Kosovo

02. September 2010 13:53; Akt: 02.09.2010 16:07 Print

Lehrermörder Gecaj an Schweiz ausgeliefertLehrermörder Gecaj an Schweiz ausgeliefert

von Lukas Mäder und Ronny Nicolussi - Der Lehrermörder Ded Gecaj ist auf dem Flughafen Altenrhein eingetroffen. Nun können die St. Galler Behörden ihn erstmals befragen, was Monate dauern wird.

Bildstrecke im Grossformat »
Am 11. Januar 1999 erschiesst Ded Gecaj im St. Galler Schulhaus Engelwies Paul Spirig, den Lehrer seiner Tochter. Diese hatte Spirig anvertraut, dass sie von ihrem Vater misshandelt wurde. Nach der Tat flüchtet Gecaj in seine Heimat Kosovo. An einer Medienkonferenz spricht Schulleiter Andreas Prinzing (links) am Tag der Ermordung Spirigs in St. Gallen. Der ermordete Paul Spirig hinterliess seine schwangere Frau und zwei Kinder. Bereits im Dezember hatte Gecaj Morddrohungen ausgestossen, nach denen Spirigs Familie im Appenzellerland untergebracht wurde. In St. Gallen hat die Tat Konsequenzen: Die Schulsozialarbeit wird verstärkt. Schüler und Lehrer des Schulhauses Engelwies haben einen Abschiedstisch eingerichtet, um zu trauern. Aufnahme vom 13. Januar 1999. Eine Woche nach seiner Ermordung findet in der katholischen Kirche Bruggen in St. Gallen die Trauerfeier für Paul Spirig statt. Rund 1500 Personen nahmen an der Trauerfeier teil, ein Meer von roten Rosen und weissen Lilien bedecken die Stufen vor dem Altar. Sechs Wochen nach der Tat wird Ded Gecaj im Kosovo festgenommen, das damals noch unter serbischer Verwaltung stand. Er gestand die Tat und wurde Ende 2000 von einem serbischen Gericht zu vier Jahren Gefängnis verurteilt - wegen Totschlags. Der Richter wertete die Tat offenbar als Ehrenmord. Gecaj wurde aber kurz nach seiner Verurteilung wieder freigelassen. Danach tauchte er unter, vermutlich im Kosovo und Albanien. Die Frau des Mörders, Roze Gecaj Paljokai, stand in St. Gallen vor Gericht: Im September 2000 verurteilte sie das St. Galler Kantonsgericht unter anderem wegen Vernachlässigung der Fürsorgepflicht zu zwei Jahren Haft. Nach ihrer Freilassung wurde sie nach Kosovo ausgewiesen. Die St. Galler Staatsanwaltschaft stellt 2005 an die Uno-Behörden in Kosovo ein Begehren um Auslieferung. 2007 wird Gecaj in seinem Haus festgenommen und in Untersuchungshaft gesetzt. Im September 2008 kommt er wieder frei. Am 17. Mai 2010 verhaftet die kosovarische Polizei Gacaj erneut in seinem Heimatdorf Janosh. Gecaj legte zwar Berufung gegen seine Auslieferung ein. Diese wurde aber abgelehnt. Am 2. September 2010 liefert Kosovo schliesslich Gecaj an die Schweiz aus. In Begleitung von St. Galler Kantonspolizisten wird er nach Altenrhein geflogen. Die Aufnahme zeigt Gecaj während eines Interviews mit dem albanischen Fernsehen 2009. Am Morgen des 19. November 2010 wird Gecaj tot in seiner Zelle im Regionalgefängnis in St. Gallen aufgefunden. Er hat sich mit mehreren übereinanderliegenden, aus eigenen Kleidern gefertigten Schlingen erhängt.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Nach jahrelanger Verfolgung wurde der mutmassliche Lehrermörder Ded Gecaj heute an die Schweiz ausgeliefert. Nachdem der kosovarische Justizminister am Montag der Auslieferung zustimmte, hat Gecaj heute um 11.30 Uhr die kosovarische Hauptstadt in einem Flugzeug verlassen, wie das Justizministerium Kosovos gegenüber 20 Minuten Online bestätigt. Inzwischen ist er in der Schweiz eingetroffen. Gegen 13.30 Uhr ist das Flugzeug, eine Schweizer Cessna Citation, auf dem Ostschweizer Flughafen Altenrhein gelandet, wie Monika Raschle vom Flughafen sagt. Die Übergabe auf dem Flughafen sei ruhig und unauffällig abgelaufen. Das Bundesamt für Justiz schreibt in einer Mitteilung, dass Gecaj in Begleitung von St. Galler Kantonspolizisten in der Schweiz eingetroffen und der St. Galler Staatsanwaltschaft zugeführt worden sei.

