In die Irre geführt

16. Dezember 2009 12:13; Akt: 16.12.2009 19:06 Print

Zu dumm fürs Navi-GerätZu dumm fürs Navi-Gerät

von Annette Hirschberg - Ein Ende im Gelände: Wie am Sonntag ein Deutscher in Chur fahren Autofahrer im blinden Vertrauen in ihr GPS-Gerät auf Felswege, in abschüssige Wälder - oder landen im Fluss. Laut Bundesamt für Strassen sind dies gefährliche Einzelfälle.

Bildstrecke im Grossformat »
Der 21-jährige Deutsche fuhr dank Navi mit seinem Audi tief in den Churer Wald. Die weibliche Stimme im Navi-Gerät führte diesen LKW-Chauffeur im Juli 2007 in Sempach LU auf eine schmale Quartierstrasse, wo er zwischen Laternenpfählen und Bäumen steckenblieb. Zur Befreiung des Lastwagens samt Anhänger musste die Feuerwehr mit Motorsägen Bäume fällen. Nach einer Strassensperre im April 2006 war das englische Dorf Luckington täglich von Lenkern betroffen, die dank Navi in die Furt des Flusses Avon fuhren und stecken blieben. In diesem Bus in Seattle (USA) sass ein komplettes Mädchen-Softballteam, als der Chauffeur, geführt vom Navi, den Bus in den Brückenbogen fuhr. Viele Mädchen mussten ins Spital, niemand wurde aber ernsthaft verletzt. Auf dem Radweg gelandet: Dieser 22 Tonnen schwere Biertransporter fuhr diesen November in Uelzen bei Hamburg auf die falsche Strasse - oder besser gesagt: den falschen Weg. Darauf sank sein Lastzug im weichen Boden neben dem Radweg ein und drohte zu kippen. Im Oktober dieses Jahres verirrte sich der Fahrer dieses LKWs auf einen Feldweg bei Bremerhaven. Der vollbeladene Lastzug versank im Morast und drohte zu kippen. Er musste mit zwei Kränen geborgen werden. Dieser 33-Tönner versuchte in der Steiermark über eine Landbrücke für maximal 3 Tonnen zu fahren - dank Navigerät. Dieser LKW hat die Weinberg-Route eingeschlagen. Unfreiwillig natürlich, dank seinem Navi. Als der 42-Jährige dann plötzlich nur noch Weinberge vor sich sah, stieg er aus und wollte nach dem Weg schauen. Blöd nur, dass er die Handbremse nicht angezogen hatte. Folge: Sein 40 Tonnen schwerer Lastzug rollte gut 15 Meter den Hang hinunter. Die junge Frau in diesem 200 000 Franken teuren Mercedes 500 SL wollte in Leicestershire (UK) dank Navi eine Furt für Landwirtschaftsfahrzeuge überqueren - trotz Hochwasser. Sie selbst konnte sich mit Mühe retten. Der Fahrer dieses 5er-BMWs verirrte sich in West Yorkshire (UK) auf einen steilen felsigen Weg. Er war auf der Suche nach dem Haus seines Freundes, vom GPS geführt, auf diesen rutschigen Abweg geraten. Nur ein Zaun verhinderte, dass der 43-Jährige mit seinem Auto über einen Fels fast 40 Meter in die Tiefe stürzte. Mitten in einer Feriensiedlung in Bayern landete dieser navigeleitete Sattelzug im April 2009. Auf den engen Strassen ins Feriendorf «Am Wurmberg» hatte der Fahrer (25) schon eine Strassenlampe und einen Vorgarten beschädigt. Um den LKW wieder auf den rechten Weg zu bringen, musste unter anderem ein Gartenzaun abgebaut werden. Es entstand ein Sachschaden von 2000 Euro. Der Fahrer dieses Lieferwagens folgte in Lancashire (UK)seinem GPS-System blind ins dichte Buschwerk - bis es nicht mehr weiter ging. Der Lieferwagen gehört zu einer Supermarktkette, die sich rühmt, alle überall zu beliefern. Wollte der Fahrer zeigen, dass er den Werbeslogan ernst nimmt?

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Eigentlich wollte der 21-jährige Deutsche am vergangenen Sonntagabend auf die Lenzerheide zum Boarden. Doch dann kam alles anders: Seinen Audi 80 lenkte er stattdessen zielgerichtet in einen tiefen abschüssigen Wald bei Chur. Dort musste er von der Polizei geborgen werden. Wie es dazu kam? Der Lenker vertraute blind seinem Navigationsgerät, teilte die Polizei mit.

