Working Poor in der Schweiz

24. Oktober 2008 11:05; Akt: 24.10.2008 12:25 Print

«Armut ist immer noch ein Tabuthema»«Armut ist immer noch ein Tabuthema»

von Amir Mustedanagic - Die Schweiz nimmt beim Working-Poor-Anteil der Bevölkerung bereits jetzt weltweit einen Spitzenplatz ein. Nun warnt Roland Aeschlimann vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk im Interview mit 20 Minuten Online vor einer Tabuisierung des Themas und sagt: «Die Zahl der Working Poor wird steigen.»

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Eine am Dienstag veröffentlichte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ergeben, dass die Schweiz weltweit einen Spitzenplatz einnimmt beim Anteil der Bevölkerung, die trotz Arbeit in Armut lebt.

20 Minuten Online sprach mit Roland Aeschlimann vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk (SAH) über die Working Poor und die Gründe dafür.

Die Schweiz nimmt in einer OECD-Studie zu Haushaltseinkommen den Spitzenrang bei den Working Poor ein, wieso?

Roland Aeschlimann: Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Ich vermute, dass es vor allem mit den Migrantenfamilien zusammenhängt. Tamilische Familien oder Familien vom Balkan arbeiten oft zu sehr schlechten Bedingungen, das hat zur Folge, dass die Familien, obwohl Mutter und Vater arbeiten, nicht einmal zusammen auf ein genügendes Einkommen kommen.

Herr und Frau Schweizer sind also von dieser Problematik nicht betroffen?

Es sind zwar überdurchschnittlich oft Migrantinnen und Migranten vom Working-Poor-Problem betroffen, aber es ist auch eine Zunahme bei den Schweizer Haushalten bemerkbar. Ich kenne Leute, die arbeiten für weniger als 2000 Franken brutto, und das mit 50-Stundenwoche und einer Familie.

Was sind die Gründe für die Zunahme?

Verantwortlich dafür ist grundsätzlich die generelle wirtschaftliche Entwicklung. In den vergangenen Jahren hat sich der Arbeitsmarkt stark verändert. Die Ansprüche an Arbeitnehmer sind gestiegen, das erschwert die Bedingungen für bildungsferne Menschen bei der Jobsuche. Zudem werden die Anstellungsverhältnisse prekärer. Die Schweiz wird immer mehr zu einem reinen Dienstleistungsland. Dadurch gibt es kaum Jobs als Hilfsarbeiter oder in Fabriken. In den Banken und Versicherungen hingegen fehlt es an qualifiziertem Personal, welches wiederum aus dem Ausland geholt werden muss.

Wie viele Menschen leben trotz Arbeit in Armut?

In der Schweiz bewegen sich zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung an der Armutsgrenze. Die Zahl ist aber davon abhängig, wo die Grenze gezogen wird. Das Existenzminimum ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich festgelegt.

Wird die Zahl zunehmen?

Es ist schwierig die Entwicklung vorauszusehen. Abzuwarten bleibt, wie sich die vermehrten Entlassungen in den umliegenden Industrieländern wie Frankreich und Deutschland auf die Schweiz auswirken. Der Arbeitsmarkt ist bereits jetzt stark gesättigt, dennoch drängen aus Deutschland zum Beispiel weitere Arbeitswillige hinein. Diese Arbeitskräfte sind bereit, unter schlechtesten Bedingungen zu arbeiten, weil es in Deutschland noch schwieriger ist, auf einen grünen Zweig zu kommen. Eine Zunahme der Working-Poor-Zahl dürfte es deshalb geben.

Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei der Bekämpfung der Problematik?

Ein schwieriges Unterfangen ist, die Working Poor überhaupt zu erreichen. In der Schweiz ist das Thema Armut immer noch tabu. Es fällt den meisten sehr schwer sich dazu zu bekennen oder Hilfe zu suchen. Viele fühlen sich alleine und schämen sich mit ihrem Problem jemanden zu konfrontieren.