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Körperwelten
06. Mai 2009 16:54; Akt: 06.05.2009 17:16 Print
Akt des Anstosses
Gunther von Hagens Plastinate sorgten bereits 2001 für Empörung - nun hat der umstrittene Wissenschaftler einen neuen Skandal ausgelöst: In seiner aktuellen «Körperwelten»-Schau zeigt er ein plastiniertes Liebespaar beim Geschlechtsverkehr.
«Körperwelten und der Zyklus des Lebens» startet am Donnerstag im Berliner Postbahnhof. Doch noch bevor die Türen zur neuen Austellung von Gunther von Hagens für die ersten Besucher aufgehen, fordern Politiker parteiübergreifend, das Exponat «Der schwebende Akt» aus der Ausstellung zu entfernen.
Kritik übte unter anderem der CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegner. «Die Staatsanwaltschaft sollte prüfen, ob eine derartig abstossende Darstellung mit unserem Rechtssystem vereinbar ist», sagte der Politiker der «Bild»-Zeitung. Auch die Berliner Grünen-Abgeordnete Alice Ströver zeigte sich empört: «Geld mit Leichen zu verdienen ist absolut jenseitig. Dieses Paar ist dann noch der Gipfel - und sollte nicht gezeigt werden.»
Hagens gegen Zensur seiner Plastinate
Bei Plastinator Gunther von Hagens stiess die Kritik am Mittwoch auf Unverständnis: «Mir ist wichtig, dass ich nicht zensiert werde», sagte der Anatom mit Verweis auf seine Inhaftierung Ende der 60er-Jahre nach versuchter «Republikflucht» aus der DDR.
Auch Hagens' Ehefrau, Angelina Whalley, die Kuratorin der Ausstellung ist, verteidigte das umstrittene Plastinat. «Uns ist bewusst, dass das Plastinat dazu geeignet ist, Vorurteile hervorzurufen», sagte die Medizinerin. Die Präparate stammten jedoch von Spendern, die explizit verfügt hätten, ihre Körper auch zur Darstellung des Geschlechtsaktes zur Verfügung zu stellen.
Wer das Plastinat anstössig finde, müsse sich dem Objekt gleichwohl nicht «aussetzen», denn es stehe in einem separaten Raum. Zum sogenannten «Anatomischen Kabinett» hätten Jugendliche unter 16 Jahren zudem nur dann Zutritt, wenn deren Eltern damit einverstanden seien. Whalley fügte hinzu, dass das Fotografierverbot im «Anatomischen Kabinett» verhindern solle, dass «Bilder des Plastinats in einem nicht geeigneten Zusammenhang gezeigt werden».
Von der Zeugung bis ins hohe Alter
Insgesamt sind in der Ausstellung «Körperwelten und der Zyklus des Lebens» im Postbahnhof mehr als 200 Plastinate zu sehen, die die Entwicklung des menschlichen Körpers von der Zeugung bis ins hohe Alter dokumentieren. Gezeigt werden unter anderem 16 Ganzkörperplastinate sowie Gegenüberstellungen von gesunden und kranken Organen.
Der erste Ausstellungsraum widmet sich der embryonalen und fetalen Entwicklung. In gläsernen Behältern werden sämtliche Entwicklungsphasen der Schwangerschaft nachempfunden. Schockierend sind vor allem jene Präparate, die vorgeburtliche Fehlbildungen zeigen. 2001, als die Ausstellung erstmals in Berlin gastierte, waren diese Exponate noch in einen mit einem Hinweisschild versehenen Nebenraum verlagert worden.
Wie bereits vor acht Jahren setzt Gunther von Hagens auch in der neuen Ausstellung auf verstörende Vergleiche von gesunden und kranken Organen, darunter arthritische Kniegelenke, Gehirntumore und eine Raucherlunge.
Auch die «Streitfigur» dürfte auf viele Besucher befremdlich wirken. Auf den ersten Blick scheinen sich zwei Menschen einander am Tisch gegenüberzusitzen. Erst bei genauerem Hinsehen ist zu erkennen, dass es sich um die beiden Körperhälften ein und derselben Person handelt. Der Körper wurde entlang der Längsachse durchtrennt, die Brust- und Bauchorgane liegen zwischen den «Streitenden» auf dem Tisch.
So befremdlich die Präparate auch sein mögen, so sehr ziehen sie die Besucher in ihren Bann. Seit der ersten «Körperwelten»-Schau 1996 in Japan haben Hagens zufolge mehr als 27 Millionen Menschen die Ausstellung besucht. Bei der ersten Schau in Berlin zählten die Initiatoren 1,3 Millionen Besucher.
Aktuell mehr als 10 000 Körperspender registriert
Die Konservierungsmethode der Plastination geht auf Hagens zurück, der das Verfahren 1977 während seiner Zeit am Anatomischen Institut der Universität Heidelberg erfand. Es gelang ihm, den Verfall des toten Körpers zu stoppen, indem er den Körpern Flüssigkeiten und Fette entzog und durch Harze und Silikon ersetzte. Hagens' Angaben zufolge benötigt er für ein Ganzkörperplastinat etwa 1.500 Arbeitsstunden.
Das Heidelberger Institut für Plastination startete 1982 ein Körperspenderprogramm. Aktuell sind dem Institut zufolge 10.040 Spender registriert. Zu ihnen zählt nach eigenen Angaben auch Gunther von Hagens. Er wolle sich «in adäquater Pose» plastinieren lassen.
(dapd)



























