St. Galler Lehrermord

03. September 2010 12:07; Akt: 03.09.2010 12:45 Print

«So etwas kann man nie abschliessen»«So etwas kann man nie abschliessen»

von Ronny Nicolussi - Neben dem Lehrer Paul Spirig, den er erschoss, hat Ded Gecaj ein weiteres Opfer auf dem Gewissen: seine Tochter Besarta. Zum eigenen Schutz musste sie vor elf Jahren untertauchen.

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Am 11. Januar 1999 erschiesst Ded Gecaj im St. Galler Schulhaus Engelwies Paul Spirig, den Lehrer seiner Tochter. Diese hatte Spirig anvertraut, dass sie von ihrem Vater misshandelt wurde. Nach der Tat flüchtet Gecaj in seine Heimat Kosovo. An einer Medienkonferenz spricht Schulleiter Andreas Prinzing (links) am Tag der Ermordung Spirigs in St. Gallen. Der ermordete Paul Spirig hinterliess seine schwangere Frau und zwei Kinder. Bereits im Dezember hatte Gecaj Morddrohungen ausgestossen, nach denen Spirigs Familie im Appenzellerland untergebracht wurde. In St. Gallen hat die Tat Konsequenzen: Die Schulsozialarbeit wird verstärkt. Schüler und Lehrer des Schulhauses Engelwies haben einen Abschiedstisch eingerichtet, um zu trauern. Aufnahme vom 13. Januar 1999. Eine Woche nach seiner Ermordung findet in der katholischen Kirche Bruggen in St. Gallen die Trauerfeier für Paul Spirig statt. Rund 1500 Personen nahmen an der Trauerfeier teil, ein Meer von roten Rosen und weissen Lilien bedecken die Stufen vor dem Altar. Sechs Wochen nach der Tat wird Ded Gecaj im Kosovo festgenommen, das damals noch unter serbischer Verwaltung stand. Er gestand die Tat und wurde Ende 2000 von einem serbischen Gericht zu vier Jahren Gefängnis verurteilt - wegen Totschlags. Der Richter wertete die Tat offenbar als Ehrenmord. Gecaj wurde aber kurz nach seiner Verurteilung wieder freigelassen. Danach tauchte er unter, vermutlich im Kosovo und Albanien. Die Frau des Mörders, Roze Gecaj Paljokai, stand in St. Gallen vor Gericht: Im September 2000 verurteilte sie das St. Galler Kantonsgericht unter anderem wegen Vernachlässigung der Fürsorgepflicht zu zwei Jahren Haft. Nach ihrer Freilassung wurde sie nach Kosovo ausgewiesen. Die St. Galler Staatsanwaltschaft stellt 2005 an die Uno-Behörden in Kosovo ein Begehren um Auslieferung. 2007 wird Gecaj in seinem Haus festgenommen und in Untersuchungshaft gesetzt. Im September 2008 kommt er wieder frei. Am 17. Mai 2010 verhaftet die kosovarische Polizei Gacaj erneut in seinem Heimatdorf Janosh. Gecaj legte zwar Berufung gegen seine Auslieferung ein. Diese wurde aber abgelehnt. Am 2. September 2010 liefert Kosovo schliesslich Gecaj an die Schweiz aus. In Begleitung von St. Galler Kantonspolizisten wird er nach Altenrhein geflogen. Die Aufnahme zeigt Gecaj während eines Interviews mit dem albanischen Fernsehen 2009. Am Morgen des 19. November 2010 wird Gecaj tot in seiner Zelle im Regionalgefängnis in St. Gallen aufgefunden. Er hat sich mit mehreren übereinanderliegenden, aus eigenen Kleidern gefertigten Schlingen erhängt.

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Irgendwo in der Schweiz lebt Besarta Gecaj. Die Tochter des St. Galler Lehrermörders Ded Gecaj ist heute 25 Jahre alt und hat eine neue Identität. Gerne würde man sie fragen, was sie zur Auslieferung ihres Vaters sagt, was sie fühlt und ob der kommende Prozess für sie eine Chance ist, einen Schlussstrich unter ihre traumatische Familiengeschichte zu ziehen. Aus naheliegenden Gründen ist das aber nicht möglich.

Einer, der sich in ein Opfer wie Besarta Gecaj hineinversetzen kann, ist Hans Kurt, Präsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP). Er kennt vergleichbare Fälle und sagt: «Die Auslieferung und der sich abzeichnende Prozess wird Besarta bestimmt wieder aufwühlen.» Sobald ein Täter in den Medien thematisiert werde, löse das bei den Opfern Erinnerungen aus. «Ich könnte mir vorstellen, dass die junge Frau jeweils um ihr eigenes Leben fürchtet», so Kurt. Dies wäre verständlich, wenn man den Lebenslauf der 25-Jährigen kennt.

