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Tabu Schulabbruch
09. Februar 2010 09:17; Akt: 09.02.2010 09:58 Print
Manche fühlen sich aus der Schule geekelt
Wenn Schüler - es sind mehrheitlich Knaben - plötzlich die Schule schmeissen, heisst das noch lange nicht, dass sie besonders schlechte Schüler sind. Auch die Schulen selber tragen oft Schuld am Schulabbruch. Tatsache ist: Die Zukunft für Abbrecher ist extrem düster.

Vier Abbrecher-Typen: Aussenseiter (13%), Schulversager (28%), Schulmüde (25%) und Rebellen (34%) (Bild: colourbox.com)
Jedes Jahr brechen in der Schweiz mehrere tausend Jugendliche die Schule ab. Es handelt sich nicht nur um schlechte, rebellische Schüler, wie eine Untersuchung von Forschern der Universität Freiburg zeigt. Auch die Schulen tragen eine Mitverantwortung. Für die Studie befragte das Forschungsteam um Margrit Stamm vom Departement für Erziehungswissenschaften an der Uni Freiburg rund 4500 Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse in elf Kantonen. Im darauf folgenden Jahr waren die Schulen angehalten, den Wissenschaftlern alle Schulabgänge zu melden.
Kosten belaufen sich auf mehrere hundert Millionen FrankenEin Schulabbruch kommt nicht nur den Schüler, sondern auch den Staat teuer zu stehen. Laut Forschern der Universität Freiburg und der Fachhochschule Nordwestschweiz belaufen sich die Kosten für die etwa 5000 Schulabbrüche von Achtklässlern pro Jahr auf mehrere 100 Mio. Franken.
Die Untersuchung über die durch die Schulabbrüche entstehenden Kosten ist laut der Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm von der Universität Freiburg noch nicht ganz abgeschlossen. Gehe man aber davon aus, dass die vom Staat getragenen Ausbildungskosten für Schulabbrecher in den Sand gesetzt seien, entstünden gewaltige Ausgaben.
Laut Stamm wenden Bund, Kantone und Gemeinden pro Schüler und Schuljahr nämlich mindestens 11'000 Franken auf. Für rund 5000 Jugendliche, die davon acht Jahre lang profitieren und dann die Schule abbrechen, belaufen sich die Kosten also auf über 400 Millionen Franken.
Das ist aber noch lange nicht alles: Enorme Kosten entstehen auch dem Sozialwesen, denn Schulabbrecher werden viel öfter arbeitslos als Jugendliche mit Schulabschluss. Zusätzliche Ausgaben verursachen Privatschulen, Kurse oder Eingliederungsprogramme mit denen die Abbrecher wieder Fuss zu fassen versuchen. (sda)
Insgesamt brachen gemäss den Angaben der Schulen etwa zwei Prozent der Schülerinnen und Schüler die Schule ab, wie Stamm auf Anfrage sagte. Sie ist jedoch überzeugt, dass der Anteil etwa drei Mal höher liegt, was auf die ganze Schweiz hochgerechnet bedeuten würde, dass Jahr für Jahr allein etwa 5000 Achtklässler den Bettel hinwerfen.
Vier Abbrecher-Typen
Es gebe deutliche Hinweise darauf, dass einige Schulen Abgänge verschwiegen hätten, sagte Stamm. Sie erklärt dies mit der Tabuisierung des Themas: «Weil die Schule für alle obligatorisch ist, dürfen Schülerinnen und Schüler sie eigentlich gar nicht vorzeitig verlassen», sagte sie.
61 Schulabbrecher untersuchen und befragen die Forscher nun genauer. Erste Resultate korrigieren ein verbreitetes Vorurteil: Es sind nämlich keineswegs nur schlechte, rebellische, den Unterricht störende Jugendliche, welche die Schule vorzeitig beenden, wie Stamm im Fachmagazin «Die Deutsche Schule» berichtet.
Stamm identifizierte vier Abbrecher-Typen: Aussenseiter (13%), Schulversager (28%), Schulmüde (25%) und Rebellen (34%). Gerade die Aussenseiter und Schulmüden hatten zum Teil passable, genügende Schulnoten. Schulversager und Rebellen dagegen waren schwach in der Schule, aber die Schulversager störten mit ihrem Verhalten den Unterricht kaum.
Mitverantwortung der Schulen
Es habe sie überrascht, wie heterogen die Gruppe der Schulabbrecher sei, sagte Stamm. Das müsse bei der Prävention beachtet werden. Die Abbrecher dürften nicht alle in einen Topf geworfen werden. Statt dessen brauche es verschiedene Strategien, um möglichst viele der drohenden Schulabbrüche zu vermeiden.
Einen entsprechenden Massnahmenkatalog will Stamm nun ausarbeiten. Entscheidend sei, früh anzusetzen, erklärte sie. Viele Abbrecher bekundeten bereits im Kindergarten Probleme. Mittels gezielter Frühförderung liesse sich die Freude am Lernen und die Bindung an die Schule verbessern.
Zudem gelte es Abstand zu nehmen vom Irrglauben, der Schüler sei allein für den Schulabbruch verantwortlich. Das häufigste Problem der Abbrecher sei nämlich nicht ihre schlechte Leistung, sondern die Beziehung zum Lehrer und zu den Mitschülern, sagte Stamm. Manche fühlten sich regelrecht aus der Schule geekelt.
Düstere Zukunftsaussichten
Es brauche deshalb auch Ideen, wie die Schulen ihre Lehrerinnen und Lehrer beim Umgang mit den bestimmt nicht pflegeleichten Schülern unterstützen könnten. Dazu benötige man allerdings mehr Geld - und vielleicht sogar ein Schulsystem, das den Schülern einen grösseren Anreiz gebe, die gesteckten Lernziele zu erreichen.
Schulabbrecher - zu 60 bis 70 Prozent handelt es sich um Knaben - haben laut Stamm überdurchschnittlich oft eine schlechte Zukunft vor sich: Sie werden arbeitslos, begehen Straftaten, haben gesundheitliche Probleme und landen in der Sozialhilfe. Besonders düster sind die Aussichten von ausländischen Jugendlichen, welche die Schule abbrechen.
(sda)

