Fähre weg - in den Main geplumpst

Ob ihm eine betörende Computerstimme den Verstand geraubt hat, bleibt sein Geheimnis. Trösten kann er sich vielleicht damit: Er ist längst nicht der Einzige, der sein Schicksal einer fremden Stimme anvertraut, anstatt einen genauen Blick auf den Weg zu werfen.

Einen feuchten Abend erlebten vor einer Woche fünf junge Männer aus dem deutschen Offenbach. Der Fahrer des Kleinwagens fuhr mit seinen vier Kumpels auf einen Fähranleger und von dort direkt in den Main. Die Polizei teilte mit, er habe sich voll auf sein Navigationssystem verlassen – dass er auf die Ankunft der Fähre hätte warten müssen, richtete ihm die Computerstimme dann aber nicht mehr aus.

Auf den falschen Pfad liess sich der Fahrer eines Biertransporters Mitte November im deutschen Uelzen bei Hamburg leiten. Sein Navi-Gerät lotste ihn auf den Radweg. Die Strasse neben dem Veloweg liess er links liegen. Der mit 22 Tonnen beladene LKW sackte ein und drohte umzukippen.

Auf Schlittelpiste geraten

In West Yorkshire fuhr diesen März ein 43-jähriger Brite mit seinem 5er-BMW auf einem felsigen Fussweg. Der gedankenlose Fahrer war auf der Suche nach dem Haus eines Freundes und liess sich von seinem Navi auf dem steilen, rutschigen Pfad bis an den Rand eines 40 Meter hohen Felsens führen. Nur dank einem Zaun stürzte er nicht in den Abgrund. Anfang März 2008 blieb in der Schweiz ein deutscher Lieferwagenlenker auf der Nordseite des Albulapasses in der Schlittelpiste stecken. Im Vertrauen auf sein Navi war er trotz Hinweis- und Verbotstafeln Richtung gesperrten Pass gefahren, bis er nicht mehr weiterkam.

Mitten auf der Autobahn gewendet

«Bitte wenden, bitte wenden.» Dieser Anweisung aus dem GPS-Gerät gehorchte ein italienischer Autofahrer im Februar 2007 ohne Rücksicht auf Verluste, nachdem er auf die falsche Autobahn gefahren war. Bei Zizers wendete er sein Auto umgehend und wurde so zum Geisterfahrer. Danach kam es zu mehreren Ausweichmanövern, jedoch zu keiner Kollision. Nach kurzer Fahrt konnte der Geisterfahrer gestoppt werden.

Weshalb sich die fremdgesteuerten Autolenker zu solchen Manövern verleiten lassen, ist schwer zu beurteilen. Laut Thomas Rohrbach, Mediensprecher des Bundesamts für Strassen, verlieren einige Lenker im Vertrauen auf das Navigationsgerät schlicht den Blick für die reale Situation auf den Strassen. Immerhin: «99 Prozent der Benutzer wissen, dass die Verkehrsregeln das letzte Wort haben und nicht die Stimme aus dem Navi. Solche Fälle sind Einzelfälle», so Rohrbach.

Ihre Erfahrungen

Was haben Sie schon so erlebt mit Ihrem Navi-Gerät? Wurden Sie auch einmal völlig in die Irre geleitet? Sind Sie statt am Bestimmungsort in the middle of nowhere rausgekommen? Oder hat Sie das Navi im Kreis geschickt? Schreiben Sie Ihre Erfahrung im Talkback!

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

  • Alibaba Routiers am 20.12.2009 16:21 Report Diesen Beitrag melden

    Lenk - Denk

    Ohne denk kein lenk! Müsste auch jedem Non-CH klar sein!

  • Pit Rorschach am 17.12.2009 15:09 Report Diesen Beitrag melden

    In unbekannten Orten

    Klar, mich hat mein GPS auch schon veräpelt. Ich suchte eine Strasse in Ascona - GPS fand sie auch - leider von der falschen Seite. Es war eine Einbahnstrasse :-( Nun, ich stellte mein Auto ab und ging zu Fuss da rein. GPS darf man keinesfalls blind vertrauen. Das kann unweigerlich Ärger bedeuten.

  • Andreas Kyriacou am 17.12.2009 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Beliebte Ausrede auch zum Falschfahren..

    Am Limmatquai in der Zürcher Innenstadt hat's regelmässig Vollpfosten, die in verkehrter Richtung daherkommen (die Strasse ist für Motorfahrzeuge nur noch für Zubringerdienste geöffnet und nur in einer Fahrtrichtung). «Das Navi hat's nicht angezeigt» ist die wohl beliebteste Ausrede. Sobald man die Nummernschilder fotografiert, glauben die Fahrer übrigens ausnahmslos alle, dass sie eben doch wenden müssen...