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Wegen Behindertenplakaten

«Übergriffe sind vorprogrammiert»

Die gutgemeinte Kampagne der IV kommt den Betroffenen in den falschen Hals. In zahlreichen Kommentaren in Internetforen und auf 20 Minuten Online haben Menschen mit Behinderung ihrem Ärger Luft gemacht. Der IV-Chef würde jedoch wieder so eine Kampagne machen.


Info-Box
Chef der IV würde es wieder tun

Der verantwortliche IV-Chef Alard du Bois-Reymond hat sich zwar gestern bei Behinderten, die sich durch die Kampagne verletzt fühlten, entschuldigt. Gegenüber 20 Minuten sagte er aber, beleidigt seien eher die Verbandsfunktionäre als die Behinderten selber. Und: «Ich würde es nochmal gleich machen.» Kaspar Loeb, CEO der verantwortlichen Werbeagentur Saatchi&Saatchi, ist «sehr zufrieden» mit der Wirkung der Kampagne: «Zum ersten Mal findet über diese Vorurteile eine richtige Debatte statt.» (loo)

Die IV hat mit ihrer Teaser-Kampagne einen Tabubruch gewagt. Seit Montag hängen in der ganzen Schweiz Plakate mit behindertenfeindlichen Sprüchen (20 Minuten Online berichtete). Bei 20 Minuten Online haben sich zahlreiche Leser gemeldet, die selbst von einer Behinderung betroffen sind. Auch das Forum myHandicap für Menschen mit Behinderung läuft heiss.

«Ich bin selber behindert und diese Plakate haben mich zutiefst verletzt», schreibt Melanie F. an 20 Minuten Online. Damit steht sie nicht allein da. P.G. ist gehörlos und berufstätig. Die Sprüche auf den Plakaten trafen sie wie ein Faustschlag: «Eine Beleidigung für die echten Behinderten! (...) ich selber beziehe keine IV-Rente. Ich bekomme nur Geld von der IV, wenn ich wichtige Hilfsmittel brauche.»

«Schockierend und der Schweiz unwürdig»

Vreni K. ist chronisch krank und dadurch invalid. Sie sieht Parallelen zur Vergangenheit: «Selbst wenn eine Auflösung folgen sollte - diese Aussagen erinnern an die früheren Plakate gegen Scheininvalide», schreibt sie an 20 Minuten Online. Aber auch Menschen ohne Behinderung drücken ihre Bestürzung aus: «Diese Plakate sind schockierend und der Schweiz unwürdig», kommentiert 20 Minuten-Online-User Philip L. die Kampagne der IV. Eine andere Leserin findet sogar: «Wenn man so etwas liest, will man sich als Schweizerin nur noch unterirdisch mit einem Sack über dem Kopf bewegen.»

Auch auf MyHandicap, einem der grössten Internetforen für Menschen mit Behinderung, wird die Kampagne rege diskutiert. Auffallend ist vor allem, dass viele User, die selbst mit einer Behinderung leben, von Feindseligkeiten gegenüber ihrer Behinderung berichten. Einige fürchten nun die negativen Auswirkungen der Kampagne: «Im Kopf von einigen Menschen wird doch nur die erste Aussage haften bleiben, egal wie die Auflösung der Kampagne aussieht - Übergriffe sind vorprogrammiert», befürchtet ein User. Pauli88 gibt ihm recht: «Was mir Sorgen macht, ist, dass es Leute geben wird, die, noch lange nachdem die Plakate verschwunden sind, ihre schlechte Laune an Behinderten auslassen.» Die Plakataktion der IV werde am Status quo nicht viel verändern, findet hingegen Sendrine: «Ich habe in den letzten Jahren vermehrt Behindertenfeindlichkeit erlebt. Und das ohne Plakataktion.»

Aufruf zum Widerstand

Egal aus welchen Gründen solche Sprüche in die Öffentlichkeit getragen würden, die Menschen könnten ohnehin nicht richtig zuhören, findet KarinM: «Sie merken sich nur das, was sie sich merken wollen.» Einige lassen sich die Diffamierungen nicht länger gefallen und rufen zum Widerstand auf: «Zusammen können wir was erreichen! Mailt an Bundesrat Burkhalter!» Andere wollen eine Klage gegen die IV einreichen. «Wer mitmachen will, soll sich in ein paar Tagen anschliessen. Details folgen!», schreibt P. Müller im Talkback zum Artikel auf 20 Minuten Online.

(kbr)
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Lieber Herr Bundesrat Burkhalter, lieber
Die Delegierten der Vereinigung Cerebral Schweiz, dem Dachverband von Eltern und Betroffenen mit cerebral bedingten Beeinträchtigungen, zeigten sich an ihrer Jahresversammlung mehr als konsterniert über die populistische Kampagne und deren verfehlte Auflösung, in welcher die Negativ-Aussage weiterhin gut lesbar bleibe, sodass die diskriminierende Grundaussage mehr zementiert als dementiert werde. Die Ankündigung des BSV, dass dies erst der Beginn der Sensibilisierungs¬kampagne war, wirft nun die bange Frage auf, was auf die Betroffenen noch zukommen mag. Gleichwohl gab sich Cerebral Schweiz ve
von: paul.kallweit   am: 10.11.2009 15:37

Ist doch Diskriminierend!
Ich hatte vor 12 Jahren einen schweren Arbeitsunfall mit mehrfachem Beckenbruch und Bruch der Hüftpfanne, Das ist heute noch extrem schmerzend. Damals hat die IV mein Gesuch auf Umschulung abgelehnt, eine IV selbst ebenso (ja, ich bin Schweizer!) und heute kommt sowas! Schon seltsam dass solche überhebliche Menchen andere problemlos diskriminieren dürfen obwohl es Gesetze dagegen gäbe! Aber es ist halt schon so: Kein Rabe hackt dem anderen ein Auge aus, dafür sind ja die Behinderten da!
von: Jonnyswiss   am: 10.11.2009 15:35

Na danke vielmals...
Ich weiss, diese Kampagne war eigentlich für Menschen mit Behinderungen gedacht, aber es verletzte mich - als körperlich Behinderte - letzte Woche jedoch wirklich tief, dass man solche Plakate wie "Behinderte sind dauernd krank" in der Öffentlichkeit aufstellt!! Auch wenn der Herr Bois-Reymond sich dafür entschuldigte, war diese Kampagne dennoch sicherlich für einige Behinderte grausam verletzend und ich fühlte mich ehrlich gesagt noch mehr von der "Normalenwelt" abgeschnitten als sonst schon! Was das Schlimmste an der Sache ist, dass der Herr Bois-Reymond das nochmal wiederholen würde!!!
von: Karin   am: 08.11.2009 00:29

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