Kundgebung gegen Islamhetze

10. Dezember 2009 17:26; Akt: 11.12.2009 13:54 Print

«Wo waren diese Leute, als man das Minarett verbot?»«Wo waren diese Leute, als man das Minarett verbot?»

Am Sonntag soll eine «Grossdemo gegen die Islamhetze» auf dem Berner Bundesplatz stattfinden: Die muslimischen Dachverbände wussten aber weder von der Demo noch wissen sie, wer der ominöse Organisator ist.

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Klar ist nur: Die Einladung des umstrittenen Predigers Pierre Vogel bringt Ärger, den die Muslime nicht wollten.

Plant eine Gemeinschaft einen Gebetsraum, erfährt er es als Erster. Suchen die Medien eine Ansprechperson, ist er der Erste. Hisham Maizar weiss wohl selbst bescheid, wenn ein Muslime im Bündnerland hustet. Über die geplante Demo gegen die Islamhetze am Samstag in Bern weiss der Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids) aber nichts.

«Undienliche Provokation»

«Ich habe über die Medien von dieser Kundgebung erfahren», sagt Hisham Maizar gegenüber 20 Minuten Online. Seit Donnerstagmorgen klingelt sein Telefon nun aber ununterbrochen; alle wollen wissen: Wer ist dieser Islam-Zentral-Rat Schweiz? Und wieso laden sie den umstrittenen Konvertiten Pierre Vogel ein? Antworten hat Maizar nicht, er weiss nicht, wer dahinter steht. Auch er fragt sich, «was diese undienliche Provokation mit diesem Redner soll?»

Dieser Redner ist Pierre Vogel. Ein – selbst unter konservativen Muslimen – umstrittener deutscher Prediger. Der ehemalige Profi-Boxer konvertierte 2001 zum Islam, ging nach Mekka und kam als Prediger zurück. Seither wird er durch die Medien gereicht und gilt als «Islamprediger 2.0». Seine emotionale Art der Predigt, seine Virtuosität mit den neuen Medien und vor allem seine konservative Haltung haben ihm einen Bekanntheitsgrad weit über die deutsche Grenze hinweg eingebracht. Er gilt als homophob, als Befürworter des Schleiers und würde am liebsten die ganze Welt zum Islam konvertieren lassen, wie es in zahlreichen Artikeln über ihn heisst. Dieser Mix brachte ihm den Ruf als Hassprediger ein und bescherte ihm die zweifelhafte Ehre eines eigenen Eintrags auf Wikipedia.

«Wir brauchen keine importierten Prediger aus Deutschland»

Sein Auftritt bei der ominösen Kundgebung auf dem Bundesplatz beschert ihm nun auch in der Schweiz einen medialen Auftritt der Sonderklasse. «Er kann sich so noch mehr profilieren», sagt Maizar. Für ihn ist die Demo deshalb unbedacht und provokant. «Man kann für die Rechte der Muslime einstehen – aber dafür brauchen wir keine Importe aus Deutschland, die nicht unsere Werte vertreten.»

Schwarz-Weiss-Maler wie Vogel seien Populisten und lebten vom Aufschrei. «Sie nutzen die Situation hier in der Schweiz, um mit ihrem Gedankengut zu expandieren», sagt Maizar. Er weiss nicht, was Vogel sagen wird oder worüber er sprechen wird – er kennt Vogel nicht mal. Maizar ist aber überzeugt: «Wir brauchen keinen Vogel, der für unsere Rechte einsteht oder unsere Probleme löst.»

Die Aktion des Islam-Zentral-Rates ärgert ihn deshalb: «Wo waren diese Leute, als das Minarett-Verbot diskutiert wurde? Wo waren sie während der Kampagnen gegen den Islam?», fragt er. Tatsächlich: Während der gesamten Debatte um die Anti-Minarett-Initiative war vom Rat nichts zu hören und nichts zu sehen. Plötzlich taucht er auf und will eine Demo gegen die Islamhetze abhalten.

Wieso? Diese Frage hätte 20 Minuten Online gerne den Organisatoren gestellt. Doch der auf der Facebook-Seite eingetragene Hauptorganisator sagt, er habe nichts damit zu tun. «Ich habe nur die Gruppe eröffnet», mehr wollte der 18-jährige nicht sagen. Der zweite wollte am Telefon gar nichts sagen. Er spreche nur persönlich mit Medien. Immerhin hat er für Freitag ein Gespräch in Aussicht gestellt. Von der Vereinigung selbst fehlte bisher jede Spur: Die Homepage des Rates ist neu, ausser den Statuen sind darauf bisher keine weiteren Informationen zu finden.

Freysinger: «Die Muslime arbeiten ja für uns»

Statt sich für die Rechte der Muslime in der Schweiz einzusetzen, haben sie den Muslimen einen Bärendienst erwiesen: Die Einladung von Pierre Vogel hat schon die Haudegen der SVP auf den Plan gerufen, die sich bestätigt fühlen. «Während der ganzen Kampagne zur Minarett-Initiative hat man uns erklärt, es gebe keine extremistischen Islamisten in der Schweiz und jetzt wird eine Person wie Pierre Vogel als Redner bei einer Grossdemo eingeladen. Wenn er wirklich all das ist, was heute eine Zeitung über ihn schreibt, dann verstehe ich die Schweizer Muslime nicht mehr», sagte SVP-Nationalrat Oskar FreysingerDas ParlamentOskar Freysinger
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gegenüber Tages-Anzeiger.ch. «Die arbeiten ja in gewisser Weise auch für uns.»

Gewonnen haben damit fast alle: Vogel an Publizität für sein Gedankengut, die SVP an Kraft in ihrem Kampf gegen «die schleichende Islamisierung». Nur die Schweizer Muslime – die Tragen einen Schaden davon, «denn diese Aktion ist schlicht und einfach schädlich - absolut schädlich», wie Maizar sagt. Verbieten kann und will die Fids niemandem, dorthin zu gehen. «Wenn jemand wirklich so interessiert ist, soll er gehen – aber ich empfehle es unter diesen Bedingungen nicht.»

(amc)