Lawinenopfer

28. Februar 2009 09:35; Akt: 28.02.2009 09:35 Print

Lebendig begraben im eisigen SargLebendig begraben im eisigen Sarg

von Katharina Bracher - «Vati, e Lawine!» Als seine Tochter schrie, war Hans W. eigentlich schon tot. 23 Stunden später wurde er auf wundersame Weise aus der Schneemasse gerettet. Aufzeichnungen über zwei der spektakulärsten Lawinenbergungen in den vergangenen Jahrzehnten.

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Schon 13 Schneesportler sind diesen Winter in Lawinen getötet worden. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) spricht von einer «überdurchschnittlich hohen Zahl». Mit den steigenden Temperaturen am Wochenende steigt auch die Lawinengefahr bis auf die zweithöchste Stufe. Der weisse Tod liegt weiter auf der Lauer. Entrinnen kann ihm – einmal erfasst – keiner. Fast keiner.

Vor rund einem Monat überlebte ein 50-jähriger Mann einen Lawinenniedergang im Tessin. Zehn Stunden war er in den Schneemassen eingeschlossen, ehe er von einem Lawinenhund aufgespürt wurde. Die Meldung vom Mann mit dem Schutzengel machte die Runde. Auch Experten sprachen von einer «wundersamen Rettung», wie sie vielleicht alle paar Jahrzehnte vorkommt. Zwei Protokolle der wundersamsten Lawinenbergungen des SLF Davos liegen nun 20 Minuten Online vor. Die beklemmenden Geschichten zweier lebendig Begrabenen.

Kopf talwärts, auf dem Rücken liegend

Er wollte einmal in seinem Leben einen Winter in Einsamkeit erleben - doch fast wäre es sein Letzter geworden: Der junge K.N. zog sich im Winter des Jahres 1986/87 ins Calfeisental im Kanton Glarus zurück, in eine Hütte auf 1350 Meter über Meer. Eine Telefonverbindung und ein Radioapparat sollten ihm als Verbindung genügen. Nur einige Male stieg K.N. ins acht Kilometer entfernte Vättis hinab, um frische Nahrungsmittel einzukaufen. So auch am Nachmittag des 17. März 1987. Ein sonniger Tag, ab und zu schneite es. K.N. wählte den Weg in der Nähe der Staumauer des Gigerwaldsees. Als er den Steilhang vor der Mauer durchquerte, passierte es: Eine Schneelawine löste sich etwa 50 Meter über seinem Standort und riss ihn in Sekundenschnelle hinunter auf den zugefrorenen Stausee. Dort verschütteten ihn die Schneemassen. Kopf talwärts, auf dem Rücken liegend und die Windjacke bis in den Nacken hoch geschoben lag K.N. nur mit Hemd und Hose bekleidet unter dem Schnee. Nur seine rechte Hand ragte aus dem Lawinenkegel.

Atemnot und Eiseskälte

Unter der bleischweren Last der nassen Schneemassen stellte sich fast sofort peinigende Atemnot ein. K.N. versuchte unter grösster Kraftanstrengung den aus dem Schnee ragenden Arm zu bewegen. Seine aufkeimende Panik wurde zusätzlich genährt durch Geräusche der berstenden Decke des zugefrorenen Sees unter ihm. Nach einigen Minuten hatte K.N. es geschafft, entlang seines herausragenden Armes eine geringe Luftzufuhr herzustellen. Als er einen klaren Gedanken fassen konnte, dämmerte es dem jungen Einsiedler: Im Tal wusste eine Bekannte von seiner Absicht, in Dorf runter zu steigen. Doch die würde ihn nicht vor dem Abend vermissen. K.N. versuchte, ruhig zu bleiben und die Lage seines Körpers im Schnee möglichst zu verbessern. Das gelang - zunächst.

Panik, Apathie, Ermattung

Unten im Tal alarmierte die Bekannte von K.N. um 21 Uhr den Rettungschef. Dieser beschloss, erst einmal die Nacht abzuwarten: In der Dunkelheit zur Staumauer hochzuklettern, hielt er für zu riskant. Auch der Rega war die Mission zu diesem Zeitpunkt zu gefährlich. Eine sternenklare, kalte Nacht brach an. Der Verschüttete hatte in den letzten Stunden vergeblich versucht, mit seiner freien Hand einen Weg zu seinem Gesicht zu graben. Zur beginnenden Gefühllosigkeit seiner Glieder kam die Panik hinzu, das kleine Loch vor seinem Gesicht könnte durch nachrutschenden Schnee verschüttet werden. K.N. versank abwechselnd in Apathie und Ermattung, dann wieder schüttelte seinen Körper heftiges Kältezittern. Er bereitete sich auf sein Ende vor, während er durch das kleine Loch den Mond betrachtete. Ab und zu schneite es leicht.

16 Stunden blieb K.N. unter dem Schnee liegen. Dann nahte die Rettung. Bei seiner Entdeckung durch die Rettungskräfte half, dass er ab Tagesanbruch mit der herausragenden Hand ohne Unterlass winkte, um auf sich aufmerksam zu machen. Wie durch ein Wunder erlitt K.N. keine Erfrierungen. Einige Jahre später hatten auch die Taubheitsgefühle in Armen und Beinen endlich nachgelassen.

Lesen Sie hier Teil 2, der spektakulärsten Lawinenbergungen in den vergangenen Jahrzehnten: «Vati, e Lawine!» Als seine Tochter schrie, war Hans W. eigentlich schon tot. 23 Stunden später wurde er auf wundersame Weise aus der Schneemasse gerettet.