04. April 2008 12:39; Akt: 04.04.2008 14:42 Print

Bahnstreik mobilisiert die «Kolonie»Bahnstreik mobilisiert die «Kolonie»

von Peter Blunschi - Hinter den marschierenden SBB-Arbeitern kommt es im ganzen Kanton Tessin zum politischen Schulterschluss. Ist man gleichberechtigter Kanton oder koloniales Stiefkind der Deutschschweiz? Der SBB-Abbau wird zur föderalen Schlüsselfrage.

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Die Tessiner Regierung nimmt am 2. April in corpore an der Grosskundgebung in Bellinzona teil. Bundesrat Moritz Leuenberger am 27. März 2008 in Bern. Für ihn sind die Bemühungen für einen "runden Tisch" im Arbeitskonflikt bei SBB Cargo in Bellinzona endgültig gescheitert. Die Belegschaft der SBB-Werkstaetten in Bellinzona stimmt auch am Freitag, 28. März 2008, für eine Weiterführung des Streiks. Der Bürgermeister von Bellinzona, Brenno Martignoni, rechts, und Streikführer Gianni Frizzo sprechen an der Belegschaftsversammlung in den SBB-Werkstätten in Bellinzona, am Freitag, 28. März 2008. Andreas Meyer, CEO SBB, am Donnerstagnachmittag, 27. März 2008. Der Bischof von Lugano während der heiligen Messe an Ostermontag. Alt Nationalrat Franz Steinegger schliesst eine Vermittlungsrolle im SBB-Cargo-Streik nicht aus. Bellinzona am 17. März 2008: SBB-Angestellte beschliessen weiterzustreiken. (Bild: Yvonne Leonardi) Bellinzona am 17. März 2008: Frizzo am Diskutieren. (Bild: Yvonne Leonardi) Bellinzona am 17. März 2008: Frizzo am Mikrofon. (Bild: Yvonne Leonardi) Bellinzona am 17. März 2008: SBB-Angestellte beschliessen weiterzustreiken. (Bild: Yvonne Leonardi) Bellinzona am 17. März 2008: SBB-Angestellte beschliessen weiterzustreiken. (Bild: Yvonne Leonardi) Bellinzona am 17. März 2008: SBB-Angestellte beschliessen weiterzustreiken. (Bild: Yvonne Leonardi) Bellinzona am 17. März 2008: SBB-Angestellte beschliessen weiterzustreiken. (Bild: Yvonne Leonardi) Am 13. März zeigten rund 400 Studenten an einem Protestzug ihre Solidarität mit den Streikenden in Bellinzona. (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) Alfredo Keller, der Ex-Direktor der SBB-Werkstätte Bellinzona, spricht zur streikenden Belegschaft. (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) Da Streiken hungrig macht, wurde im Werk eine veritable Grossküche eingerichtet. (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) Am Montag zogen die streikenden Bähnler vors Tessiner Parlament. (Bild: Yvonne Leonardi) Sie appellierten an die Kantonsräte und forderten die Unterstützung des Kantons. (Bild: Yvonne Leonardi) Streikführer Gianni Frizzo forderte die Grossräte auf, für den Erhalt aller Arbeitsplätze zu kämpfen. (Bild: Yvonne Leonardi) Dem Management von SBB Cargo warf Frizzo in seiner flammenden Rede «kriminelle Unfähigkeit» vor. Und der Bund müsse eine Untersuchungskommission wegen des «Finanzdesasters» ins Leben rufen. (Bild: Yvonne Leonardi) Frizzo erntete mit seiner Rede eine Standing Ovation durch die Grossräte. (Bild: Yvonne Leonardi) Applaus erhielt er auch von seinen Arbeitskollegen, die sich im Parlament eingefunden hatten. (Bild: Yvonne Leonardi) Szenen von der samstäglichen Demo in Bellinzona. (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi) Arbeiter schweissten aus Protest ein Bahngleis zusammen. (Bild: Yvonne Leonardi) (Bild: Yvonne Leonardi)

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Bald einen Monat wird in der SBB-Werkstätte in Bellinzona gestreikt. Jene (Deutschschweizer) Stimmen, die ein schnelles Ende des Konflikts voraussagten, sind verstummt. Der Kampfwille ist ungebrochen, bei den Arbeitern und im ganzen Kanton. 10 000 Personen demonstrierten am Mittwoch in Bellinzona gegen die SBB und für den Erhalt der Arbeitsplätze. Die fünfköpfige Tessiner Regierung nahm in corpore teil – eine Premiere in der Geschichte des Kantons. Die Volksinitiative für den Erhalt der Werkstätte dürfte in Rekordzeit zustande kommen, am ersten Tag waren bereits 6000 der 7000 nötigen Unterschriften beisammen.

Der wortgewaltige Streikführer Gianni Frizzo durfte zu Beginn der Märzsession im Tessiner Grossen Rat sprechen, als erste Privatperson in der 205-jährigen Kantonsgeschichte. Einstimmig verabschiedete das Parlament darauf eine Resolution zugunsten der Arbeiter und überwies ihnen das Sitzungsgeld. Der Luganeser Bischof Pier Giacomo Grampa las die Ostermesse in der Werkstätte. Und nicht nur Lega-Chef Giuliano Bignasca denkt laut über eine Gotthard-Blockade nach, auch andere Politiker fordern Kampfmassnahmen. Für einmal ist es mehr als eine Floskel: Ein ganzer Kanton solidarisiert sich mit den Streikenden.