Die zuständige St. Galler Untersuchungsrichterin Ursula Brasey reagiert mit grosser Erleichterung auf die Auslieferung Gecajs. «Wir sind deshalb erleichtert, weil es nicht sein kann, dass sich jemand der strafrechtlichen Beantwortung bei uns entzieht, indem er sich ins Heimatland absetzt», sagt sie gegenüber 20 Minuten Online. Die Auslieferung habe nur dank einer hervorragenden internationalen Zusammenarbeit geklappt.

Gecaj sei nach seiner Landung in St. Gallen in ein Untersuchungsgefängnis gebracht worden. In welches, wollte Brasey nicht sagen. Bereits heute werde sie erste Untersuchungshandlungen vornehmen. Weil Gecaj nach der Tat geflüchtet war, konnte er bisher nie von den St. Galler Behörden befragt werden. Die Befragung Gecjas werde wohl mehrere Monate in Anspruch nehmen, so Brasey. Wann es zu einem Prozess vor dem Kreisgericht St. Gallen kommen wird, konnte die Untersuchungsrichterin noch nicht sagen, ergänzt aber: «Wir wollen das Verfahren möglichst rasch zu einem Ende führen.»

Beschwerden Gecajs abgelehnt

Gecaj war am 17. Mai in Kosovo verhaftet worden. Die junge Republik Kosovo hatte von Beginn an signalisiert, dass sie Gecaj ausliefern wolle. Gegen seine Auslieferung legte der Verhaftete jedoch Berufung ein, die die kosovarischen Gerichte ablehnten. Die Schweiz musste aber im Juni ein neues Auslieferungsgesuch an Kosovo übermitteln. Am 16. August lehnte das Oberste Gericht Kosovos letztinstanzlich die Beschwerde Gecajs ab. Bereits vorher hatte das Verfassungsgericht befunden, dass die Auslieferung Gecajs grundsätzlich möglich sei. Die Schweiz hat mit Kosovo ein Abkommen unterzeichnet, dass dem Balkanstaat ermöglicht, bei schwerwiegenden Einzelfällen eigene Staatsbürger auszuliefern. Dazu muss die Schweiz dem Auslieferungsgesuch aber ein Beweisdossier beilegen, was auch im Fall Gecaj passiert ist.

Trotz Verzögerungen loben beide Seiten die gute Zusammenarbeit in diesem Fall. Das sei ein Grund, der die Auslieferung überhaupt ermöglicht habe, sagt Folco Galli, Sprecher des Bundesamts für Justiz. Auch ein Mitarbeiter des kosovarischen Justizdepartements lobte die gute Zusammenarbeit in diesem Fall. Ein internationaler Diplomat in Pristina sagte schon früher gegenüber 20 Minuten Online, dass der junge Staat Kosovo ein Interesse daran habe, diesen Fall nach rechtsstaatlichen Grundsätzen abzuwickeln: «Das wäre ein Erfolg für Kosovo.» Dieser Fall ist nun eingetreten.

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

  • Andi. M am 21.11.2010 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz für Recht und Freiheit

    Was hier erzählt wird, dass stimmt hinten und vorne nicht. Wieso wird eine Familie so verletzt, nur weil ein "kranker Lehrer" Lust dazu hat minderjährige Frauen zu vergew.....! Wieso redet niemand über die Wahrheit! Sah Herr Gecaj wie ein Vebrecher aus? In dieser Nation ist eine Misshandlung von Kindern fast nie vorgekommen. Wieso sollte die Mutter, die das Mädchen 9 Monate im Bauch getragen hat, ihr noch so was schreckliches antun! Auch der Vater, der in der Schweiz nie aufgefallen und immer der Arbeit nachgegangen ist. Und alle sagen immer wieder, Schweiz sei ein Rechtsstaat!

  • k.b am 02.09.2010 23:02 Report Diesen Beitrag melden

    Alles kommt wieder hoch

    Ich kenne die Frau des Opfers persönlich, die inzwischen ein ganz normales Leben führt und das ganze verdrängen konnte. Ich finde es frech und auch unfair, diese ganzen Gefühle bei den Betroffenen wieder hochkommen zu lassen. Es sind alle froh dass er jetzt gefasst worden ist, aber ich bin gegen diese unnötigen Werbeberichte.

  • Ernst Frischknecht am 02.09.2010 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    sind die Spaziergänge nur gestellt

    Sind die Fotos des Spazierganges im Gefängnis in Kosavo nur gestellt? War er überhaupt im Gefängnis oder nur eines Beweis-Fotos wegen? Ich selbst kann die Lügen des Mörders nicht glauben wie hoffentlich unsere Richter auch. Mit solchen Leuten kann man nur sehr sehr hart ins Gericht gehen und zu langen Strafen verurteilen