Besarta kam 1994 als Neunjährige aus dem Kosovo in die Schweiz. Zusammen mit ihrer Mutter und ihren vier Brüdern zog sie zu ihrem Vater. Ded Gecaj war drei Jahre zuvor aus dem Kosovo in die Schweiz immigriert und arbeitete seither im Kanton St. Gallen als Gipser. Das Mädchen wurde als zurückhaltend und intelligent beschrieben.

Als Zehnjährige erstmals vergewaltigt

Zuhause galten aber raue Sitten. Immer wieder wurde Besarta geschlagen. In einem Prozess, der später wegen Verletzung der Erziehungspflichten gegen Besartas Mutter geführt wurde, gab die junge Kosovarin zudem an, seit ihrem zehnten Lebensjahr wiederholt von ihrem Vater sexuell missbraucht worden zu sein. Ded Gecaj nutzte die Abwesenheit seiner Frau aus, wenn diese in ihrer Heimat Verwandte besuchte, um sich am Mädchen zu vergehen.

1997 kam Besarta in die Klasse von Realschullehrer Paul Spirig im Schulhaus Engelwies in St. Gallen. Auch hier fiel sie nicht weiter auf. Zu Diskussionen führte einzig ihre Abwesenheit bei Ausflügen der Schule und beim Schwimmunterricht. Während Lehrer Spirig die Haltung der Schule vertrat, wollte Besartas Vater sie partout nicht teilnehmen lassen. Das Mädchen war hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen.

Spirig holte Besarta von einer Brücke

Spirig gelang es, das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen. Er wusste von den Schlägen, die Besarta zu Hause erhielt, und zog eine Schulsozialarbeiterin bei. Gespräche mit Besartas Eltern führten aber nicht zu einer Entspannung, sondern zu einer Zuspitzung der Situation. Im Dezember 1998 holte Spirig Besarta von einer Brücke, von der sie vermutlich springen wollte, um sich das Leben zu nehmen. Noch am selben Abend wurde sie in einem Mädchenhaus in Zürich in Sicherheit gebracht. In der Folge wurde Besarta in ein anderes Schulhaus umgeteilt. Die Probleme blieben jedoch dieselben. Immer stärker sah Ded Gecaj im Lehrer Spirig die Ursache dafür. Am 11. Januar 1999 schliesslich erschoss Gecaj im Besprechungszimmer Paul Spirig.

Für die damals 14-Jährige endete mit diesem Tag der Kontakt zu ihrer Familie. Die Behörden nahmen sie in Obhut und versteckten sie zu ihrem eigenen Schutz. Bisher erfolgreich, obwohl ihre Familie nach ihr sucht. Besonders perfid war der Versuch eines ihrer Brüder, Besarta ausfindig zu machen. Im März 2008 trat er im albanischen Fernsehen auf und liess in der Sendung «Vermisste Menschen» nach ihr suchen. Welche Gefahr ihr droht, lässt die Aussage eines anderen Bruders, der in der Schweiz lebt, vermuten. Nach dem Mord an Paul Spirig bezeichnete er Besarta als Lügnerin, die Schande über ihre Familie gebracht habe.

Mit der Auslieferung Ded Gecajs ist für die St. Galler Justiz nach elf Jahren ein Ende des Kampfes um Gerechtigkeit absehbar. Ob es für Besarta jemals Gerechtigkeit geben wird, ist schwierig zu sagen. SGPP-Präsident Hans Kurt weiss: «Es gibt Opfer sexueller Gewalt, die besser abschliessen können, wenn ein Strafverfahren beendet wird. So eine Geschichte kann man jedoch nie ganz abschliessen.»

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  • P.G am 22.11.2010 09:27 Report Diesen Beitrag melden

    Lebt die Tochter noch???

    Niemand hat die Tochter Lebend gesehen , Sie reden nur von Ihr. Sie könnte auch schon lange tot sein, dass weis niemand. Warum zeig die Schweiz die Tochter nicht, das ist meine einzige frage. Jetzt ist der Vater Tod im Gefängnis gefunden worden, aber wie oder mit was er sich das leben genommen hat sagt niemand was... ????????

  • ALBANIAN PRIDE am 19.11.2010 17:58 Report Diesen Beitrag melden

    KOMPLEX

    Ich finde es schade, wie hier basierend auf "falsch" erfahrene Einzelheiten kommentiert/pauschalisiert wird. In diesem Fall gibt es 2 Täter und 2 Opfer. Die Täter sind die schweizerischen Behörden und Besarta selbst. Die Behörden haben nicht oder einseitig reagiert (der Bruder von P.Spirig war damals Polizist)! Und wieso will Besarta keinen Kontakt zu ihrer Familie oder der Familie vom Lehrer (der ihr offenbar geholfen hat)? Weil sie beide Fam. belogen hat!

  • s.i am 07.09.2010 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    Wir sind alle nur Menschen

    albaner hin albaner her!!egal was er ist, schlussendlich zählt, dass er einen Mord begangen hat. Ob er ein Albaner oder keiner ist, spielt keine rolle mehr!!