Tessin wurde «kolonialisiert»

Nördlich des Gotthards verfolgt man diese Entwicklung erstaunt bis verständnislos. Für den Lausanner Historiker Hans Ulrich Jost kommt diese Entwicklung jedoch nicht überraschend: «Das Tessin ist das Stiefkind der Schweiz», sagte er gegenüber 20minuten.ch. Während Jahrhunderten sei es Untertanenland der Eidgenossenschaft gewesen, und noch dazu «eines der am schlechtesten geführten». Durch Napoleon wurde das Tessin frei, doch auch in der Folge habe es als Kanton – eingeklemmt zwischen der dynamischen Deutschschweiz und der Lombardei – Mühe gehabt, sich zu emanzipieren, so Jost.

Das Tessin sei «kolonialisiert» worden, sagte der Historiker. Die Kantonsverfassung wurde von einem Zürcher geschrieben, und eingewanderte Deutschschweizer hätten mit eigenen Listen an Wahlen teilgenommen – «wo sonst in der Schweiz wäre so etwas möglich?» Hinzu komme, dass der Kanton nie eine bedeutende Einrichtung des Bundes bekommen habe, trotz gegenteiligen Versprechungen. Zwar sei nun das Bundesstrafgericht in Bellinzona angesiedelt worden, «aber das ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein».

SBB gehören zum «genetischen Erbgut»

Einen Einblick in die Ressentiments gibt ein «offener Brief», den Peter Schiesser, Chefredaktor der Migros-Wochenzeitung «Azione», an die «lieben Miteidgenossinnen und Miteidgenossen» gerichtet hat. Diese sollten nicht den Fehler machen zu glauben, bei den Protesten handle es sich «um eine Reaktion der Lateiner, wie sie für eure lieben und etwas exotischen Tessiner halt typisch sei». Das Wesen der Schweiz, der Föderalismus, stehe auf dem Spiel, schreibt Schiesser und erinnert an die Swissair, für deren Erhalt in der ganzen Schweiz Hilfe verlangt wurde, um Tausende von Arbeitsplätzen in der Region Zürich zu retten. «Weshalb haben wir Tessiner nicht dasselbe verdient?»

Auch Hans Ulrich Jost betont, der Stellenabbau werde als «Zeichen mangelnder Solidarität mit Randregionen» wahrgenommen. Das Tessin sei wirtschaftlich nicht privilegiert gewesen, erst durch die Gotthardbahn und den Unterhalt sei «eine starke Grundlage für die Emanzipation der Wirtschaft» gelegt worden. Diese Symbolkraft wirkt bis heute. Der Tessiner Historiker Raffaello Ceschi sagte gegenüber der «Neuen Luzerner Zeitung», die Menschen fühlten sehr stark, dass sie «etwas Wichtiges verlieren. Etwas, das ihnen Identität gestiftet hat.» Und FDP-Ständerat Dick Marty betonte in der «SonntagsZeitung»: «Die SBB und das Werk in Bellinzona gehören zum genetischen Erbgut des Tessins.»

Da spielt es auch keine Rolle, dass die Bahn im Alltag keine grosse Rolle spielt. In keinem Kanton pendeln mehr Leute mit dem Auto zur Arbeit, der öffentliche Verkehr hat es schwer. Das Gefühl, einmal mehr durch den Norden benachteiligt zu werden, ist stärker. Dick Marty verweist darauf, dass die SBB, die frühere PTT und die Armee dazu beitrugen, dass sich das Tessin der Restschweiz zugehörig fühlte. «Leider wurden nirgendwo so systematisch Bundesstellen abgebaut wie im Tessin. Das führt zum aktuellen Drama.»

Schwieriges Verhältnis zu Italien

Nicht einfacher wird die Sache durch das schwierige Verhältnis zum grossen Nachbarn. Kulturell fühlt man sich Italien zugehörig, gleichzeitig aber bestehen Abwehrreflexe. Sie äussern sich etwa darin, dass die Tessiner bei Abstimmungen zu EU-Themen stets deutlich Nein sagen. «Europa heisst für sie Italien», sagte Hans Ulrich Jost zu 20minuten.ch. Es bestehe die aus seiner Sicht «irrationale» Angst, von billigen Arbeitskräften überflutet und von Norditalien «verschluckt» zu werden.

Ein Kanton fühlt sich in die Zange genommen. In diesem Umfeld haben es rationale und betriebswirtschaftliche Argumente schwer. Selbst die Rivalität zwischen dem nördlichen und südlichen Kantonsteil, Sopra- und Sottoceneri, tritt in den Hintergrund. Druck von aussen erzeugt Zusammenhalt, stellte schon die Nachrichtenagentur SDA in einem Artikel zum 200-Jahr-Jubiläum der Befreiung von den eidgenössischen Vögten 1998 fest: «Wenn es darum geht, gegen Bern anzukämpfen, überspringt man Gräben.» Und: «Bei Protesten gegen Personalabbau in Bundesbetrieben sind Tessiner Politiker einig wie sonst nie.»