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Kokain in der Schweiz
08. September 2010 20:13; Akt: 09.09.2010 13:12 Print
Weisses Pulver, dunkle Machenschaften
von Amir Mustedanagic - Der Kokainhandel in der Schweiz ist hochmodern gemanagt. Enthüllungen der Bundeskriminalpolizei offenbaren, wie das Business im Detail funktioniert.

Röntgenbild lässt Fahnder staunen: Insgesamt 123 sogenannter «Bodypack» mit insgesamt 1,7 kg Kokain stellten Schweizer Zöllner aus Genf im Magen eines nigerianischen Kuriers fest. (Bild: Keystone)
Wie alt der Nigerianer M. J. ist, weiss die Polizei bis heute nicht so genau. Sicher ist inzwischen hingegen: Der junge Mann war ein erfolgreicher Drogendealer und seine Geschichte gilt als «exemplarisch für die Problematik und die Schwierigkeiten im Kampf gegen die afrikanischen Kokain-Netzwerke», wie Urs Winzenried am Montag vor den Medien erklärte. Gemäss dem Chef der Aargauer Kriminalpolizei begann die Drogengeschichte des «zirka 25 Jahre alten» Afrikaners wie die von vielen: als Strassenhändler.
Infografik Weg der DrogenDie Dealer auf der Strasse bilden die unterste Ebene im Vertriebsnetz der vor allem westafrikanischen Kokain-Netzwerke. Erfahrungsgemäss sind es meistens Asylbewerber aus Nigeria, wie Patric Looser von der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen erklärte. Die Strassenhändler nutzen die Zeit bis zur Ausweisung oder Ausreise aus der Schweiz dazu, möglichst viel Geld zu verdienen. Zu verlieren haben die Asylbewerber nichts.
Karrieresprung im Asylheim
Früher oder später werden sie allerdings oft erwischt - so wie M.J. in St. Gallen. Die Polizei schnappte ihn, als er Kokain-Kügelchen unter die Leute brachte. Er wurde gebüsst und in den Aargau abgeschoben, ins Asylheim Holderbank AG. Zunächst schien die Verschiebung in den Aargau eine heilende Wirkung auf M.J. zu haben. «In Holderbank blieb M.J. in der Unterkunft, verhielt sich unauffällig, hilfsbereit – er ist ein richtiger Wunschbewohner geworden», so Winzenried. In Wirklichkeit stieg M.J. in der Hierarchie eine Stufe auf: Er betätigte sich neu als Zwischenhändler. «Statt sich einem Risiko auszusetzen und auf die Strasse zu gehen, wurde er zum Mittelsmann», so Winzenried.
Er bestellte Kokain bei Grosshändlern in Spanien, liess sie von Kurieren in die Schweiz und von Helfern ins Asylheim bringen. Anschliessend rekrutierte er Strassenhändler, die seine Ware draussen verkauften. Wie bei M.J. handelt es sich bei Zwischenhändler meist um abgewiesene Asylbewerber aus Nigeria. Sie leben entweder illegal in der Schweiz oder legalisieren ihren Aufenthalt mit einer Heirat. «Viele Frauen fallen auf die zuvorkommende Art und den Charme hinein», so Staatsanwalt Looser. Von den krummen Geschäften würden die Frauen meist nichts mitbekommen, weil sie einerseits oft nicht die plötzliche finanzielle Potenz hinterfragten, anderseits ein Problem haben, welche auch die Polizei hat: Die Sprache.
900 000 Franken nur für Übersetzer
«Die Nigerianer sprechen Igbo, eine sehr schwer verständliche Sprache, die nur wenige Dolmetscher beherrschen», sagte Winzenried. Weshalb die Untersuchungen sehr teuer seien: «Allein die Kosten für die Übersetzung der abgehörten Telefongespräche belaufen sich auf 900 000 Franken», so der Kripochef. Was den grössten Teil der Verfahrenskosten von 1,25 Millionen Franken in den 33 Fällen ausmacht, welche die Kapo Aargau im vergangenen Jahr erfolgreich beendete. Die Polizei sei aber gerade auf die kostspieligen Dolmetscher angewiesen, weil sie genau damit auch hinter die Machenschaften von M.J. gekommen sind. Die Polizei hatte seine Telefone überwacht und bekam Bestellungen, Lieferungen und Termine mit.
1,3 Kilo «Nationalspeise» im Magen
Die Zwischenhändler wie M.J. bestellen bei Grosshändlern, die das weisse Pulver aus Südamerika erhalten, wie Michael Perler erklärt. Schmuggelrouten, Kurier und Vertriebskanäle veränderten sich ständig, so Michael Perler, Chef der Bundeskriminalpolizei (BKP). Auf verstärkte Kontrollen von Zoll und Polizei reagierten die Schmuggler, indem sie die Kurierfahrten von unauffälligen EU-Bürgern durchführen lassen.
Das Kokain wird in Spanien oder Holland umgeschlagen und für den Verkauf in die Schweiz transportiert. Allerdings ist «transportiert» ein harmloser Ausdruck für das, was die Schmuggler auf sich nehmen: Sie schluckten teilweise bis zu 1,3 Kilogramm Drogen, die in Dutzende sogenannte Fingerlinge verpackt seien, sagte Perler weiter. Für den Kurier ein tödliches Risiko, aber auch ein sehr lukratives: Pro Gramm, das er abliefert, erhält er bis zu sechs Franken.
Dank der verstärkten Anstrengungen der Polizei enden solche Transporte aber inzwischen oft in den Armen der Justiz, wie auch im Beispiel von M.J: Dank der überwachten Telefone konnte die Polizei einen Kurier abfangen. Ein Helfer des Nigerianers brachte ihn in einem Hotel in Brugg unter. Er sollte sich dort der geschluckten Fingerlinge entledigen, doch die Polizei wartete bereits auf ihn. Was dann auf dem Polizeiposten geschah, werden die Beamten von der Kapo Aargau so schnell wohl nicht vergessen: Der Kurier «schied 75 Fingerlinge aus», wie Winzenried höflich formulierte. «Sie können sich vorstellen, wie lange dies gedauert hat», sagte der Kripo-Chef vor den Medien und hielt zur Veranschaulichung den über ein Kilo schweren Sack mit den Drogenpäckchen hoch. «Er hat versucht uns weiszumachen, dass es sich dabei um eine Nationalspeise handle», so Winzenried weiter.
«Es ist wie eine Pfütze»
Nach der Festnahme des Kuriers und der Helfer war der Rest für die Polizei nur noch Routine. Bei der Hausdurchsuchung im Asylheim beschlagnahmten die Beamten bei M.J.: 1180 Franken Bargeld, 40 Gramm Kokain, drei Handys und zwei Digitalwaagen. Den Gewinn aus seinem Kokain-Geschäft hatte M.J. bereits ausser Landes geschafft – über 100 000 Franken, wie die Polizei nachweisen konnte. Die Gewinne würden regelmässig mit Bargeldübermittlungsdiensten ins Heimatland gesandt. Nun blüht dem Nigerianer eine mehrjährige Freiheitsstrafe.
Die Behörden lassen sich aber von solchen Erfolgen nicht blenden, wie BKP-Chef Perler sagte. Er verglich den Kokainmarkt und den Kampf der Polizei mit einer Pfütze: «Sobald wir den Fuss wieder rausnehmen, fliesst das Wasser wieder an die tiefste Stelle zurück.» Das Ziel müsse es sein, den Schweizer Markt durch weitere Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen für die Händler unattraktiv zu machen.


























