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Rotlicht und Blaulicht
23. Februar 2010 14:14; Akt: 23.02.2010 15:29 Print
Die Reanimier-Damen von Lugano
von Joel Bedetti - Weil die vielen Herztoten in Luganos Bordellen keine gute Werbung sind, lassen die Puff-Bosse ihre Sexarbeiterinnen am Defibrillator ausbilden. Ihre Deutschschweizer Kollegen reagieren verwundert: Sie kennen das Problem nicht.

Die Prostituierte, dein Schutzengel: Luganeser Zuhälter besorgen sich Defibrillatoren.
Das neuste Werkzeug der Luganeser Sexdienerinnen sieht recht klobig und gar nicht stimulierend aus. Man kann es nicht bei Beate Uhse kaufen. Dafür kann man damit Stromschläge verabreichen. Und nein: Es handelt sich nicht um SM-Spielzeug.
Hier verlieren einsame Norditaliener ihr Herz: Lugano bei Nacht. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)
Defibrillator: Jetzt auch im Rotlichtmilieu.(Bild: Keystone/Peter Klaunzer)
Die Sex-Stadt
Lugano ist eine Bordellhochburg. 38 Sex-Clubs zählt man heute, mehrere sind in Planung. Der Grund: Neben der lokalen Nachfrage tummeln sich in den Luganer Puffs tausende Grenzgänger aus Norditalien, wo Bordelle verboten sind. Laut «Telegraph» sollen sie gar 80 Prozent der Kundschaft stellen.
Das neueste Werkzeug der Luganeser Sexdienerinnen ist der Defibrillator. Die Bordellbesitzer der Tessiner Metropole haben beschlossen, ihre Angestellten im Umgang mit den Elektroschockgeräten auszubilden, berichtete die italienische Tageszeitung «Corriere della Sera». Der Grund: Alte Kunden, die an Herzversagen sterben und nicht gerade gute Publicity machen für das Tessiner Sexgewerbe.
Der «Corriere del Ticino»-Journalist Giovanni Mariconda, der ebenfalls zu dem Thema recherchiert hat, sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Die Bordellbesitzer werden sich in den kommenden Tagen an lokale Gesundheits- und Rettungsorganisatoren wenden mit der Frage, ob sie die Ausbildung der Prostituierten an sie delegieren können.» Sobald die Liebesdienerinnen ihre Ausbildung genossen haben, würden die Bordellbesitzer ihre Etablissements mit dem Schockgerät ausstatten.
Freier schleichen sich mit Herzattacke davon
Den Ausschlag für die Bildungsoffensive der Zuhälter gab anscheinend der Herztod eines 56-jährigen Schweizers in einem Bordell in Cadenazzo Mitte Januar. Der Freier wollte laut Medienberichten seinen Spass erhöhen, indem er sich Viagra einwarf. Das wurde ihm zum Verhängnis. Alle Rettungsversuche blieben erfolglos, der Freier starb noch im Bordell. Das war selbst dem englischen «Telegraph» eine Meldung wert.
Der «Corriere del Ticino» errechnete kürzlich, dass zwischen 2000 und 2008 insgesamt fünf Kunden in Bordellen an einem Herzinfarkt starben. Die Männer waren zwischen 46 und 79 Jahre alt. Wie die Tessiner Polizei der Zeitung erzählte, gäbe es eine hohe Dunkelziffer bei solchen Problemen: Viele Freier würden nach Herzattacken das Bordell verlassen, bevor die Ambulanz eintreffe. Ansonsten müssten sie ihren Ehefrauen die Spitalkosten respektive den Aufenthalt im Etablissement erklären.
Im Norden haben die Freier gute Herzen
Das Sexgewerbe im Norden des Landes reagiert eher amüsiert auf die Meldung aus Lugano. Herzprobleme scheinen in den meisten hiesigen Etablissements kein Thema zu sein. Nur einer der angefragten Puff-Bosse, er will anonym bleiben, erzählt: «In den letzten drei Jahren hatten wir zwei Todesfälle wegen Herzversagens.» Er hat sich keinen Defibrillator zugetan. «Die Sanität ist innert zwei Minuten vor Ort.»
Eine andere Puff-Chefin hält gar nichts vom Elektroschocker im Sex-Studio. «Ich würde mich nicht trauen, mit einem Defibrillator einen Kunden wiederzubeleben», sagt Yvonne Meyer, die Geschäftsführerin von Carol Jones in Adliswil. Würde ein Patient einen Herzschrittmacher tragen, würde man ihn mit einem Elektroschockgerät töten. «Meine Mädchen sind höchstens in Notfallmassage ausgebildete», sagt Meyer wohl nicht ganz ernsthaft.
Guter Denkanstoss
Nur Olivier Morand, Geschäftsführer des FKK Sauna-Clubs Zeus in Küssnacht, findet die Initiative der Luganeser Kollegen sinnvoll. Er sagt: «Auch bei uns gab es nie ein Herzversagen. Aber das ist ein guter Denkanstoss.» Morand will sich überlegen, es ihnen gleichzutun: «Man muss vorsorgen.»
Auch für die Blaulichtorganisationen im Norden sind Herzversagen im Rotlichtmilieu nicht bekannt. «Ich erinnere mich an einen Fall – aber sie geschehen nur ganz selten», sagt Judith Hödl von der Stadtpolizei Zürich.


























