Zweiter Weltkrieg

12. Januar 2009 09:10; Akt: 12.01.2009 10:30 Print

Was geschah in Marienburg?Was geschah in Marienburg?

Bei Bauarbeiten sind im polnischen Malbork, dem ehemals deutschen Marienburg, rund 1800 Skelette zum Vorschein gekommen. Zeugen eines Massakers an deutschen Zivilisten, die nicht rechtzeitig flohen?

storybild

Immer mehr Knochen: Exhumierungsarbeiten in Malbork

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Das gigantische Massengrab im Zentrum von Malbork war bereits im Oktober letzten Jahres entdeckt worden. Bei Bauarbeiten in der Piastowska-Strasse wurden zahlreiche menschliche Knochen zutage gefördert. Stadtverwaltung und Polizei wurden eingeschaltet. Ein Gerichtsmediziner stellte fest, dass es sich um etwa 70 Tote handelte; Männer, Frauen und Kinder. Alle waren unbekleidet in die Grube geworfen worden, manche Schädel wiesen Schussverletzungen auf.

1800 Skelette

Nachdem im November weitere Skelette gefunden wurden, begannen lokale Medien über den makaberen Fund zu berichten. Und es wurden immer mehr Knochen gefunden: Mittlerweile sollen es um die 1800 Skelette sein, die in dem Massengrab liegen, berichtete die polnische Nachrichtenagentur PAP. Die Zahl könnte noch weiter steigen, da die Exhumierung weitergeht.

Bei den Opfern handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um Deutsche — Einwohner des bis 1945 mehrheitlich deutschen Marienburg und möglicherweise auch Flüchtlinge aus Ostpreussen. Weniger sicher ist die Täterschaft: Fielen die Zivilisten gegen Kriegsende den erbitterten Kämpfen zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee zum Opfer, wie ein Mitarbeiter des Marienburger Museums der PAP sagte?
Oder wurden die Menschen zusammengetrieben und erschossen, wie es die Schussverletzungen an zahlreichen Schädeln und die Kleider- und Munitionsfunde in der Nähe des Massengrabs nahelegen? Und wer hatte geschossen — Soldaten der Roten Armee oder polnische Milizionäre?

Erbitterter Widerstand

Am 12. Januar 1945 begann die grosse sowjetische Offensive, die den Zusammenbruch der deutschen Ostfront einleitete. Hunderttausende von deutschen Zivilisten flohen aus den östlichen Gebieten des Reichs nach Westen. Manche aber blieben; so auch in Marienburg, wo etwa 3800 deutsche Einwohner zurückblieben. Sie sind nach Angaben des Roten Kreuzes verschollen.
Die Rote Armee erreichte die westpreussische Stadt gemäss Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht am 27. Januar 1945. Die deutschen Truppen leisteten erbitterten Widerstand und verschanzten sich in der berühmten Burg, dem grössten Backsteinbau der Welt. Die Kämpfe dauerten bis zum 9. März.

Erfroren, verhungert — oder erschossen

Der Bürgermeister von Malbork, Andrzej Rychlowski, sagte der deutschen Boulevardzeitung «Bild», im harten Winter 1944/45 seien viele der zurückgebliebenen Deutschen erfroren und verhungert. Nach der Eroberung der Stadt hätten die Überlebenden die Leichen zusammentragen und in einen Bombentrichter werfen müssen. «Damit die Nachwelt nichts davon erfährt, könnten die Russen die Deutschen erschossen haben, als die Arbeit verrichtet war.» Dies erkläre, so «Bild», warum die zuerst gefundenen Skelette alle Schusswunden aufwiesen: Sie hätten auf den anderen gelegen.

Die deutsche Zeitung «Welt» präsentiert in ihrer Online-Ausgabe einen weiteren Zeugen. Der nur mit Vornamen genannte Mann sei als Junge kurz nach dem Krieg in Malbork gewesen, wo man ihm die inzwischen zugedeckte Grube gezeigt und ihm gesagt habe, das seien die Russen gewesen.

Keine polnische Beteiligung

Gegen eine mögliche Beteiligung von polnischen Soldaten an dem Massaker spricht, dass sich das Einsatzgebiet der I. Polnischen Armee weiter südlich befand. Auf mehreren Websites wie Polskaweb.eu, die dem rechten politischen Spektrum zugerechnet werden können, werden jedoch polnische Milizionäre verantwortlich gemacht; freilich ohne jeden Beleg.

Die Stadtverwaltung von Malbork hat inzwischen mit mehreren deutschen Stellen, unter anderem dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Kontakt aufgenommen. Die Toten sollen schliesslich eine letzte Ruhestätte finden. Wo dies sein wird, ist noch völlig unklar.

(dhr)