Unterschriftensammlungen

15. Januar 2009 12:32; Akt: 15.01.2009 13:31 Print

Facebook bringt Bundesrat ins SchwitzenFacebook bringt Bundesrat ins Schwitzen

von Adrian Müller - Nur wegen Facebook-Unterschriften ist das Referendum gegen die Personenfreizügigkeit zu Stande gekommen. Dieser Trend schreckt die Landesregierung auf: Sie prüft, die Hürden für Referenden und Initiative zu erhöhen.

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Facebook-Alarm im Bundesrat: Weil immer mehr Unterschriften für Initiativen und Referenden mit Hilfe von Facebook & Co. gesammelt werden, geraten die seit Jahrzehnten geltenden Unterschriftenzahlen (50 000 Referendum, 100 000 Initiative) unter Druck: «Die Bundeskanzlei beobachtet, dass Referenden immer schneller zu Stande kommen – auch wenn nur ein virtuelles Komitee dahinter steht», erklärt Bundesratssprecher Oswald Sigg gegenüber 20 Minuten Online. Der Bundesrat habe deshalb die Bundeskanzlei beauftragt, ein Papier zu den «politischen Rechten im Internetzeitalter» auszuarbeiten. Mögliche Diskussionspunkte seien unter anderem die Erhöhung der Anzahl Unterschriften oder eine Verkürzung der Sammelfristen, so Sigg.

Von der Webseite in die Fankurve

Auslöser der bundesrätlichen Bedenken sind jüngste Referendumserfolge wie beispielsweise das Referendum gegen die biometrischen Pässe: Aus dem Nichts sammelten laut Sigg «anonyme Gruppen» in Rekordzeit über 60 000 Unterschriften – ohne dass eine öffentliche Diskussion stattgefunden habe. Der Clou der Biometrie-Gegner: Via SMS, E-Mail und Social-Networks warben sie für ihre Webseite. Dort konnten Sympathisanten Unterschriftenbögen herunterladen und anschliessend unterschreiben. Diese stammten insbesondere aus Fussball- und Eishockeyfan-Kreisen, welche Unterschriftensammlungen in Fan-Foren organisierten. Die Urheber des Referendums blieben so im Dunkeln.

Anonymität gehört nicht zur Demokratie

Diese Entwicklung habe niemand vorausgesehen - und kratzt an Grundwerten der Schweizer Demokratie. Sigg sagt: «Anonymität ist in der ursprünglichen Anlage der direkten Demokratie nicht enthalten.» So sei es theoretisch sogar möglich, dass ein Ausländer ein Referendum lanciert - worüber die Schweizer Bürger abstimmen müssten, weiss Oswald Sigg.

Ohne Facebook keine Abstimmung über Personenfreizügigkeit

Doch nicht nur die biometrischen Pässe, sondern auch die Personenfreizügigkeit kommt nur dank dem Internet vors Volk: «Ohne Facebook hätten wir wohl nicht genügend Unterschriften zusammengebracht», gibt Lukas ReimannDas ParlamentLukas Reimann
SVP, SG
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, SVP-Nationalrat und Mitinitiant des Referendums gegen die Personenfreizügigkeit, unumwunden zu. Es seien mehrere Tausend Download-Unterschriftenbogen eingereicht worden. «Über Facebook und unsere Webseite konnten wir zudem spontane Unterschriftensammlungen organisieren.» Daran beteiligten sich laut Reimann auch Personen, welche sich vorher nie politisch betätigt hatten.

Facebook als Unterschriftenmaschine - davon profitierten auch die Jungen Grünen bei der Sammlung für die Stopp-Offroader-Initiative: «Von den 130 000 Unterschriften stammten sicher 30 000 aus Download-Bögen», sagt Bastien GirodDas ParlamentBastien Girod
Grüne, ZH
auf MerklisteDetails
, Nationalrat der Grünen. «Ohne Web wäre es sehr knapp geworden», glaubt er im Hinblick auf die Messlatte von 100 000 Unterschriften. Doch Girod betont, dass schlussendlich das Thema an sich die Bevölkerung interessieren müsse – Internet hin oder her. Reimann bläst ins gleiche Horn: «Hinter jeder Unterschrift via Facebook steht ein Bürger»: Während auf der Strasse Passanten rasch unterschreiben würden, müsse der Internet-User den Bogen herunterladen, unterschreiben und selber einschicken. Internet-Unterschriften ohne E-Signatur bedeutet somit mehr Aufwand für die Unterzeichner, weniger für die Unterschriftensammler.

Facebook schiebt Gruppenwerbung den Riegel vor

Davon kann auch die Initiantin von «Byebyebillag», der ersten in einer Facebook-Gruppe gestarteten Volksinitiative, ein Lied singen: «Trotz Internet ist die Unterschriftensammlung nicht so einfach, wie wir es uns vorgestellt hatten», erklärt Francisca Brechbühler gegenüber 20 Minuten Online. Ein «Riesen-Problem» sei, dass bei Facebook ab einer Gruppengrösse von 5000 Mitgliedern keine Nachrichten mehr an die eigenen Schäfchen geschickt werden könnten. «Unsere 26 000 Gruppenmitglieder sind somit für uns nicht mehr erreichbar», beklagt sich Brechbühler. Dies habe zur Folge, dass schlussendlich auch die Facebook-Initiative nur via Strassensammlungen zu Stande kommen könne.

Auch im Facebook-Zeitalter signieren sich also Unterschriftenbögen nicht von selbst. Eine Erhöhung der Unterschriftenzahl, wie es die Bundeskanzlei prüft, ist deshalb nicht nur für Reimann und Girod der falsche Weg: «Dann können nur noch jene Kreise ein Referendum oder Initiative starten, welche über mehrere 100 000 Franken verfügen», sagt Christian Thommen, der das Referendum gegen die biometrischen Pässe unterstützt. Für ihn ist die vom Bundesrat kritisierte Anonymität kein Argument: «Ob die Initianten eines Referendums im Rampenlicht stehen oder anonym bleiben wollen, geht die Landesregierung nichts an», meint er.

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  • Micha Siegrist am 03.02.2009 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    Undemokratische Bundeskanzlei

    ich bin enttäuscht von der Bundeskanzlei, dass sie unsere politischen Recht beschneiden will. Dafür, dass die Medien die Diskussion über das Referendum gegen die biometrischen Daten nicht aufgenommen haben, kann das Referendumskomitee nichts.

  • Vital am 24.01.2009 22:18 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo Schweizer Jugend

    Zwar habe ich noch nie ein FaceBook benutzt, aber ich finde es toll, wenn sich da v.a. die jüngeren Mitbürger finden und ihr Anliegen vorbrignen. Die Junta auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene ist angesichts der Finanzkrise ratlos. Neue Lösungen müsser her. Siehe schallundrauch.info

  • leviathan am 19.01.2009 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    Verständnislosigkeit für solche Aussagen

    Diese Aussagen sind aus folgenden 2 Gründen absolut aus der Luft gegriffen: Wir als Chaos Computer Club Zürich sind auch intensiv an der Freiheitskampagne beteiligt und nicht anonym. - Das Erhöhen der Unterschriftenzahl ist eher ein Angriff auf die Demokratie