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Interview zur ALV
07. September 2010 23:00; Akt: 01.11.2010 11:59 Print
«Junge müssen nicht jeden Job annehmen»
von Elisabeth Rizzi und Gaudenz Looser - Bundespräsidentin Doris Leuthard nimmt Stellung zur ALV-Revision und zur Frage der Beitrags-Gerechtigkeit zwischen Armen und Reichen bei den Sozialwerken.

Reiner Frauenbundesrat? «Wir haben jahrzehntelang mit einem reinen Männerbundesrat gelebt. Jetzt sind drei Frauen in der Regierung und vielleicht künftig noch mehr.» (Reuters)
Frau Bundespräsidentin, arbeitslose junge Leute sollen künftig jeden Job annehmen. Lohnt es sich so überhaupt noch, eine Lehre zu machen?
Doris Leuthard: Selbstverständlich. Der Schweiz mangelt es an Fachkräften. Wer eine Lehre gemacht hat oder als Werkstudent gearbeitet hat, wird zudem auch in Zukunft gleich rasch unterstützt wie heute. Und was die Zumutbarkeit betrifft: Da wird man zwar etwas strenger, die Jungen müssen aber auch in Zukunft nicht jeden Job annehmen. Stellen, die mit dem Alter unvereinbar sind, oder mit einer starken Lohneinbusse oder einem sehr langen Arbeitsweg verbunden wären, können nicht aufgezwungen werden.
Am 26. September stimmt das Volk über die Revision der Arbeitslosenversicherung (ALV) ab. Die mit 7 Mia. Franken verschuldete Kasse soll mit Einsparungen und höheren Lohnbeiträgen saniert werden. Die Lohnbeiträge sollen um 0,2% auf 2,2% steigen. Zudem wird ein Solidaritätsprozent für hohe Einkommen eingeführt. Gespart wird vor allem durch eine Anpassung der Taggeld-Bezugsdauer an die Beitragszeit. Junge sollen zudem nur noch 200 Tage ALV-Leistungen bekommen. Und für besser Verdienende gibt es neu längere Taggeld-Wartefristen. Gewerkschaften und Städte haben das Referendum ergriffen. Bei einem Nein zur Revision hat der Bund bereits angekündigt, die Lohnbeiträge auf 2,5% zu erhöhen. 142 879 Personen waren Ende August arbeitslos gemeldet. Damit sind derzeit 3,6 Prozent der Erwerbsfähigen ohne Stelle.
Als Grossverdienerin bezahlen Sie im Verhältnis viel weniger an die ALV als ein Kellner oder Schreiner. Wie erklären Sie das den Büezern?
Die Solidarität spielt sehr wohl: Gutverdienende müssen künftig wie alle anderen auf Einkommen bis
Könnte die ALV nicht auch saniert werden, wenn Brady Dougan mit einem Einkommen von 90 Millionen Franken einfach auch 2 Prozent Beiträge bezahlen müsste?
Mit einer Beitragspflicht auf den ganzen Lohn würden die Mehreinnahmen im Vergleich zur Revision nur um 380 Millionen Franken erhöht. Das reicht nicht, um das Finanzierungsproblem der ALV zu lösen und für die Zukunft abzusichern. Dazu braucht es die Revision: Sie ist für die Versicherten die beste Gewähr, weiterhin gute und sichere Leistungen zu erhalten.
Arbeitslose mit tiefem Einkommen müssten künftig 10 statt
5 Tage auf ihr Taggeld warten. Das macht schnell fast 1000 Franken weniger im ersten Monat. Ist das fair?
Aufgepasst! Mit der Revision wird die Wartezeit zwar verlängert, das gilt aber nur für Einkommen ab
sich nichts.
Ihre Rolle als Bundespräsidentin scheint Ihnen gut zu bekommen. Sind Sie für einen verlängerten Turnus?
Es geht nicht um mich. Ein zweijähriges Präsidium ist aber im Landesinteresse, davon bin ich überzeugt. Im ersten Halbjahr der präsidialen Amtszeit konnte ich in Europa und mit wichtigen Partnern der Schweiz das Netz enger knüpfen. Jetzt kann ich damit arbeiten.
Wäre für Sie ein reiner Frauenbundesrat undenkbar?
Wir haben jahrzehntelang mit einem reinen Männerbundesrat gelebt, jetzt sind drei Frauen in der Regierung vertreten und vielleicht sind es künftig noch mehr. Diese Diskussion sollten wir langsam hinter uns haben: Wichtig sind fähige Persönlichkeiten im Bundesrat.
Sie werden heute mit dem deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff unter anderem den Fluglärmstreit diskutieren. Wie verleihen Sie unserer Position Nachdruck?
Ohne in die Details zu gehen, ist klar: Der Flughafen Zürich ist sowohl für die Schweiz als auch für die süddeutsche Wirtschaft ein wichtiger Standortfaktor. Eine Lösung der offenen Fragen liegt somit im Interesse beider Seiten. Die im November 2009 veröffentlichte Analyse zur Lärmbelastung, die von beiden Seiten anerkannt wird, zeigt, dass Schweizer Anwohner wesentlich stärker belastet sind als deutsche. Sie ist eine gute Basis zur Ausarbeitung einer Lösung.



























