häufiger tote als lebende. In der Nacht auf Dienstag setzt schwerer Regen ein und erschwert die Rettungsarbeiten. Doch es gibt Erfolgsmomente: Diese beiden Helfer bergen nach 24 Stunden eine junge Frau lebend aus den Trümmern. Auch noch nach 42 Stunden wurden Verschüttete lebend geborgen. Feuerwehrleute retten eine Frau aus dem oberen Stockwerk eines Wohnhauses ... Es ist die 98 Jahre alte Maria, die das Beben unverletzt in ihrem Bett überlebte und häkelte, bis die Retter kamen. Am Tag danach: schiere Verzweiflung beim Gang durch das zerstörte Dorf Onna. Ministerpräsident Silvio Berlusconi bedankt sich am Mittwoch bei freiwilligen Helfern. Die seismographischen Aufzeichnungen des Erdbebens Das Beben war auch in den Marken und in Rom zu spüren. Das Epizentrum lag im Gebiet nördlich von L'Aquila (Abruzzen) in etwa fünf Kilometer Tiefe.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Das Erdbeben sollte sich nach den Berechnungen von Giampaolo Giuliani am 29. März in den Abruzzen ereignen. Giuliani, Forscher an den «Laboratori Nazionali del Gran Sasso», dem grössten unterirdischen Versuchslabor für Elementarteilchenphysik der Welt, schlug vor einem Monat Alarm, nachdem er die Freisetzung eines radioaktiven Gases, das Radon, aus den geologischen Erdrissen in der Region beobachtet hatte.

Giulianis Prophezeiungen Anfang März von einem «verheerenden» Erdbeben trafen nicht ein. Jedoch konnte bei Sulmona, etwa 110 Kilometer südöstlich von L’Aquila, an jenem Tag ein Erdbeben der Stärke 4 auf der Richter-Skala gemessen werden.

Expertenstreit: Erdbeben nicht vorhersehbar

Erdbeben sind nach Einschätzung des Potsdamer Geologen Rainer Kind nicht vorhersehbar. Der Professor am Geoforschungszentrum hält auch die sogenannte Radon-Methode, mit deren Hilfe Giampaolo Giuliani vor einer Woche Erdstösse in dem Gebiet vorhergesagt hatte, für nicht geeignet, konkrete Aussagen über bevorstehende Beben zu treffen.

Giampaolo Giuliani sei ein ernsthafter Wissenschaftler, unterstrich Kind. Aber er habe ein Beben innerhalb des nächsten Tages vorhergesagt, was nicht eingetreten sei. Dass eine Woche später tatsächlich ein schweres Beben folgte, sei Zufall gewesen.

«Schwachköpfe, die Falschmeldungen verbreiten»

Am 31. März, zwei Tage nach dem vermeintlichen Erdbeben, kritisierte Guido Bertolaso, der Leiter des Zivilschutzes, Giulianis Warnung. Er drohte sogar mit einer Strafe gegen «diese Schwachköpfe, die sich damit amüsieren, Falschmeldungen zu verbreiten.»

In der Tat wurde Forscher Giuliani wegen dem Verbreiten eines falschen Alarms angezeigt, schreibt die italienische Zeitung «Corriere della Sera». «Jeder weiss, dass man Erdbeben nicht vorhersagen kann», war Bertolasos Begründung.

Eine Woche später als vorhergesagt traf Giulianis Prophezeiung ein: Am 6. April erschütterte ein Erdbeben der Stärke 5,8 die Abruzzen (20 Minuten Online berichtete).

Ausschnitte einer Direktübertragung aus der Katastrophenregion

Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen

(Quelle: APTN Video)

(kle)