Die unbekannte Gefahr

14. August 2008 06:01; Akt: 14.08.2008 10:24 Print

Tausende rasen blind durch TunnelsTausende rasen blind durch Tunnels

von Adrian Müller - Im Blindflug in die Tunnelwand: Weil die Windschutzscheiben innert Sekunden beschlugen, kam es vergangene Woche auf der A4 bei Brunnen zu schweren Verkehrsunfällen. Täglich sind über tausend Lenker in der ganzen Schweiz davon betroffen. Nun will der Bund handeln.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Es ist die Horrorvorstellung eines jeden Autofahrers: Man rast mit 100 Stundenkilometern in einen Tunnel, und plötzlich sieht man nichts mehr. Dies passierte vergangen Woche gleich zwei Autofahrern im Mosi-Tunnel bei Brunnen SZ. Eine Lenkerin verlor dabei die Kontrolle über ihren Wagen und rammte darauf drei weitere Fahrzeuge. Wie durch ein Wunder gab es keine Schwerverletzten.

Reflexartig ins Verderben

Der Grund für den halsbrecherischen Blindflug: Beschlagene Windschutzscheiben. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang fast beschönigend vom «Badezimmer-Effekt»: Die Luft im Tunnel ist wärmer als die Windschutzscheibe, deshalb beschlägt sie. Das Phänomen tritt besonders in längeren Tunnels mit Gegenverkehr auf, kann grundsätzlich aber in jedem Tunnel passieren.

Verhängnisvoll ist der Effekt deshalb, weil er viele Autofahrer auf dem falschen Fuss erwischt. «Die Lenker kommen nicht auf die Idee, die Scheibenwischer einzuschalten. Sie hantieren reflexartig an der Lüftung herum, was nichts bringt», erklärt Rune Brandt, Geschäftsleiter der HBI Haerter beratende Ingenieure, einem Büro, das sich auf Tunnelsanierungen spezialisiert hat.

Ursache zahlreicher Unfälle

Laut Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamtes für Strassen ASTRA, tritt das Beschlagen der Frontscheiben in der Schweiz in 20 Tunnels regelmässig auf. In einem Forschungsbericht des ASTRA, welcher 20 Minuten Online vorliegt, steht: «Der unerwartete Beschlag von Frontscheiben stellt ein äusserst relevantes Sicherheitsproblem dar. Im Durchschnitt sind täglich mehr als tausend Lenker damit konfrontiert. Es muss davon ausgegangen werden, dass jährlich einige Dutzend Unfälle auf beschlagene Scheiben zurückzuführen sind.» Wie Recherchen von 20 Minuten Online ergaben, sorgte das Phänomen für schwere Unfälle im Leissigen Tunnel im Kanton Bern sowie im Eggfluetunnel in Baselland.

ASTRA erwägt neue Richtlinien

Beschlagene Scheiben in Tunnels sind also keine Lappalie und nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Deshalb wird das ASTRA 2009 auch über entsprechende Massnahmen diskutieren: Das ASTRA denkt dabei an Warnlampen und -schilder, welche Autofahrer bei der Tunneleinfahrt auf die Gefahr hinweisen sollen. Zusätzlich sollen die Fahrzeuglenker entsprechend informiert und geschult werden.

Flächendeckende Tunnelsanierungen kommen hingegen kaum in Frage. Dies würde nicht nur lange dauern, sondern wäre auch sehr teuer. «Allein die Energiekosten einer zusätzlichen Lüftung betragen schnell einmal 100 000 Franken jährlich», sagt Ingenieur Brandt.

Kantonspolizei sieht keinen Handlungsbedarf

Der Mosi-Tunnel jedoch hätte generell eine Überholung nötig: In einem Tunnel-Test der europäischen Automobilverbände erhielt er als einziger Schweizer Tunnel das Prädikat «ungenügend». Trotzdem sieht die Kantonspolizei Schwyz auch hier keinen Handlungsbedarf: «Wir ergreifen keine Sofortmassnahmen», erklärt Sprecher Florian Grossmann.


Sind Sie schon im Blindflug durch einen Tunnel gefahren? Kennen Sie eine besonders gefährliche Strecke? Dann schreiben sie uns: feedback@20minuten.ch