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08. Mai 2009 16:46; Akt: 09.02.2010 18:51 Print
Teil II: Vom «Judenhammer» nach Auschwitz
Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit verschlechterte sich die Lage der Juden weiter; nun machte ihnen die Inquisition der römisch-katholischen Kirche zu schaffen, die beileibe nicht nur vermeintliche Hexen verfolgte. Schon um 1420 erschien der «Malleus Judaeorum» («Judenhammer») des Heidelberger Inquisitors Johannes von Frankfurt; ein Vorläufer des berüchtigten «Malleus Maleficarum» («Hexenhammer»). Insbesondere die Spanische Inquisition hatte es auf die Entlarvung von als «Marranos» (Schweine) beschimpften Juden und Mauren («Moriscos») abgesehen, die – meist zwangsweise – zum Christentum konvertiert hatten, aber verdächtigt wurden, insgeheim ihre vorherige Religion zu praktizieren. Solchen enttarnten «Conversos» drohte der Tod auf dem Scheiterhaufen.
Römische Inquisition: Peinliche Befragung
Auschwitz: Endpunkt des rassisch-biologistisch begründeten Antisemitismus
Bundesrat Etter: Sozial und staatspolitisch begründeter Antisemitismus
Pius XII (1945): Kein lautstarker Protest gegen die Judenvernichtung(Bild: Keystone/AP)
Papst Paul II. an der Klagemauer: Historisches «Mea Culpa»(Bild: Keystone/EPA/JIM HOLLANDER)
Bücherverbrennung und Hostienfrevel
Unter Papst Julius III. liess die römische Inquisition 1553 im Kirchenstaat alle talmudischen Bücher einziehen und am jüdischen Neujahrsfest öffentlich verbrennen. Die Reformation brach dann zwar das Wahrheitsmonopol der katholischen Kirche, doch in den den protestantischen Konfessionen lebte der antijüdische Geist unvermindert weiter – Martin Luther beispielsweise schrieb 1543 über die «Jüden»: «... so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind.»
Der katholische Antijudaismus blieb nicht auf Theologen und Klerus beschränkt, sondern sickerte – vermittelt von Predigten, Fürbitten und Passionsspielen – in die Gedanken- und Gefühlswelt des einfachen Kirchenvolks ein, wo er sich oft mit abergläubischen Elementen verband. Ein Beispiel dafür ist der Mythos vom Hostienfrevel. Immer wieder wurden Juden bezichtigt, geweihte Hostien aus dem Tabernakel gestohlen und für ihre Rituale missbraucht, geschändet oder gar gefoltert zu haben. Aus diesem Gemisch aus volksfrommem Aberglauben und theologischer Schuldzuweisung entstand etwas, das der Freiburger Historiker Urs Altermatt ein «eigentliches Lernfeld der Judenfeindschaft» nennt.
«Fehlende Solidarität»
Verheerend wirkte sich dieser Geist einmal mehr aus, als die Nazis im Zwanzigsten Jahrhundert zur bisher entschlossensten Ausrottungsaktion gegen die Juden schritten. Der jahrhundertelang praktizierte religiöse Antijudaismus hatte das Feld bereitet, auf dem der rassistische Antisemitismus der Nazis Wurzel schlagen und blühen konnte. Von der Kirche kam nur lauer Protest, als die Züge mit den europäischen Juden in die Vernichtungslager des Ostens fuhren.
«Mit Sicherheit können wir davon ausgehen, dass antisemitische Denkklischees nicht nur von einigen ultramontan-katholischen Klerikereliten vertreten wurden, sondern im katholischen Milieu weit verbreitet waren», schreibt Altermatt in seinem Werk «Katholizismus und Antisemitismus». Die «fehlende Solidarität mit den verfolgten Juden» sei «eine fast durchgängige Konstante» gewesen.»
«Widerchristlicher» Antisemitismus
Immerhin unterschied der Katholizismus – und hier dürfte er sich gar humaner gebärdet haben als der Protestantismus – zwischen einem erlaubten «christlichen» und einem verbotenen «widerchristlichen» Antisemitismus. «Widerchristlich», da letztlich darwinistisch, war für das offizielle «Kirchliche Handlexikon» von 1907 der rassistisch-biologistisch begündete Antisemitismus, wie er dann von den Nazis propagiert und praktiziert wurde. Der «christliche» Antisemitismus hingegen argumentierte sozial und staatspolitisch; hier befürchtete man den «zersetzenden» Einfluss «jüdischen Denkens» auf Moral und Gesellschaft. So befand der katholische Zuger Regierungs- und Ständerat Philipp Etter, «Judenhetze» sei «aus grundsätzlichen Erwägungen» abzulehnen. Zugleich war er der Meinung, das Judentum habe «zu viele zersetzende Kräfte ins deutsche Volkstum hineingetragen.» Als Bundesrat unterliess es Etter denn auch geflissentlich, seine Stimme gegen die Gräueltaten der Nazis zu erheben. Etter war dabei in bester Gesellschaft: Auch Papst Pius XII. vermied lautstarke Proteste gegen die Judenvernichtung.
Papst an der Klagemauer
Ausgerechnet Johannes Paul II., der sonst so konservative polnische Pontifex, brach entschieden mit dieser langen antijüdischen Tradition. 1998 beklagte er die Mitschuld der Christen am Holocaust; am 12. März 2000 äusserte er in einem Gottesdienst zu Beginn der Passionszeit sein historisches «Mea Culpa» (eine christliche Formel des Schuldbekenntnisses; wörtlich: «Meine Schuld»), in dem er kirchliche Verfehlungen im Zusammenhang mit Glaubenskriegen, Judenverfolgungen und Inquisition eingestand. Schliesslich betete er auf seiner Pilgerreise nach Israel an der Klagemauer und besuchte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.
Sein Nachfolger hat mit seinen restaurativen Entscheidungen das katholisch-jüdische Tauwetter wieder beendet. Seine Reise nach Israel wird zeigen, ob die Distanzierung vom Antijudaismus nur eine kurzlebige Mode in der katholischen Kirche war.
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Vom Christusmord zum Ghetto

























